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Der Krötenbrunnen

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Der Krötenbrunnen

 

»J’aimes être libre, éperdument libre. Libre comme un mort-né.«

E.M. Cioran

 

Sie hatte es getan, schließlich hatte sie es getan, allein dies ging ihr wie ein waagerecht durch den Kopf laufendes Band durch die Sinne, wie ein anachronistischer und unpersönlicher Scroll, der just in dem Moment abzulaufen begonnen hatte, als sie in dem nach Jod und Medikamenten riechenden Bett des um ein ganzes Leben älteren Mannes aufgewacht war. Sie hatte es getan, schließlich hatte sie es getan, sagte sie sich und schaute auf den glatten Rücken, die zu runden Hinterbacken – sie waren ihr schon vor längerer Zeit aufgefallen, als sie ihn beobachtete, wie er über den Krankenhausflur davonging, oder wenn er sich im Operationsraum plötzlich umdrehte, eine unerwartete Pirouette vollführte und die Spritze in den Kautschukdeckel der Perfusion steckte. Sie hatte es getan, schließlich hatte sie es getan, und danach wäre sie am liebsten wie von Zauberhand hinweggefegt verschwunden aus dem  Bereitschaftszimmer und dem Bett dieses Typen, den sie nicht beim Namen nannte, und der sie am Vorabend mit gelangweilter Stimme ins Zimmer gerufen hatte, um ihr das Operationsprotokoll zu diktieren. Sie waren verpflichtet – das wusste selbst Maia, die erst seit ein paar Monaten im Operationssaal arbeitete –, sämtliche Operationen detailgenau zu protokollieren, schwarz auf weiß aufzuschreiben, wie der Schnitt mit der Stahlklinge des Skalpells gesetzt wurde, wie man durch die gelbe und kompakte Fettschicht zwischen Kapillaren, Venen, feinem Arteriengeäst sowie unter dem Muskel verborgenen feinsten Gefäßen hindurchgedrungen war, wie man ringsum mit hämostatischen Klammern die Blutung gestoppt hatte, wie man – immerzu Haut und Muskel, Fett und Gefäße voneinander ablösend – an den besagten Ort gelangt war; nun mussten sie ausführlich erzählen, was sie in diesem Fall getan hatten. Was tut man, wenn man der Krankheit von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht? Was macht man mit dem Fleisch, wie verbirgt man die Krankheit, was schreibt man ins Protokoll? Maia hatte sich diese Fragen bis dahin noch nicht gestellt, aber sie hatte schon gemerkt, dass es da einen stilistischen Unterschied zwischen Professor Negru und dem Rest der Chirurgen aus diesem Krankenhaus gab. Die meisten von ihnen diktierten mechanisch, monoton, mit Wörtern, die aus ihren in Cluj, Timişoara und, was eher seltener vorkam, in Bukarest gebüffelten Medizin-Lehrbüchern stammten. Doktor Negru aber dachte nach, erzählte, zögerte, griff etwas noch einmal auf, stellte den Satz um, bat sie, ihm die Anamnese noch einmal vorzulesen. Er saß vornübergebeugt da, den Blick in die immer enger werdende Lücke zwischen ihren Stühlen versenkt, betrachtete den zu einem Mosaik geschliffenen Betonboden und suchte nach Worten, als liebkoste er deren Konturen.

Als er wie zufällig ihr nacktes Bein berührte, wollte sie sich entschuldigen: Während sie die Sätze schrieb, die er ihr aufmerksam auf deren Verläufe achtend diktierte – er bat sie stets, auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Subjekt und Prädikat zu achten, auf die Interpunktion, die Logik der Sätze –, war er zu nahe an sie herangerückt. Seine riesige Hand (er war der einzige unter den Chirurgen, der um Handschuhe der Größe 8,5 bat) war auf ihrem linken Knie zu liegen gekommen, er schloss dann die Handfläche über ihrer Kniescheibe, wobei er lächelte und sich wunderte, dass die Kniescheibe eines erwachsenen Menschen so klein und gewölbt sein konnte (wie ein Tischtennisball, sagte er), dann umfing er mit der gleichen Hand beide Knie, wirkte von Mal zu Mal amüsierter, ließ dann die Hand unter ihre Knie gleiten, während er sie mit der anderen Hand zu sich hin zog, in den grünen Sessel, den er aus dem alten Krankenhaus mitgebracht hatte, in dem die nichtchirurgischen Abteilungen verblieben waren, er öffnete ihren Kittel und setzte sie wie im Spiel auf sich, auf sein wer weiß, seit wann schon bereites Organ.

Danach sprachen sie kein Wort, er diktierte ihr das nächste Operationsprotokoll und wählte seine Worte mit großem Bedacht; erst als er jeden einzelnen Satz überprüft und ein paar Mal perfekt gemurmelt hatte, wobei er sie schier zögerlich aus seinen blauen Augen angeschaut hatte, fragte er sie, ob sie kein Wasserstoffperoxid brauche, worauf sie große Augen machte und zu lachen begann. Es geht auch mit Seife, sagte sie, sie hatte in diesem Moment ohnehin daran gedacht, man konnte nicht jedes Mal, wenn man entjungfert wurde, Wasserstoffperoxid zur Hand haben, auch gehört der dabei entstehende Schaum, wie bei einer gewöhnlichen Operation, nicht zu den erotischsten Dingen auf der Welt. Der Sarkasmus verging ihr jedoch wieder, als sie sah, dass Doktor Negru, so groß er auch war, allmählich die Fassung verlor: Ein eingeschüchterter Koloss von einem Mann, der vor Schüchternheit kaum noch die rechten Worte fand und einen Horror vor Anakoluthen hatte.

 

Sie erinnerte sich nicht mehr, wie es kam, dass sie über Nacht im Bereitschaftszimmer geblieben war. Aus den Geschichten der MTA-Mädchen wusste sie, dass man in der Nacht danach niemals dortbleibt. Man ging aus Tausend Gründen ins Schwesternzimmer: Jederzeit konnte ein Notfall eingeliefert werden, der Bereitschaftsarzt konnte jederzeit in eine andere Abteilung gerufen oder von seiner Frau angerufen werden, jederzeit konnte jemand durch die nicht verriegelte Tür hereinkommen. Wie konnte man denn in den Armen des Doktors, der einen gelangweilt herbeigerufen hatte, um die Protokolle der abendlichen Operationen zu diktieren, auf dem ausziehbaren Sofa im Gesumme des niemals zur Ruhe kommenden Krankenhauses liegen bleiben? Sie hatte keine Ahnung, warum sie geblieben war, einmal war sie sogar kurz weggenickt, aber als sie darüber erleichtert, dass sie es getan hatte, aufwachte, ja, schließlich hatte sie es getan, zog sie sich schnell an, welch ein Glück, dass sie an diesem Abend nur einen kurzen Kittel trug und nicht das übliche Salonkostüm bestehend aus Hosen und Jacke, suchte ihre Schlappen, fand sogar ihre phrygische Mütze – war da nicht auch ihr Name mit rotem Faden hineingestickt – und fegte hinaus auf den Flur. Beinahe hätte sie sich auf dem frisch gewaschenen Betonboden ein Fußgelenk gezerrt. Im letzten Moment gelang es ihr noch, zum Gleichgewicht zurückzufinden, sie nahm noch eine Kurve – der Operationsblock bestand aus einem rechteckigen Raumgefüge, das in einen größeren quadratischen Block mit den Türen zu den Krankenzimmern auf beiden Seiten eingebettet war – und begab sich unter die Dusche. Als sie schon unter dem heißen Strahl stand, hörte sie, dass an die Tür geklopft wurde, eine männliche Stimme, Stille, Schweigen und das Wasser, das ihr in einer elementaren Liebkosung über den Schädel floss.

Im Nacken waren ihre Haare noch nass, sie hatte sie nicht neben dem Heißluftsterilisator trocknen lassen, wie sie es getan hätte, wenn die Situation eine andere gewesen wären. Die Sterilisation der Instrumente musste überwacht werden. Was, wenn der Strom ausfiel? Wenn der Sterilisator kaputtging? Normalerweise stellte sie sich einen Stuhl vor den Autoklaven, nahm sich ein Buch und las. Hin und wieder hob sie den Blick aus dem Buch und schaute auf das kleine rote Lämpchen, an dem sie erkennen konnte, dass die Sterilisation weiterlief. Nun schaute sie es so lange an, bis sie nichts mehr erkannte, bis sie spürte, wie sich ihr Körper in dutzende Kontrollämpchen zerteilte, bebend den Autoklaven und sämtliche Instrumente umfasste, die sie gründlich gewaschen und auf einem Bett aus Gaze abgelegt hatte – die Pinzettengarnitur mit den Klammern, mit denen man die Randbereiche einer Operation fixierte, elf Péan-Klammern, die auf eine große Bedienungspinzette aufgefädelt waren, elf hämostatische Kocher-Klammern, die Metzenbaum-Scheren, Farabeuf-Zangen, die Mathieu-Nadelhalter und die Liston-Knochensplitterzange, die bestens geschliffenen Skalpells, Knieelemente, Teile der Hüftprothesen, Bohrer aller Größen, Hämmer und Meißel sowie jener Hohlmeißel, wie kam es bloß, dass der im Gerät verblieben war? Plötzlich stieg ihre Körpertemperatur um ein paar Grade an, sie bedurfte nun keines Haartrockners mehr, um ihre Haare zu trocknen, sie trockneten ohnehin zu schnell, und nun mussten sie sogleich unter dem doppelten Gazehelm verschwinden, der von den vielen Sterilisierungen schon vergilbt war und zweimal um den Hals herum verschnürt werden musste. Dann machte sie mit einer Lupe und einer Lampe mit ultraviolettem Licht Jagd auf jedes Haar, das auf dem blauen Fußboden ihres Operationssaals gelandet war. In den wenigen Monaten, die sie dort arbeitete, war alles blau geworden – die Wände, die Tischplatten, selbst die Fenster hatte man so gestrichen, damit das Sonnenlicht niemals die genauen Strahlenbündel des schattenlosen Operationslichts störe. Ein gewelltes, jedoch gleichförmiges Blau. In dem Raum zwischen der Waschküche und dem Saal – wo Tag und Nacht zwei große Wasserbehälter kochendes Wasser bereithielten – hatte man eine Schiebetür mit Guckloch eingebaut, jenseits derer alles steril zu sein hatte, aseptisch, blitzblank, wie Pascuale sagte, der Chef über jenen blauen Saal und ebenso Maias Chef, die noch nicht so recht wusste, wie ihr geschah und warum sie, statt Medizinstudentin zu sein, Krankenschwester in einer kleinen Provinzstadt geworden war.

Hier erst, eingeschlossen in diesen sterilen Raum, wurde die Stadt, in der sie geboren, aufgewachsen und aus Versehen geblieben war, erdrückend. Die Stadt, mithin alles, was sich in den vier vergangenen Jahren akkurat festgesetzt hatte, rings um jene unmittelbar bevorstehende Abreise nach Cluj, nach Bukarest, vielleicht nach München, denn wenn sie es geschafft hätte, einmal das Land zu verlassen, sie hätte es sicher vermocht, dort auch zu bleiben, die Dinge konnten sich ändern, nur dass jene Abreise, die erste, deren Countdown längst begonnen hatte, die Alles-Entscheidende war. Verpflichtend. Nicht verhandelbar. Unabweislich, würde sie sich später sagen, wenn das Wort Teil ihres Wortschatzes geworden ist. Sie war jedoch nicht abgereist, und für das Leben, das sie begonnen hatte – vielmehr fortsetzte, was sie allerdings nicht so sah –, hatte sie überhaupt keinen Plan, keinerlei Erwartung und auch kein Verständnis. Als flöge sie bequem in einem Sessel sitzend mit einem Flugzeug, das sie an einen bestimmten Ort bringt, und könnte jeden Augenblick außerhalb des dünnwandigen und silbrigen Frachtraums erwachen, der den gesicherten Raum vom Chaos trennt.

Sie war in ihrer Kindheit mit dem Flugzeug gereist, zu der Zeit, als Deva noch einen Flugplatz hatte und das Zentrum der Stadt, das verwunschene Zentrum mit den Buchhandlungen und Schreibwaren und Frisörgeschäften, zwei Kinos – Patria und Arta[1] –  und insbesondere das Restaurant Transilvania, das Transi, wo sie einmal ihr gesamtes Konzertrepertoire erschöpft hatte und mit stehenden Ovationen und sehr viel Schokolade gefeiert worden war, jenes Zentrum der Welt, durch das hundert Jahre davor noch Charolais-Rinder spaziert waren, noch stand. Sie konnte sich an den Abflug nicht mehr erinnern, lediglich noch an den Kirchturm von Sîntandrei, wo ihre beiden Großmütter immer noch lebten – neben Tante Maritzi und Heinz Aron, nicht aber deren Töchter, Maria und Gali, die in die Stadt gezogen waren –, dann an die geometrischen Formen, das königliche Schloss, das Brotfeld, Alt Bethlehem, durch das sich die Marosch schlängelte und die Stadt des Mädchens allseits umgab. Welches Mädchens, hatte sich Maia jahrelang gefragt, welches Mädchen mochte der Stadt, in der es bei Regen tatsächlich nach Brot und nach Algen roch, seinen Namen verliehen haben? Sie hatte sich überhaupt nicht gewundert, als man auf dem Schlossberg Meeresalgen mediterranen Ursprungs fand; jedes Mal, wenn sie in ihrer allein aus Mädchen bestehenden Bande eine Wette abschlossen, und sie mit ihrem nasalen Wasser-Feuer-Glück die Wette besiegelte, erzählte sie auch den anderen Mädchen die Geschichte: Zu der Zeit, als das Wasser noch fast die gesamte Erdoberfläche bedeckte, war Deva, das Mädchenschloss, ein Unterwasservulkan, der alle zwei Jahre ausbrach und das Meer wie eine Suppe erwärmte, dabei entstanden unter dem Wasserspiegel ganz ungewöhnliche Figurinen, die man auch heute noch auf den Felsen inmitten der Festung sehen kann, aber noch besser sieht man sie von unten, unterhalb des Vulkans, wenn man sich am Rande des Krötenbrunnens auf die Zehenspitzen erhebt und die Augen zusammenkneift. Schaut, von hier, sagte sie zu den drei Grazien – Daniela, Crinela und Mirela –, die ihr entrückt zuhörten, denn sie hatte sie mit einem Schwur auf das Leben ihrer Mütter gebunden, schaut, hier, mitten durch den Krötenbrunnen ist die Lava geflossen, deshalb haben sie das Mädchen am Fuße der Festung eingemauert. Die Blume inmitten des Brunnens war eine Lotusblüte, aber weder Maia noch eine der drei Graziösen konnten schon wissen, wie eine Lotusblüte aussah und wozu ihre tausend Kelchblätter gut waren.

 

Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner

[1]              Vaterland und Kunst

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Bogdan Coșa
Bogdan Coșa
Bogdan Coșa este scriitor. Vezi „Cât de aproape sunt ploile reci” (Editura Trei, 2020).

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Daniela Chana, 1985 in Wien geboren, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihre Kurzgeschichten und Gedichte wurden bereits in zahlreichen Literaturzeitschriften (Lichtungen, kolik, entwürfe, etcetera, Am Erker, …). Ihr Lyrikdebüt „Sagt die Dame“ (Limbus Verlag, 2018) wurde unter die „Lyrik-Empfehlungen 2019“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. Am 15. Februar 2021 erschien ihr Erzählband „Neun seltsame Frauen“ im Limbus Verlag.