Plattform für Gegenwartsliteratur DE-RO
dlite_icon_organic
© Bogdan Coșa

4 Jahre DLITE

Before & After
Share on facebook
Share on whatsapp
Share on linkedin

BEFORE

Ich erinnere mich daran, dass mich der Anruf vom Goethe-Institut nach zwei Stunden Schlaf weckte. Ich hatte ein Aufenthaltsstipendium bekommen und versuchte, einen leichten Roman, so etwas wie Strandlektüre, zu schreiben, während es draußen in Strömen regnete. Meine Unterkunft befand sich eine Stunde Autofahrt von der nächsten Stadt entfernt, die ich nicht mehr gesehen hatte, seitdem ich voller Elan aus dem Zug ausgestiegen war; allerdings gelang es mir überhaupt nicht, warm zu werden. Das Schreiben lief auch nicht sonderlich gut. Ohne Menschen um mich herum, ohne Aufgaben, die ich erledigen musste, lebte ich genau verkehrt herum: Ich ging um sechs Uhr morgens schlafen, schlief bis mittags, stand mühsam aus dem Bett auf, wie ein dummer Märchenprinz. In dem Augenblick verstand ich nicht, wer mich kontaktierte, sondern nur, dass es um eine Zusammenarbeit ging… Lassen Sie mir die Details per E-Mail zukommen, sagte ich und schlief wieder ein.

Das Goethe-Institut Bukarest hatte diesen Blog, DLITE, ins Leben gerufen und sich vorgenommen, zusätzlich zu deutscher Literatur auch gegenwärtige rumänische Literatur zu fördern. Da die Leipziger Buchmesse, zu der Rumänien als Gastland eingeladen war, bevorstand, wurde ich mehr oder weniger gefragt, ob ich bei der Werbekampagne mit anpacken wollte. Ein Dutzend Artikel waren schon auf dem Blog veröffentlicht worden, der von außen betrachtet sehr gut aussah, modern und frisch, einfach zu bedienen, wie ein von Deutschen erstellter Blog. Also setzte ich einen Kaffee auf und schaute genauer hin, um mir eine Meinung zu bilden.

Abends ging ich entlang des Flusses spazieren, der die Wildnis, in der ich lebte, durchquerte. Außer dem Weg, der vom Haus ins Dorf führte, war der Fluss das Einzige, das man mit den Augen verfolgen konnte; die Regenwolken schienen nicht an der Wiese vorbeizuziehen. Ein sehr unpassendes Ambiente für diesen leichten Roman, die Strandlektüre, was mich meiner Kräfte beraubte. Zusätzlich zum Nieselregen wurde es auch noch windig. Mir fehlte nur noch ein weißes, dürres Ross, der sich meinen Kommandos wiedersetzte. Dieser Spaziergang war kürzer als sonst. An der Wohnung angekommen, entschied ich mich dazu, meine Sachen zu packen und mit dem ersten Zug von dort abzuhauen, bevor mich die Einsamkeit verschlingen würde.

AFTER

Zurück in Bukarest angelangt, ging ich zum Sitz des Goethe-Instituts und stellte einen Plan für eine Zusammenarbeit vor, der akzeptiert wurde; es stellte sich heraus, dass wir auf der gleichen Wellenlänge waren. Der Blog sollte in erster Linie eine Brücke zwischen den neuesten literarischen Erscheinungen der Einheimischen und der deutschen Leserschaft darstellen; ich übernahm die Verantwortung, diese zu kuratieren. Zusätzlich willigte ich ein, einige Gespräche mit jungen vielversprechenden AutorInnen durchzuführen, selbst wenn ich fast gar nichts über die Kunst des Interviewens wusste. Außerdem schlug ich Befragungen vor, mit denen wir die Zeit zwischen zwei ernsthafteren Beiträgen überbrücken könnten. Darüber hinaus bemühte ich mich, alle deutschbezogenen Bücher zu lesen, die auf Rumänisch erschienen: Übersetzungen oder Neuveröffentlichungen wichtiger Bücher.

In Kürze nahm alles Form an. Wir bekamen viel mehr Einsendungen als wir veröffentlichen konnten, alles Mögliche an Gedichten und Erzählungen. Die Verlage fingen an, uns Neuerscheinungen zuzuschicken. Sie hatten den Wunsch, mit uns zusammenzuarbeiten. Uns wurde Geld angeboten, aber wir lehnten ab und entschieden, selbst die Autoren auszusuchen, die wir empfehlen. Das großartige internationale Festival für Film und Literatur Discuția secretă (Das geheime Gespräch) räumte jungen vielversprechenden AutorInnen ein gesondertes Forum ein, das sie DLITE nannten und das ich voller Begeisterung bei der Ausgabe in 2018 und 2019 vorstellte. Gleichermaßen freute mich, zu sehen, dass uns immer mehr Literaturfestivals als Medienpartner haben wollen. Es war eine große Ehre für uns, als letztes Jahr im Rahmen der Preisverleihungsgala des Preises Sofia Nădejde für Frauenliteratur auch der DLITE-Debüt-Preis für Lyrik und Prosa an zwei sehr talentierte Schriftstellerinnen verliehen wurde.

Nun ja, vor einer halben Stunde, als mir mitgeteilt wurde, dass wir auf die vier Jahre seit der Bloggründung zugehen, und man mich fragte «Möchtest du vielleicht etwas dazu schreiben?», war das Erste, an das ich mich erinnert habe, dieser regnerische Vormittag, an dem ich viel zu früh vom Anruf des Goethe-Instituts Bukarest geweckt wurde. In der Zwischenzeit müssten über 400 Beiträge veröffentlicht worden sein; ich habe mich mit vielen SchriftstellerInnen, ÜbersetzerInnen, VerlegerInnen usw. ausgetauscht – ich habe auch Fehler begangen und diejenigen, denen ich Unrecht getan habe, zeigten sich verständnisvoll. Mir wurde auch grundlos gedroht. Und falls sich jemand die Frage stellen sollte, ja, ich habe auch den Roman veröffentlicht, der mich in der Wildnis quälte. Am Wichtigsten ist aber, dass ich sehr fleißigen KollegInnen begegnet bin (Evelin, Marina, Bettina, Elena, Marius, Ina, Carmen, später Susanne, Andra, Manuela), von denen ich viel gelernt habe. Und wenn ich mir etwas wünschen müsste wäre es, dass wir auch in vier Jahren präsent sind, die Pandemie gut überstanden haben, und ihr uns auch weiterhin lest.

Share on facebook
Share on whatsapp
Share on linkedin
Bogdan Coșa
Bogdan Coșa
Bogdan Coșa este scriitor. Vezi „Cât de aproape sunt ploile reci” (Editura Trei, 2020).

Weitere Beiträge:

Auszug aus dem Roman „Das Menschenfleisch“ von Marcel Beyer

Marcel Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter 2008 den Joseph-Breitbach-Preis und 2016 den Georg-Büchner-Preis. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig.

Ann Cotten: Wie mühsam ist es, ein Mensch zu sein, wenn man noch nicht verrückt ist.

Ann Cotten wurde 1982 in Iowa geboren und wuchs in Wien auf. All Ihre literarische Arbeit wird nicht nur in der Literaturszene, sondern auch in den Bereichen der Bildenden Kunst und der Theorie geschätzt und wurde zuletzt mit dem Klopstock-Preis und dem Hugo-Ball-Preis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie den Internationalen Literaturpreis und 2021 den Gert-Jonke-Preis. Ann Cotten lebt in Wien und Berlin.

Joachim Umlauf: „Wenn es mehr finanzielle Mittel gäbe, gäbe es auch eine allgemeine Ruhe“

Anlässlich des fünften Jahrestages des DLITE-Literaturblogs wurde in diesem Jahr mit Unterstützung des Goethe-Instituts Bukarest das Bursa de creație DLITE ins Leben gerufen. Die Jury vergab zwei Preise an Mihai Radu und Corina Sabău. Wir sprachen mit Joachim Umlauf, dem Leiter des Goethe-Instituts Bukarest, über die Bedeutung der Förderung des Kreativsektors, über das kulturelle Bukarest, über öffentliche Fördermittel, aber auch über neue Perspektiven und literarische Mischungen:

Leseproben:

Aktuell