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Mihai Radu | © Autor

Generalprobe für eine bessere Welt

DLITE stellt den Gewinnertext des Wettbewerbs 2021 für unveröffentlichte rumänische Erzähltexte vor.
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Generalprobe für eine bessere Welt von Mihai Radu

Gerade ins Auto eingestiegen, erhielt ich einen Anruf aus dem Conacul speranței. Sie hatten mich bereits am Vorabend angerufen. Da hatte ich ihnen gesagt, dass ich mich zurückmelde, hatte es aber weder getan noch vor.

„Sie müssen unbedingt kommen und Herr Negrescu abholen“, sagte mir die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich wusste, wie es am anderen Ende der Leitung aussah. Ein weißer, heller Flur, in dessen Mitte sich eine ebenso weiße Empfangsstelle befand. „Ich habe es Ihnen bereits gesagt, wir können nach anderen Möglichkeiten Ausschau halten“, fuhr die Stimme fort.

Ich sagte, dass meines Erachtens, die einzige funktionierende Möglichkeit diejenige sei, dass er dortbliebe. Und dass in seinem Alter die Optionen ziemlich eingeschränkt seien. Dann fuhr ich gemächlich in einer Art Beamtenton fort:

„Was ist denn das Leben, Schwester? Wenn nicht eine fortlaufende Einschränkung unserer Möglichkeiten, bis die einzige verbleibende Option diejenige ist, dass man aufhört, zu atmen?“
Sie verstummte für einige Sekunden.

„Das müssen Sie gemeinsam mit Ihrer Familie entscheiden, aber Sie müssen ihn unbedingt nach-hau-se holen.“

Daran wollte ich nicht denken, an die Situation meines Vaters oder an seinen Tod. Ich stellte mir das alles wie einen Erdrutsch in Chile vor: Man sieht im Fernsehen die Nachrichten über ein paar Tote, der Nachrichtensprecher von einem lokalen Sender berichtet über Unruhen vor Ort, und kurz darauf kommt der Wetterbericht.

Der letzte Vormittag im November war mild, sogar beinahe warm. Patricia rief mich zu sich, um gemeinsam einen Kaffee zu trinken und miteinander zu schlafen. Mein Körper fühlte sich so an, als wäre es schon Wochenende, obwohl es gerade mal Dienstag war. Ich wollte Slavic abholen, mit ihm nach Giurgiu fahren und den Abend mit ein paar Bieren in der Mecanică fină, ausklingen lassen.

„Das müssen Sie doch verstehen!“, sagte die Frau noch mehrmals zu mir.

Dieses „Sie müssen das doch verstehen“ gefiel mir nicht sonderlich, darum wurde ich zum Schluss recht patzig. Ich sagte zu der Frau, dass sie meinen Vater, wenn es halt so dringend sei, nach draußen auf die Straße bringen möge und fertig. Man könne ihn während der Nacht dort lassen.

„Sie decken ihn zu, setzen ihm eine Mütze auf, breiten Zeitungen und Kartons vor ihm aus, so wie die Penner sie haben. So wie die Amerikaner ihren alten Kühlschrank vors Haus bringen, so stellen Sie einen fünfundachtzigjährigen Mann vor das Altenheim. Vielleicht möchte ihn jemand mitnehmen und für ein, zwei Jahre noch gebrauchen. Ein junges Ehepaar, am Anfang des gemeinsamen Lebensweges, wer kann es wissen? Vielleicht brauchen sie einen alten Mann, zumindest so lange, bis sie Geld gespart haben und einen Kredit aufnehmen können, um sich einen neuen alten Mann zu leisten.“ Dann sagte ich noch, dass mein Vater im schlimmsten Fall denken würde, dass er gerade träumt, wenn er vor dem Gebäude steht. Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass er sterben würde. Eine Gefahr, an die er sich später aber ja nicht erinnern und also auch keinen verklagen würde. Jetzt mal ehrlich, kann es für einen Fünfundachtzigjährigen etwas Schlimmeres geben als sein Alter?

 

„Herr Negrescu, damit ist nicht zu spaßen!“, sagte die Stimme.

Ich mache Spaß, worüber ich will, vor allem, wenn es sich dabei nur um Gedanken handelt, hätte ich am liebsten geantwortet.

„Allerdings sind im Dezember noch zehn bezahlte Tage übrig“, sagte ich mit Nachdruck, wie ein unsympathischer Mitbürger, der sich auf das Gesetz beruft und auf seine Rechte besteht, und legte auf.

Erst im Nachhinein fragte ich mich, was genau diese Sache mit dem „nach-hau-se holen“ zu bedeuten hatte. Es war klar, dass etwas passieren würde, aber wie sollte ich meinen Vater nach Hause holen? Mit einem Taxi, oder wie sonst? Geben Sie mir eine Liege und ich schleppe ihn darauf durch die Stadt? Also habe ich zurückgerufen.

„Wie werde ich ihn mit nach Hause nehmen? Entschuldigen Sie die Frage.“

Die Einrichtung Conacul Speranței machte zu, das Gebäude wurde verkauft und mein Vater war der letzte Patient, der noch da war. Die anderen Familien hatten ihre alten Verwandten mit nach Hause genommen oder sie in anderen Altenheimen untergebracht. Nachdem das Gespräch zu Ende war, ist mir eingefallen, dass man ironisch hätte sagen können: Das Altenheim ist vor seinen Patienten verstorben.

Ich dachte, mein Vater würde dort, im Conacul speranței am Rande von Bukarest, langsam verkümmern und schließlich absterben. Dort, wo er täglich von Herrn Doktor Dumitraș besucht wurde, der mit seiner verschlafenen Aura an die tattrigen Security-Männer in den Apotheken erinnerte. Dort, wo der warme Blick von Dana, der Pflegerin, wo deren große, blaue und anständige Augen über ihn wachten. Was konnte sich ein fünfundachtzigjähriger Mensch sonst noch wünschen, wo er von nichts mehr wusste? Himmel, diese Dana! Diese Frau saugte alles Leid auf, das sie umgab. Wenn ich sie betrachtete, erwischte ich mich manchmal dabei, wie ich lächelte, ganz albern, als wäre ich kurz davor, einzuschlafen oder sogar ohnmächtig zu werden, hingezogen zu einer besseren Welt. Es war nicht auszuschließen, dass sich das Paradies im Inneren dieser Krankenschwester befand. Wie traurig aber war es, dafür geboren, dafür bestimmt zu sein, Gutes zu tun. Wenn es mehr als offensichtlich war, dass man nichts anderes tun konnte, so musste das schlimmer sein als eine Sucht. Man konnte damit nicht aufhören, so wie man mit dem Rauchen aufhört. Du stirbst, während du anderen hilfst, das Leben zerhackt dich wie ein Psychopath und verfüttert dich an die Leidenden und Schnorrer. Horror, Dana! Im Kontext dieser zerstörerischen Gutmütigkeit träumte ich von Dana im jungen Alter – jetzt muss sie wohl so um die sechzig sein – und fragte mich: Mann, wie kannst du daran denken, Dana zu bumsen, bist du verrückt geworden? Ich kann mir Dana nicht vorstellen, wie sie wilden hemmungslosen Sex mit Beißen und Kratzen hat. Würde man ihre Haut berühren, ihren Rücken durchdrücken, dann würden das Stöhnen der Sterbenden und die verirrten Blicke der hilflosen alten Menschen aus ihr heraustropfen.

Da gab es auch noch die Leiterin der Einrichtung Conacul, eine Frau, die mit aller Kraft versuchte, westliche Standards einzubringen, in jedes Gespräch, wo es nur ging. Westliche Standards als Zäpfchen: Wo auch immer sie ein Loch sah, da steckte sie das Zäpfchen rein. Die Bedingungen im Altersheim waren den „westlichen Standards“ angepasst, der Raum war nach „westlichen Standards“ eingerichtet und das auf Altenpflege spezialisierte medizinische Personal nahm an Weiterbildungen teil, die nach westlichen Standards abliefen.

Was für eine Zusatzqualifizierung hätte Dana noch nötig gehabt? Egal, welche Fragen ich ihr stellte, sie antwortete geduldig und heiter. Mein Vater starrte uns während des Gesprächs mit großen, verwunderten Augen an, als ob er ein Gerät wäre, das die Szene aufzeichnete. Ab und zu schaute ich zu ihm hinüber, zwinkerte ihm zu, doch er zeigte keine Regung, blieb ausdruckslos, der Anmutung eines Rekorders treubleibend.

Einen Donnerstag zuvor, als ich meinen Vater besuchte, sagte Dana, dass ich mit der Leiterin sprechen sollte, da ich den „Herrn“ mit nach Hause nehmen müsse. Ihre Stimme klang einen Ton sanfter, als sie hinzufügte:

„Wissen Sie, manchmal sprechen sie im Schlaf. Manche, nicht alle. Manche erzählen dabei so einiges.“

Das war also Danas Empfehlung: Ich solle meinen Vater nicht in eine andere Einrichtung hinbringen, sondern ihn nach Hause mitnehmen, weil seine letzten Tage gekommen waren und er, vielleicht, nachts im Schlaf Sachen erzählte. Am liebsten hätte ich geantwortet, dass mich mein Vater mit nichts mehr überraschen könnte. Es sei denn, er würde die Lotto-Zahlen vorhersagen. Dann überlegte ich mir, sie zu fragen, ob die Kranken nachts über Klarheit verfügten, ob sie Zugang zu einer Art kollektivem Bewusstsein der Sterbenden hätten, zum Erinnerungsvermögen all derer, die es bald hinter sich hätten. Außerdem hätte ich gerne gefragt, was andere ältere Menschen gesagt haben, in solchen Nächten, bevor sie gestorben sind. Aber ich tat es nicht. Ich hätte meine Stimme verstellen können, so wie das in Hörspielen üblich ist, um sie zu fragen: „Liebe Dana, ist die Nacht eine Welt, in der die Sterbenden dieses Planeten die Augen weit aufmachen und etwas Essenzielles übers Leben verraten?“

„In Anbetracht seiner Krankheit“, sagte ich anstatt dessen, „wird er wohl nichts mehr sagen, denke ich. Er war schon immer ein zwischen Aktenbergen und Papierkram versunkener Mensch, der sich auf so etwas wie ‚Gib mir mal einen Löffel!‘ beschränkt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er jetzt etwas Entscheidendes erzählt. Andererseits, man weiß es ja nicht!“

Mit Slavic traf ich mich gegen 12. Wir fuhren zusammen nach Giurgiu. Das Projekt Lebendige Gewässer oder, wie wir es unter uns nannten, PK – Abkürzung von Die Plastikkinder ging in kleinen Schritten, Kinderschritten tatsächlich, voran. Das war auch das, wonach wir gerade suchten: Nach zwei Kindern, die in einer Fernsehwerbung mitspielen würden. Sowie nach Gelegenheiten und „Aufgaben“, bei denen wir das Geld ausgeben konnten, dass wir von Carrefour für das Projekt bereits bekommen hatten. Wir hatten viel Geld zur Verfügung, wir hatten Zeit, keinerlei Panik, die Werbung sollte erst im April nächsten Jahrs gesendet werden.

Die erste Phase des Projekts Die Plastikkinder würde eine Sensibilisierungskampagne sein. So lief das immer ab, mit diesem Bullshit, mit diesen von den großen Konzernen subventionierten Umweltschutz-Sensibilisierungskampagnen, mit denen einfachen Menschen vergegenwärtigt werden sollte, dass es nicht gut sei, Plastik unbekümmert wegzuschmeißen. Die Menschen sollten sich in brave Hündchen verwandeln, die ihr Plastik in Tütchen aufsammelten, ohne dass sie sich vergegenwärtigen konnten, wie viel Gewinn die Konzerne mit diesen Tütchen und dem restlichen Plastikuniversum herausschlugen. Sich etwas zu vergegenwärtigen heißt, sich selbst Vorwürfe zu machen, darum geht es. Und je dümmer der Mensch ist, desto cooler findet er es, sich etwas vergegenwärtigen zu lassen. Und je mehr er etwas vergegenwärtigt, desto nobler möchte er rüberkommen, sodass er sich nur noch mehr Vorwürfe macht und sich in einen Helden verwandelt, der die Schuld der ganzen Welt auf sich nimmt und der sich denen gegenüber, die sich die Sachen nicht vergegenwärtigen können, überlegen fühlt. So kann man mit diesem Menschen anstellen, was immer man auch will. So kann man über Milliarden von Dollars verfügen und einem noblen Armen sagen, dass Geld unwichtig sei, und der wird es glauben. Dafür hatte Carrefour das Geld eigentlich ausgegeben: Um dem Plebs und den Armen zu vergegenwärtigen, dass sie an allem Schuld sind. Der Beweis, dass diese Vergegenwärtigung erfolgreich war: Die zehn Meter hohen Statuen, die wir am Donauufer aus Plastikflaschen bauen würden. Sie stellten die beiden Kinder dar, die sich die Hände gaben. Eine Art nicht abbaubare Scheiße, die von den Bewohnern eigenhändig gesammelt wird. In Millionen von Jahren, wenn der Kreis Giurgiu nur noch einer verbrannten Erdoberfläche gleichen wird, werden die zwei Plastikkinder, die für immer Kinder bleiben werden, weiterhin ins Leere starren, unglaublich sensibilisiert.

Wir sollten mit einem lokalen Künstler zusammenarbeiten, nach dem gleichem Ziel, der Sensibilisierung der Dummen und der Vergegenwärtigung ihrer dortigen Gepflogenheiten.

Anton Slavic wartete vor dem Büro auf mich, ohne sich zu rühren, mit seinem marineblauen Rucksack auf der Schulter, in dem er immer Sandwiches hatte.

Anton Slavic war ein Moldawier, aus dem Land jenseits des Pruths, der in den 90er Jahren nach Rumänien zum Studieren kam. Später wurde er im Zuge des gesellschaftlichen Umbruchs assimiliert; in einer Ehe mit einer Frau, die sich sehr zärtlich um ihn sorgte und ihm seine materiellen Sorgen nahm. Sie stammte aus einer Familie, die nach der Revolution vom rumänischen Staat einige enteignete Wälder zurückbekommen hatte. Das ermöglichte es Slavic, in Filmen mitzuspielen, er gründete sein eigenes Filmstudio und stieg letztendlich in die Pornoindustrie ein. Dies war für ihn allerdings nur ein kurzes Vergnügen. Nach nur zwei Monaten als Koproduzent bei einer ungarischen Firma wurde ihm mitgeteilt, dass seine Dienste nicht mehr benötigt würden und so kam es, dass er mit einem Batzen Manuskripte, die er vor sich hielt wie ein Kind, welches unbeholfen eine Puppe trägt, nach Hause ging. Dann versuchte er sich mit Musikvideos, seiner ersten Liebe, hatte aber überhaupt keinen Erfolg, sodass er vollends in die Traurigkeit und Depressionen abstürzte. Da er nicht wusste, wohin damit, sammelte er sein ganzes Equipment und deponierte es in das Lager eines Freundes, am Rande von Bukarest. Zweimal die Woche ging er hin, rauchte zwei Zigaretten, während er ins Lager schaute, verwundert wohl, dass ihm noch immer nichts Neues durch den Kopf ging. Dann verließ er das Lager und ging nach Hause zu seiner Frau und sagte ihr, dass sich für ihn was finden würde, irgendeine Alternative. Und sie ließ ihn danach suchen.

Slavic hatte ein einprägsames Erscheinungsbild: groß, blasses Gesicht, wie eine glänzende Leiche, mit langsamen Bewegungen. Man hatte den Eindruck, dass er seine Bewegungen in aller Ruhe probte, um sie nachher mit der Geschwindigkeit, in der sich das normale Leben abspielt, auszuführen.

Auf dem Weg nach Giurgiu erzählte er mir über den Touareg, den er sich vor einem halben Jahr gekauft hatte und wie es ihn quälte:

„Manchmal, nachdem die anderen schlafen gegangen sind, sitze ich auf dem Balkon und schaue zum Auto, das auf dem Parkplatz steht. Mein Magen zieht sich zusammen und mir wird richtig übel im Mund. 500 Euro muss ich der Bank zahlen, jeden Monat, 500 Euro, noch drei Jahre lang. Wenn ich ins Auto steige und jemand aus dem Haus zu mir herübersieht, schäme ich mich, als ob ich nackt wäre. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass die Schulden bei der Bank so etwas in mir auslösen können. Was habe ich mir bloß gedacht, als ich es gekauft habe? Ich weiß, was es war“, antwortete er sich selbst, „Mariana mag es, sie mag es sehr gerne, wenn wir hin- und herfahren, sie kann darin sehr gemütlich sitzen.“

„Ah, komm schon! Als ob du sonst keine Schulden gehabt hättest,“ sagte ich. „Du tust nur so.“

„Vor zehn Jahren habe ich die Wohnung abbezahlt. Seitdem hatte ich gar keine.“

Ich wusste, dass er sich liebend gern beschwerte, aber gleichzeitig konnte ich ihn auch verstehen. Slavic hatte eine abnormale Art, sich zu beschweren, er wusste einen zu fesseln – er gehörte zu der Sorte Mensch, die es selbst auf einer Silvesterparty schaffte, jemanden in die Falle zu locken, um ihm in einer ruhigen Ecke über seine Dickdarm-OP zu berichten, über deren Auswirkungen, über seine neue Ernährungsweise und über andere ekelerregende Sachen. Er bediente sich der Ehrlichkeit, um sich an anderen zu rächen. Keine Ahnung, ob ihm das bewusst war. Und ich glaube, er hatte Recht damit – war das nicht so, dass die anderen alles tun würden, für ein bisschen Ehrlichkeit? Warum sollte er, im Endeffekt, diese ganze Scheiße verdrängen, die Angst, die Raten fürs Auto und vielleicht auch ein Leben, das er nicht haben wollte? Bedient euch, sagte seine Ehrlichkeit aus, bedient euch, denn wir erleben alle das Gleiche – mit einigen Variationen, in diesem Haus, in dieser Straße, in dieser Stadt, aber im Endeffekt sind wir alle ziemlich gleich! Wir stehen alle entblößt auf unseren Balkons und schauen auf unsere Autos, die vor dem Haus geparkt sind und auf unsere beschissene Zukunft. Alle Achtung, Slavic!

Auf dem Weg nach Giurgiu erlaubte ich ihm, im Auto zu rauchen und seine Anwesenheit hatte auf mich die Wirkung eines Knarzens. Slavic Anwesenheit war wie die Tür eines verlassenen Hauses, die sich gerade öffnete oder hingegen schloss. Viel zu große, durchsichtige Kleidung raschelte über seinen Körper. Das waren die Sorgen, sagte ich mir, dieses Scheiß-Touareg quälte ihn. Pfuuuh, das Gespenst eines geleasten Touaregs!

Normalerweise war ich der Einzige, der in meinem Auto rauchte und das nur, wenn ich alleine war.

Bis Giurgiu haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Er zog ein Sandwich aus dem Rucksack, das er sehr gut durchkaute und ich musste an meinen Vater denken, daran, dass ich ihn mit nach Hause nehmen musste. Dieser schöne Tag, der letzte Novembertag, roch allmählich nach einem Aschenbecher, der übervoll mit Kippen war sowie nach nassem Hund.

Manchmal dachte ich daran, dass Slavic der perfekte Star für eine Talentshow wäre. Er könnte mit seinem furchtbaren Talent auftreten, mit einer Nummer, vor der sich die Menschen gruseln würden: Er könnte zum Beispiel live in der Sendung verfaulen! Wenn es einen Talentwettbewerb darum gäbe, wer sich als Erster in etwas Schönes verwandeln kann, in Schleim oder in einen kleinen Fettfleck, oder wer zuerst verbrennen kann, so wie eine Kippe, die von jemandem weggeschnippt und mit dem Fuß gelöscht wird. So etwas in der Art.

Trotz seiner schlaksigen Länge und den weißen, abstehenden Haaren, hatte Slavic, entgegen allen Erwartungen, ein beruhigendes Wesen. Man hätte ihn bei Therapien einsetzen können. Es gab eine Menge idiotischer Therapien, warum sollte es keine mit so komischen Typen geben? Einmal habe ich Spaß gemacht, als ich mit ihm ein Bier trinken war, und ich sagte zu ihm, dass er eine Komödie schreiben müsste, in der er die Hauptrolle übernimmt. Eine düstere Kreatur, die das mit der Finsternis aufgibt, weil sie merkt, dass diese Sache mit der Finsternis nicht so seins ist. Diese Sache mit der Finsternis wäre nur eine vorübergehende Phase in seiner Jugend gewesen und nun eben vorbei. Er würde ein lieber, dummer Mann werden und ein Auto in Ratenzahlung kaufen, weil er auf der ranzigen, langweiligen Seite des Lebens sein wollte. „Um böse zu sein, bedarf es der Handlung“, habe ich ihm gesagt. „Du würdest ununterbrochen die Stirn runzeln“. Das wäre der junge Slavic, der eines Tages zum Obersten Teufel ging, der im Reich der Finsternis herrschte, und zu ihm sagte:

„Höchster Teufel, oh Herr, ich kann die Stirn nicht mehr runzeln, das tut mir weh, meine Augen tränen, ich bin nicht dafür gemacht.“

„In Ordnung, verpiss dich, du dämliches Ding!“

Die Menschen beachteten Slavic, schauten ihn an, weil etwas aus ihrem Innersten sie dazu drängte. Im September, als der Vertrag mit Carrefour unterzeichnet wurde, hat er geholfen, wie er nur konnte: Er hat alle Visuals überarbeitet, auf denen man sehen konnte, wie wir uns das Projekt vorstellten und ist mir überallhin geduldig gefolgt.

Slavic hatte noch eine gigantische Eigenschaft: Ungerechtigkeit erzürnte ihn nicht. Ganz im Gegenteil, er fand es völlig normal, dass die Menschen ungerecht waren. Und so zu denken, ist was Großes.

Wir hielten an der Petrom-Tankstelle am Ortseingang von Giurgiu, um vollzutanken. Da habe ich Slavic gefragt:

„Hör mal, Slavic, wenn wir zurück in Bukarest sind, kommst du mit mir zum Altenheim, um meinen Vater mit nach Hause zu nehmen? Angeblich muss ich ihn mit nach Hause nehmen.“

„Ist er dabei zu sterben?“

„Ich weiß es nicht, aber ich glaube schon.“

Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich am zweiten Tag, am 1.Dezember, meinen Vater auf einer Liege durch den Triumphbogen schleppen würde. Völlig fehl am Platz zwischen Scharfschützen und Panzern, ich, mein Vater und die Leere in seinem Kopf. Vor einigen Jahren, als er noch fit gewesen war, hatte es keine Rolle gespielt, ob es kalt war oder ob es regnete, mein Vater war immer dort gewesen, am Triumphbogen, um sich die Militärparade anzusehen. Jedes Mal liefen ihm Tränen über die Wangen. Dieses kaputte Land müsste alles über sich selbst vergessen, genauso, wie mein Vater es getan hat.

 

 

 

aus dem Rumänischen übersetzt von Manuela Klenke

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Bogdan Coșa
Bogdan Coșa
Bogdan Coșa este scriitor. Vezi „Cât de aproape sunt ploile reci” (Editura Trei, 2020).

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