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Adriana Popescu | © Piper

Adriana Popescu: Morgen irgendwo am Meer (Romanfragment)

Adriana Popescu, in München geboren, arbeitete als Drehbuchautorin fürs Fernsehen, schrieb für verschiedene Zeitschriften und studierte Literaturwissenschaften, bevor sie sich ausschließlich dem Schreiben von Romanen widmete. Mittlerweile veröffentlichte sie über zwanzig Bücher, die in mehreren großen Publikumsverlagen erscheinen. Sie schreibt auch unter verschiedenen Pseudonymen wie Sarah Fischer, Carrie Price oder Adriana Jakob. Mehrere ihrer Bücher wurden ins Englische, Polnische und Italienische übersetzt. Die Autorin lebt mit großer Begeisterung in Stuttgart.
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Kapitel 17

Konrad

An jeder zweiten Ecke bleibt sie stehen.
Sie erwägt irgendwas zu fotografieren, entscheidet sich dann aber dagegen, als hätte es doch nicht ihre Aufmerksamkeit verdient. Inzwischen schließen die meisten Bars und ich will zurück zum Campingplatz, in meinen Schlafsack, einfach nur den Tag beenden. Aber Nele, die wie eine angeknipste Tischlampe strahlt, ist noch lange nicht fertig. Ihre Begeisterung für die kleinsten Dinge lässt mich sie fasziniert beobachten, das aufgeregte Funkeln in ihrem Blick, wenn sie wieder etwas entdeckt hat, will mich anstecken, aber ich weiche dem aus wie einer hartnäckigen Wespe.
Unendlich viel Zeit verbringt Nele mit Lächeln. Wie ist das möglich? Und wieso kann sie nicht normal laufen? Es sieht immer nach Tanzen zu einem Song in ihrem Kopf aus.
„Hast du es dann bald? Ich bin müde.”
„Noch drei Fotos, dann ist der Film voll.”
„Knips doch einfach irgendwas.”
Als wäre meine Idee der Startschuss, reißt sie die Kamera hoch und drückt ab, bevor ich reagieren kann.
„Danke für den Tipp.”
„Ha. Ha.”
„Komm schon, du darfst auch mal lächeln, Tim Thaler. Ich verrate es auch den anderen nicht.” Sie hat die Kamera noch immer vor dem Gesicht, noch immer auf mich gerichtet.
„Habe es wohl verlernt.”
„Das Lächeln?”
„Mhm.”
Kurz lässt sie die Kamera sinken und dahinter taucht ihr schönstes Lächeln auf.
„Das ist ganz einfach. Denk an die beste Erinnerung, die du ausgraben kannst.”
Dafür müsste ich an den Erinnerungsschrank, den ich mit zahlreichen Hängeschlössern versehen habe. Sie liegt in der untersten Schublade, zusammen mit den anderen Erinnerungen, die ich weggesperrt habe.
Kurz sehe ich mich um. Wir stehen auf einer Brücke, die einen Fluss überspannt, an dem wir vorhin einige Jugendliche beobachtet haben, die dort schwimmen waren. Doch jetzt ist es spät und dunkel. Niemand wird es sehen.
„Du verrätst es niemandem?”
Sie hebt die Hand.
„Fotografenehrenwort.”
Kurz schließe ich die Augen, öffne besagte Schublade und erlaube mir für diesen Moment ganz kurz einen Trip zurück.
Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis …
Ich sehe das Lächeln, die Vorfreude, die Liste mit den Städten, die Liebe im Blick und die ganze Zukunft vor uns. Bei manchen Erinnerungen kann man nicht anders als lächeln. So wie bei dieser. Ich spüre deutlich, wie meine Mundwinkel nach oben zucken, wie mein Gesicht sich verändert und bleibe gedanklich einen Moment genau dort, an einem Herbsttag vor drei Jahren stehen.
Das Klicken reißt mich zurück in die Realität, die so anders ist als die Erinnerung.
„Bilde dir jetzt nichts darauf ein, ja? Aber du hast ein verdammt schönes Lächeln. Zumindest dann, wenn es echt ist.”
Ich öffne die Augen und sehe Nele, wie sie zufrieden vor mir steht, und mein Herz zieht sich zusammen.
Das hätte ich nicht tun sollen. Der Erinnerungsschrank ist tabu. Auch für Nele. Vor allem für Nele!
Sie geht langsam weiter über die Brücke und mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als ihren neugierigen Schritten zu folgen. Auf der Mitte bleibt sie schließlich stehen und gibt mir die Chance, sie einzuholen. Zu meiner Überraschung hat sie diesmal nicht die Kamera vor dem Gesicht, sondern sieht wie eine Normalsterbliche mit den Augen. Sie hält das Geländer fest umschlossen und lächelt zufrieden. In sicherem Abstand, der Körperkontakt unmöglich macht, lehne ich mich neben sie.
„Und jetzt?”
„Und jetzt genießt du mal die Aussicht.”
Doch außer dem dunklen Fluss, der gemächlich unter uns durchfließt und der in der Nacht schlafenden Stadt, gibt es nicht viel zu sehen. Dennoch tue ich ihr den Gefallen und schaue mich einen Moment um.
„Schön hier, nicht wahr?”
„Es ist irgendeine französische Stadt im Dunkeln.”
„Eine schöne Stadt im Dunkeln.”
„Hast du irgendeinen integrierten Filter, der alles rosarot färbt oder bist du wirklich so?” Meine Frage klingt etwas genervter, als ich vorhatte, was Nele aber wenig zu stören scheint.
„Ich befürchte, ich bin wirklich so.”
„Dann ist dir wohl noch nie im Leben was Mieses passiert.”
Sie lächelt kurz, aber ich kann ihr Gesicht nur im Halbschatten erahnen und weiß nicht, ob es ein echtes ist.
„Wenn du das sagst, Konrad.” Zum ersten Mal fehlt ihrer Stimme die Leichtigkeit, die mich sonst so irritiert. Nur ein kleines Stückchen rücke ich näher an sie heran, unsicher, ob sie es überhaupt bemerkt und versuche, ihr Gesicht deutlicher zu lesen.
„Ist dir denn schon mal was Mieses passiert?”
„Nein.”
Wenn sie mich täuschen will, muss sie sich schon etwas mehr anstrengen.
„Du bist eine miese Lügnerin.”
Jetzt ist ihr Lächeln echt, das kann ich sogar in der Dunkelheit erkennen.
„Wenn der Experte das sagst.” Sie sieht nicht zu mir, spürt aber wohl meinen Blick auf ihr, derweil ich warte, ob sie noch mehr sagt, und das Brückengeländer dabei noch fester umschlossen halte.
Schließlich sagt sie: „Du hast Recht. Manche Lügen sind wirklich leichter zu glauben, als die Wahrheit.” Nun dreht sie den Kopf wieder in meine Richtung und jetzt wünschte ich mir eine Kamera, um diese Nele festzuhalten. „Aber ich will die Wahrheit trotzdem wissen.”
„Auch auf die Gefahr hin, dass sie wehtut?”
„Auch dann, ja.”
Es klingt wie eine Aufforderung meine Wahrheit zu erzählen und mein Mund wird trocken, das Atmen tut weh, so wie eigentlich immer. Ein vertrauter Schmerz, der sich in meiner Brust eingenistet hat und den ich nicht mehr loswerde.
Sie würde es nicht verraten.
„Ist das dumm von mir?”, fragt Nele und ihre Hand ist dabei nicht mehr weit von meiner auf der Brüstung entfernt.
„Keine Ahnung.” Sie darf mich nicht berühren.
„Sie wird richtig wehtun, oder?” Möglich, dass es der Mondschein ist, der ihre Augen so traurig schimmern lässt. Es könnten aber auch Tränen sein.
„Das tut die Wahrheit doch immer. Alle tun so, als ob sie immer genau das hören wollen. Und wenn man sie dann um die Ohren gehauen kriegt, ist man enttäuscht und verletzt.”
„Sprichst du da aus Erfahrung, Konrad?”
„Ja.” Und ob ich das tue.
Ihr kleiner Finger berührt meinen und der pochende Schmerz in meiner Brust weitet sich aus, erreicht meine Lungenflügel, meinen Magen und erinnert mich daran, wieso ich hier bin.
Kurzschluss bei Berührung.
Das sollte ich auf einem Warnschild um den Hals tragen.
Es ist die einzige logische Reaktion.
Nele dreht den Kopf in meine Richtung, ich kann Tränen auf ihrer Wange sehen und der Anblick rammt mir eine Stahlfaust in den Magen.
Mit einer fließenden Bewegung schwinge ich mich über das Brückengeländer, als wäre es ein Sportgerät, und falle in die Dunkelheit.

Kapitel 30

Nele

Zwei Tage. Mehr waren es nicht.
Die Fotos liegen vor mir auf dem Cafétisch ausgebreitet und ich betrachte die Gesichter meiner drei Ex-Mitreisenden, die ich wohl nie mehr so gut kennenlernen werde, dass ich die Geschichten hinter den Augen, dem Lächeln und den Gesten komplett verstehen könnte. Wie jedes Mal stelle ich mir die Frage, ob ich ihnen gerecht geworden bin. Würden Freunde sie auf den Fotos wieder erkennen, wenn sie eines Tages in einer Ausstellung hingen?
Um nicht länger an sie denken zu müssen, greife ich nach dem kleinen schwarzen Notizbuch und schlage willkürlich eine Seite auf, lese die Zeilen, die ich bereits auswendig kenne.

Es reicht ein Sommer mit dir und ich weiß, dass wir – zu einer anderen Zeit, in einem anderen Leben – noch immer zusammen an einem Ort wären. Du fehlst mir nicht weniger, je länger unser Abschied zurückliegt. Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?

Manchmal liest man eine Geschichte, ohne zu wissen, dass man ein Teil davon ist und erhofft sich ein anderes Ende dafür. Kann man die Vergangenheit umschreiben?
Ich hole einen Umschlag mit Fotos aus meinem Rucksack und ziehe eines nach dem anderen hervor. Sein Lächeln ist immer unverändert strahlend, seine Augen voller Neugier und Vorfreude auf den nächsten Moment. Auch wenn die Fotos technisch nicht besonders gut sind, sind sie doch irgendwie perfekt.
So wie das von Konrad auf der Brücke, als ich ihn perfekt unperfekt erwischt habe. Bevor er wegsehen konnte, bevor er sein Gesicht hinter einer Maske verstecken konnte.
Konrad. Ein komischer Typ. Die erwartete Erleichterung, dieser Roadtriptruppe entkommen zu sein, hat sich leider noch immer nicht eingestellt.
Der Abschied ist erst ein paar Stunden her, aber noch fühlt es sich so an, als wären sie nur irgendwo in der Stadt unterwegs. Romy hat mich fest umarmt, mir ihre Telefonnummer und E-Mail gegeben. Julian hat mich ebenfalls kurz umarmt und ich konnte spüren, dass er mich nicht gehen lassen wollte.
Konrads Verabschiedung ist aber die, an die ich jetzt wieder denke. Das hat sich viel endgültiger angefühlt, als würde er ein Wiedersehen definitiv ausschließen. Die Umarmung hat diesen winzigen Bruchteil zu lange gedauert, mein Kopf an seiner Schulter. Vertraut und fremd, aufregend und traurig. Bei dem Gedanken daran bekomme ich eine Gänsehaut, obwohl ich direkt in der Sonne sitze.
Wieder nehme ich das Foto von ihm in die Hand. Etwas an seinem Blick, seinem Gesicht, seiner Art will mich nicht loslassen und ich weiß nicht, was es ist. So gerne hätte ich mehr über ihn erfahren, ihn auf noch mehr Fotos gebannt und ihn noch mal umarmt. Ich lege es neben die anderen Bilder, vergleiche die beiden jungen Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das verliebte Lächeln voller Lebenslust auf der einen Seite, der verlorene Blick auf der anderen.
Das Klingeln meines Handys reißt mich aus meinen Gedanken und ich lasse die Fotos ertappt fallen, schiebe sie von mir weg und nehme den unbekannten Anruf an.
„Hallo?”
„Nele? Hier ist Romy.”
Sie vermissen mich also schon, obwohl sie noch nicht so lange unterwegs sind. Ein schönes Gefühl.
„Oh, hi. Na, wo seid ihr jetzt?”
„An einem Rasthof in der Nähe von Montélimar.”
Als hätte ich irgendeine Ahnung, wo das wäre.
„Brauchst du schon eine Pause von den Chaoten oder fehle ich dir?” Mein Lachen soll sie wissen lassen, dass es nur ein Scherz ist.
„Könntest du vielleicht herkommen?”
„Zum Rastplatz?”
„Nach Montélimar. Es gibt einen Bus, der von Lyon dahin fährt, in zwanzig Minuten vom Busbahnhof.” Es ist kein Vorschlag, sie hat bereits alles geplant und ich begreife, dass etwas gewaltig schiefgegangen sein muss. „Ich weiß einfach nicht, wen ich sonst anrufen soll.”
„Was ist denn passiert?” Ich ziehe dieses eine Foto wieder zu mir, habe eine ungute Ahnung.
„Es geht um Konrad.”
Der Blick, als er von der Brücke gesprungen ist. Das war so viel mehr als nur ein Streich oder eine Mutprobe.
„Welchen Bus muss ich nehmen?”

Aus Adriana Popescu, Morgen irgendwo am Meer, mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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Daniela Chana, 1985 in Wien geboren, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihre Kurzgeschichten und Gedichte wurden bereits in zahlreichen Literaturzeitschriften (Lichtungen, kolik, entwürfe, etcetera, Am Erker, …). Ihr Lyrikdebüt „Sagt die Dame“ (Limbus Verlag, 2018) wurde unter die „Lyrik-Empfehlungen 2019“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. Am 15. Februar 2021 erschien ihr Erzählband „Neun seltsame Frauen“ im Limbus Verlag.

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