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Ann Cotten | © privat

Ann Cotten: Wie mühsam ist es, ein Mensch zu sein, wenn man noch nicht verrückt ist.

Ann Cotten wurde 1982 in Iowa geboren und wuchs in Wien auf. All Ihre literarische Arbeit wird nicht nur in der Literaturszene, sondern auch in den Bereichen der Bildenden Kunst und der Theorie geschätzt und wurde zuletzt mit dem Klopstock-Preis und dem Hugo-Ball-Preis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie den Internationalen Literaturpreis und 2021 den Gert-Jonke-Preis. Ann Cotten lebt in Wien und Berlin.
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ÖKOSCHOTTER

Über diese Trümmer zu gehen macht Mühe
werfen sie doch die Beine dahin, dorthin,
somit den Körper, der die Beine zusammenhalten muss.
Doch ist das immer noch leichter,
leichtere Arbeit für Individualistennni
– für sie ist eigentlich jede Arbeit absurd –
als die Steine umzudrehen, zu sortieren, sie
anzuerkennen, und in Ruhe gangbare Wege zu bauen.
 
Gangbare Wege zu bauen implizierte nämlich
lauter – notwendig schotterhafte – Annahmen über
Annahmen über die, die den Weg benützen sollen.
Benützen sollen, obwohl man nichts vorschreiben soll.
Ein Schritt nach dem anderen ist ungefähr das Äußerste,
was man einem anderen an Gedanken zumuten soll.
 
Ein Weg ist ein Weg, und ein breiter Weg ist ein breiter Weg.
Er behindert den klassischen Guerillakampf und befördert
– befördert im wörtlichen Sinn –
Massenaufstände ebenso wie die Bewegungen von Truppen.
 
So entstehen die tastenden Beziehungen,
wo das Nonplusultra in jedem Augenblick erneuert wird
und das Nonplusultra ein unendliches Abtasten des Anderen,
des Körpers des Anderen und auch des Geistes des Anderen ist.
Ökoschotter heißt es von außen, von innen Nonplusultra,
oder Spiritualität, also heiße auch dieser Text
von nun an nicht mehr Ökoschotter, sondern Nonplusultra,
für eine Weile, für dieses Symposion.
Weil man sich ja alles
Weil man sich ja alles vorstellen
Weil man sich ja alles auf der Zunge zergehen lassen soll.
 
Möge es zugehen,
          im Regen,
                    ohne Gewalt!
Du wirst stehen,
          im Regen,
                    ohne Not
                              und ohne Gewalt!
Noch sterben die Unkräuter
                    und bleiben die Steine, die nicht sterben können: hilflos: Ökoschotter.
 
Es bleiben die Werke, die Meiler, der Werkspoet geht,
dieser Dreher, in Pension, und das Werk, leer, steht,
kein Werk mehr. Bauwerk. In hundert Jahren: Ökoschotter.
 
Shelter für alle neu zu entjungfernden Hipster, Kunstfritzen, Scrollkünstlernnni.
Das Wort wächst da wie dieser duftende Unwirsch, der wilde Wehmut.
Das zu nennen ist wie der Wind, der Wolken in unsinnigem Tempo
über Berlin hinwegtreibt, als sollten sie nicht zu lang hinsehen.
Lang aber zieht sich der Weg für den Rucksackträger mit Stiefeln.
Wie mühsam ist es, ein Mensch zu sein, wenn man noch nicht verrückt ist.
Zusammenzuhalten die Beine mit Butterbroten und übel schmeckendem Leitungswasser.
Diese unglaubliche Begabung der human race.
 
Ein Weg ist ein Weg, und ein breiter Weg ist ein breiter Weg.
Er behindert den klassischen Guerillakampf und befördert
– befördert im wörtlichen Sinn –
Massenaufstände ebenso wie die Bewegungen von Truppen.
 
Das tut jede Wüste – aber übertreibt natürlich,
was auch etwas ist.
Als meist ungenutztes Potential für Massen befördert es die lockere Bewegung,
die Kommunikation: Wie ein Telefon ist ein breiter Weg.
 
In Preussen fluchte Napoleon über die Klinkersteine,
          aus denen die Alleen bestanden, die die Gebeine zu einem Sack Schotter machten.
Die Straßen sind tiefe, dunkle Fenne innerhalb des preussischen Kalküls.
 
Im feudalen Japan wurde Untreue verhindert,
          im buchstäblichen Sinn konnte sie nicht organisiert werden, kam man nicht dazu,
          indem die regionalen Fürsten alle zwei Jahre
          mit der ganzen Familie in die Hauptstadt umsiedeln mussten.
Ökoschotter – verhindert fast alles.
 
In einer Art natürlichem Maßstab
          – der genauen Mitte zwischen Behinderung und Beförderung –
regelt sich das Tempo auf Kopfsteinpflaster fast von selbst.
Die Fahrerin lehnt sich, träumend, aus dem Fenster bei Tempo 30
          contemplating obsolescence
          contemplating obsolescence
          contemplating obsolescence
 
 
mit freundelicher Genehmigung der Autorin
          contemplating obsolescence.
 

Ann Cotten wurde 1982 in Iowa geboren und wuchs in Wien auf. Von ihr erschienen im Suhrkamp Verlag Fremdwörterbuchsonette (2007), Florida-Räume (2011), Der schaudernde Fächer (2013) und Verbannt! (2016), im Peter Engstler Verlag Hauptwerk. Softsoftporn (2013) und im Verlag für moderne Kunst FAST DUMM. Essays von on the road (2017). All Ihre literarische Arbeit wird nicht nur in der Literaturszene, sondern auch in den Bereichen der Bildenden Kunst und der Theorie geschätzt und wurde zuletzt mit dem Klopstock-Preis und dem Hugo-Ball-Preis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie den Internationalen Literaturpreis und 2021 den Gert-Jonke-Preis. Ann Cotten lebt in Wien und Berlin.

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Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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Marcel Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter 2008 den Joseph-Breitbach-Preis und 2016 den Georg-Büchner-Preis. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig.