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Auszug aus dem neuen Roman von Lavinia Branisțe: „Du findest mich, wenn du willst“

"Du findest mich, wenn du willst" ist der dritte Roman von Lavinia Braniște. Lesen Sie einen Auszug in der deutschen Übersetzung von Manuela Klenke.
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So wie ich mein Alter nicht fühlte, so fühlte ich auch mein Geschlecht nicht. Ich meine, dass ich mich zu Männern hingezogen fühle, war mir klar. Was ich aber sagen will ist, dass ich nie das Bedürfnis hatte, meine Weiblichkeit durch Accessoires zu bestätigen oder zu betonen. Natürlich ist daran nichts Falsches, solange es Freude macht und man es sich leisten kann (zeit- und geldtechnisch), doch ich wusste nicht, was mich als Frau ausmacht und hielt es auch nicht für wichtig, es herauszufinden. Es gab zahlreiche Gelegenheiten, bei denen mein mangelndes Interesse an den Merkmalen der Weiblichkeit wie eine Behinderung angesehen wurde. In meiner Familie vor allem durch meine Mutter. Als ich über zwanzig Jahre alt war, fiel ihr plötzlich ein, dass sie in meiner Jugend die Gespräche über Weiblichkeit und Verführung verpasst hat. Also legte sie los und sagte mir, dass ich blass sei und ein bisschen Farbe im Gesicht auftragen solle, denn so durch die Welt zu laufen ginge überhaupt nicht.

Was die Verführungstechniken betrifft …, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Wahrscheinlich war sie froh, dass sie meine Jagdinstinkte nicht besänftigen musste, denn ich hatte nie welche gehabt. Wahrscheinlich hat ihr mein unauffälliges Gesicht am Ende geholfen, vor allem und am meisten ihr, denn sie musste mich nie aus irgendwelchen Discos aufgabeln.

Bevor ich Victor kennenlernte, hatte es keine äußerlichen Hinweise darauf gegeben, dass ich hübsch sei. Er eröffnete mir dieses Universum, das ich amüsiert und sehr neugierig betrat. In seiner Anwesenheit habe ich gespürt, dass ich eine Frau bin (weil er mich darin unterrichtete). Vor und nach ihm gab es nur mich, Maria. Im Nachhinein wird mir klar, dass ich dieses Konzept genauso auslebte, wie ich einen neuen Raum bewohnen würde, in den ich meine Sachen mitbringe, den ich mir aneigne, der nach mir zu riechen beginnt, der aber leer bleibt, sobald ich ihn verlasse. Victor hatte die passenden Worte parat, er wusste nämlich ganz genau, was er sagen musste, um jemanden zu besänftigen, was auf die Intelligenz des Verkäufers zurückzuführen war. Und zudem auf seiner reichen Lebenserfahrung, an der er mich sehr wenig hat teilhaben lassen.

Egal, wie liebevoll und vorsichtig er ist, wenn er andeutet, dass du das eine oder andere ändern müsstest, man kann heraushören, aus der Art und Weise, wie er über andere Frauen redet, diejenigen aus dem Fernseher einschließend, was er über dich denkt.

Die Komplimente missfielen mir nicht, ich habe sie gierig aufgesogen. Sie glichen die Mängel der vorherigen Beziehungen aus; Beziehungen, in denen sowohl ich als auch meine Partner über solchen profanen Dinge standen. Ich stellte fest, dass es nichts Erniedrigendes an sich hat, wenn einem gesagt wird, man sei hübsch. Genauso wie es nicht erniedrigend ist, wenn einem gesagt wird, man würde eine ausgezeichnete Erbsencreme kochen. Genauso wie es nicht erniedrigend ist, wenn man dafür begehrt wird, dass man die Witze eines anderen versteht und darüber lacht. All dies sind winzige Räder der Belohnungsmaschine, die sich in Bewegung setzt, um ein Paar zusammenzuhalten.

Durch den Lippenstift fühlte ich mich hässlich. Und er machte meine Lippen trocken. Als ich alleine zu Hause war und mich keiner sah, schmierte ich mir Butter über die Lippen. Ich versuchte, auf irgendeinem Weg zu den Werkseinstellungen zu finden. Victor mochte den Lippenstift, weil er in ihm eine gewisse Reaktion auslöste – er rieb ihn mit seinem Daumen auf meine Wange, drückte fest zu und zupfte an meiner Haut. Diese Störung in meinem Bild, der verschmierte Lippenstift, der Mund, der seine Form verlor, machte mich verletzlich und bereit, angegriffen zu werden.

Vielleicht würde ihm gefallen, wenn meine Mascara verläuft, dachte ich mir. Ein paarmal habe ich ihm auch das angeboten.

Und ich dachte, dass es irgendwie zu früh wäre, für ihn zu kämpfen.

 

***

In den folgenden Tagen arbeitete ich auf dem Hof, in der Hoffnung, Andrada zu sehen. Sowohl von Bogdan als auch von Victor wurde sie beschützt, von jedem auf eine andere Art und Weise. Ich habe so lange mit Frau Zainea am Zaun geplaudert, bis meine Beine eingeschlafen sind. Und irgendwann habe ich dann auch Andrada gesehen. Sie erschien am Fenster und machte ein Zeichen, dass sie gleich zu mir käme.

Wir saßen auf der Treppe vor dem Haus und sie erzählte mir von Bubu, wie er in etwas getreten war, worauf sich seine Pfote entzündete und dass sie gerade mit ihm beim Tierarzt gewesen sei. Er wurde operiert, ihm wurde ein Nagel herausgeholt. Und obwohl mir Bubu wie ein Mensch am Herzen lag und Muchi genauso, konnte ich es nicht fassen, dass sie auf meine Frage danach, wie es ihr ginge, mit einer Geschichte über den Kater geantwortet hatte.

„Wie geht’s Bogdan“, fragte ich.

„Er schläft. Heute morgen hat er eine Schlaftablette genommen. Das heißt, dass er den ganzen Tag und die ganze Nacht schlafen wird.“

Ich schaute sie an und wusste nicht, was ich sagen soll.

„Yeey“, sagte sie nach einer Weile, ohne einen Ausdruck im Gesicht.

Da habe ich gelächelt.

„Ich verstehe sein Verhalten nicht“, sagte ich. „Es ist dein Haus.”

„Ja, aber das hat damit nichts zu tun. Ich verlange keine Zuneigung anstelle der Miete von ihm. Er ist so wie er ist und ich erwarte nicht von ihm, dass er sich ändert und er erwartet das auch nicht von mir.”

„Und warum bestraft er dich dann, wenn er dich nicht ändern möchte“, fragte ich.

„Er bestraft mich nicht, er bringt nur seine Wut zum Ausdruck.“

„Ist das dein Ernst oder versuchst du, ihn zu decken?

„Das ist mein Ernst.“

„Entschuldige, das ist Blödsinn! Es ist nicht normal, dass er sich so verhält.“

Mehr habe ich nicht gesagt. Auch ich war innerlich ziemlich aufgewühlt und die Rolle des Retters passt nicht so wirklich zu mir. Die hatte ich ein paar Mal in meinen jungen Jahren probiert und dabei versagt, ich habe die Menschen eher bedrängt und ihnen keinen Freiraum gelassen. Also kam ich zu dem Entschluss, dass der Retter eine gewisse Dosis Hochmut in sich trägt, eher Hochmut als Empathie, weil er eigentlich meint, es besser zu wissen, was das angebliche Opfer braucht. Aber das waren nur unklare Fälle von emotionaler Misshandlung oder (vielleicht?) Depression. Auf keinen Fall etwas so Gewaltiges wie in Andradas Fall, bei dem mir klar war, dass da was passiert, was nicht in Ordnung ist. Aber wie konnte ich wissen, was die Lösung ist? Sollte sie ihn hinauswerfen, zur Therapie schicken oder sollte sie selbst weglaufen? Oder was sonst?

„Wenn ich dir irgendwie helfen kann, sag Bescheid!“

„Danke.“

„Weiß deine Familie davon?“

„Meine Familie mag mich nicht wirklich. Vielleicht mag mich nur mein Bruder, ein bisschen. Ich habe vergessen, ihn zu seinem Geburtstag anzurufen, denn ich war ziemlich durch den Wind. Einige Tage später habe ich ihn dann angerufen. Er war eingeschnappt. Ich hatte eine Drohne für ihn besorgt, aber sie funktioniert nicht mehr. Sie ist im Kofferraum hin und her gerutscht und kaputtgegangen.“

Die Familie muss dich nicht so mögen wie Freunde dich mögen, dachte ich. Und ihre Verwandten schienen sie ausreichend zu schätzen, denn sie haben für sie gesorgt. Sie hatten ihr ein Haus zur Verfügung gestellt und dieses verdächtige Geschäft, durch das sie eine Menge Geld verdient hatten. Wer weiß schon, ob ihr Vater und ihr Großvater über diese Firma Geld gewaschen hatten.

Vielleicht erzielte sie das alles auch durch harte Arbeit. Oder es war vielleicht eine Belohnung für etwas, das sie der Familie unbewusst geschenkt hat.

Ich musste an meinen Vater denken.

Ich musste daran denken, dass ich sein Geld letztendlich haben wollte.

Vielleicht war es keine gute Idee, Gefühle abzuwiegen, sie in Kredite umzurechnen. Zu denken, dass ich für alles, was ich bekomme, jemandem etwas schuldig bin.

„Pass auf, ich sage dir was! Soll ich es dir sagen?“

„Was weiß ich? Sag’s mir!“

„Da war was mit Victor. Früher. In der Zeit vor dir.“

„Wie meinst du das? Was genau war denn da, da war was?“

„Eine Sache. Bogdan weiß nichts davon. Er muss es nicht wissen“, sagte sie und umklammerte meinen Arm.

„Also hattet ihr eine Affäre?“

„Es hat nicht lange angedauert, nur ein paar Monate.“

„Wow, ich dachte, du würdest sagen, es sei nur einmal passiert“, sagte ich.

„Das war in der Zeit vor dir.“

„Und die andere“, fragte ich. „War es Laura?“

Sie gab ein „Och“ von sich, enttäuscht von meiner Reaktion.

„Hast du deswegen zuerst ihn angerufen?“

„Ich habe ihn angerufen, weil er weiß, was zu tun ist.“

„War es Laura?“, wiederholte ich die Frage, aber sie antwortete nicht. „Warum hast du es mir verraten?“, fragte ich.

„Warst du nicht diejenige, die sich darüber beschwerte, keine Sachen aus seiner Vergangenheit zu wissen? Ich helfe, wo ich kann.“

„Was du mir erzählst ist seltsam. Sehr seltsam sogar.“

„Keine Ahnung, ich habe mir überlegt, dass es besser sei, dir davon zu erzählen, als es nicht zu tun. Was hättest du an meiner Stelle getan?“

„Erstens hätte ich nicht mit meinem Schwager geschlafen.“

Wir schwiegen beide und nach einer Minute oder ein bisschen mehr legte sie ihren Kopf auf meine Schulter.

„Verzeihst du mir?“, sagte sie.

Sie erzählte nur Sachen, bei denen ich nicht wusste, wie ich reagieren soll. Mir kam es vor, als ob nichts von dem, was sie erzählte, Logik hatte. Was sollte ich ihr verzeihen, ich wusste nicht einmal, was sie mir gegenüber Falsches getan hatte. In mir provozierte sie kontinuierlich entgegengesetzte Gefühle und Verlegenheit. An ihr war etwas Kindliches und Unverdorbenes. Sie war naiv und verletzlich, man konnte ihr nicht böse sein. Man konnte sie nicht zusätzlich mit dem eigenen Ärger belasten. Man musste sie unter der Kategorie „So ist sie nun mal“ ablegen. Wahrscheinlich wusste sie es und profitierte davon. Andererseits war sie auch der Meinung, dass man jeden so hinnehmen müsse, wie er ist.

Sia stand auf und fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihr zu einer Wahrsagerin zu gehen. Damit ihr diese ihre Zukunft aus dem Kaffeesatz liest. Bis dorthin war es nicht weit, wir hätten mit den Fahrrädern hinfahren können. Sie wollte jetzt zu ihr, solange Bogdan schläft.

Ich war von dem, was sie mir gerade über sich und Victor erzählt hatte, vollkommen überwältigt. Aber gleichzeitig wollte ich ihr zur Seite stehen und mir selbst beweisen, dass ich Wut und Groll und weiß der Teufel was hinter mir lassen kann. Also erhob ich mich und willigte ein. Mir aber sollte niemand die Zukunft voraussagen.

„Warum nicht? “, fragte sie.

„Wenn sie mir Gutes sagt, glaube ich ihr nicht und wenn sie mir Schlechtes sagt, denke ich so lange daran, bis das Schlechte tatsächlich eintrifft.“

„Wie du möchtest. Die Frau ist cool, ich war schon mal bei ihr.“

Bevor wir zur Wahrsagerin fuhren, mussten wir einen Umweg machen, um eine Packung Kaffee aus dem Supermarkt zu holen. Denn so funktionierte es dort, man musste selbst eine Packung Kaffee mitbringen. Andrada konnte sich nicht entscheiden, welchen sie nehmen soll.

„Nimm den, den du sonst auch trinkst“, sagte ich.

„Normalerweise trinke ich keinen Kaffee.“

„Du trinkst wohl welchen, ich habe dich dabei gesehen.“

„Aber nur selten. Hmmmm, was meinst du?“

„Was meine ich wozu?“

„Welchen würdest du nehmen?“

„Du musst den selbst aussuchen, sonst ist es so, als ob sie mir die Zukunft voraussagt.“

Sie nahm eine Packung in die Hand, betrachtete sie von allen Seiten und sagte schließlich:

„Diesen habe ich beim letzten Mal gekauft, und ich war nicht zufrieden mit dem, was sie darin gelesen hat.“

Also hat sie sich für eine andere Marke entschieden und die Hand bis hinten ins Regal gestreckt, um eine frischere Packung herauszufischen Dabei hat sie eine ganze Menge Ware durcheinandergebracht. Dann ging sie den Kaffee bezahlen und ich blieb stehen, um die Ware auf ihren Platz zurückzuräumen.

„Was für eine blöde Kuh!“

 

aus dem Rumänischen von Manuela Klenke

 

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Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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