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Auzug aus dem Roman „Der traurige Gast“ von Matthias Nawrat

Der Roman «Der traurige Gast» (2019) war unter anderem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2020 erhielt Matthias Nawrat den Literaturpreis der Europäischen Union.
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Matthias Nawrat wurde 1979 im polnischen Opole geboren und siedelte als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Bamberg um. Für seinen Debütroman «Wir zwei allein» (2012) erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis; «Unternehmer» (2014), für den Deutschen Buchpreis nominiert, wurde mit dem Kelag-Preis und dem Bayern 2-Wortspiele-Preis ausgezeichnet, «Die vielen Tode unseres Opas Jurek» (2015) mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises sowie der Alfred Döblin-Medaille. «Der traurige Gast» (2019) war unter anderem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2020 erhielt Matthias Nawrat den Literaturpreis der Europäischen Union.


Die Architektin

Es war Anfang Mai, als ich die Architektin kennenlernte. Am Ende unserer Straße, auf Höhe des Gesundbrunnen-Centers, befand sich seit ein paar Wochen eine Grube, neben der zwei gelbe Kräne in den Himmel ragten. Neue Wohnapartments und Studios sollten dort, laut einer großen weißen Tafel, entstehen. In der Grube war einen Tag nach ihrem Auftauchen schon Zement ausgegossen gewesen, aber bisher war kein nächster Schritt unternommen worden.

Meine Frau Veronika und ich hatten ein paarmal darüber gesprochen, unsere Wohnung umzugestalten, auch wenn wir es nicht wirklich vorhatten. Im Mały Książe hatte ich per Zufall auf der Theke neben verschiedenen Prospekten eine Visitenkarte auf einem Stapel gefunden. Dorota Kamszer – Architektin, stand darauf. Rufen Sie an! Weil mich diese Aufforderung interessierte, rief ich noch am selben Nachmittag unter der angegebenen Nummer an.

Aber Sie müssen herkommen, sagte die Architektin am Telefon, nachdem ich ihr unser Anliegen geschildert hatte. Ich verlasse meinen Stadtteil nicht.

Sie bleiben immer nur in Schöneberg?, fragte ich.

Ja, sagte sie. Obwohl, einmal war ich Segeln auf dem Wannsee. Ein Mann, in den ich sehr verliebt war, hatte mich dazu eingeladen, und da musste ich natürlich durch alle auf dem Weg liegenden Stadtteile fahren, was mir gut gefallen hat. Aber das ist schon dreißig Jahre her, der Mann und ich waren sehr jung.

Ich war irritiert von dieser Eröffnung. Da mir die Geschichte außerdem wenig glaubwürdig vorkam, fragte ich sie, wie sie das mit ihrem Beruf vereinbare. Auch in anderen Stadtteilen werde doch gebaut. Eine Architektin müsse doch irgendwann ihre Gebäude besichtigen.

Ich arbeite von zu Hause aus, sagte sie.

Ihre Visitenkarten lagen im Mały Książe, sagte ich. Das ist doch in Kreuzberg.

Eine Freundin hat sie dort für mich vorbeigebracht.

Und der Segler? Was ist aus ihm geworden?

Vermutlich lebt er noch heute irgendwo in dieser Stadt, sagte sie. Er hat eine Familie und einen Beruf, dem er gerne nachgeht. Vielleicht hat er sogar schon Enkelkinder.

Die Architektin sprach leise und gewählt. Ihr Polnisch erinnerte mich, wie mir, nachdem ich aufgelegt hatte, plötzlich bewusst wurde, an dasjenige, das ich von meiner Oma kannte, die aus Brzeżany stammte, einer Kleinstadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg polnisch gewesen war, heute jedoch zur Ukraine gehörte. Die musikalische Art und Weise, wie sie die Wörter miteinander verschmelzen ließ, weckte in mir die Vorstellung von uralten Potocki-Gräfinnen, von einer längst untergegangenen, aber im kulturell-genetischen Pool des alten Osteuropa noch präsenten Vergangenheit, die als Erinnerung fort- dauerte. Ich fühlte mich davon angezogen. Aber mich überkam auch, nachdem ich aufgelegt hatte, ein merkwürdiges Gefühl des Unbehagens.

Was meinst du mit Unbehagen?, fragte Veronika, die mir gegenüber auf unserem Sofa im Flur saß, in der Nische unter dem Fenster, als ich ihr von dem Telefongespräch erzählte.

Ich weiß es nicht, sagte ich.

Ich musste in diesem Augenblick, auch wenn ich es selbst übertrieben fand, an die letzten Worte des Elfenbeinhändlers Kurtz aus Joseph Conrads Heart of Darkness denken, ich sah die Szene auf dem Kongo-Fluss beinahe vor mir. Ich sah den in der Kabine siechenden Kurtz, von Irrsinn befallen, längst für das Leben der normalen Menschen verloren, wie er aus wirren Albträumen für Augenblicke auftaucht und, den Blick schon in eine andere Sphäre gerichtet, wieder und wieder dieselben Worte sagt: das Grauen.

Du übertreibst, sagte Veronika.

Vermutlich, sagte ich.

 

Kuchen

Die Architektin wohnte in einem Teil Schönebergs, der geprägt war von bürgerlichen Wohnhäusern. Die Wohnungen hinter den Fenstern, so konnte ich, an diesen Häusern mit ihren Erkern entlanggehend, durch einige Scheiben sehen, hatten hohe Zimmerdecken und Stuck. Die arabischen Imbisse, wie ich sie aus unserem Viertel kannte, waren hier einsame Inseln zwischen Cafés, Weingeschäften und dem griechischen Restaurant an der Ecke.

Das Haus mit der Nummer 17 befand sich in einer ruhigen Seitenstraße mit einer sich alle fünfzig Meter verengenden Fahrbahn. An den Engstellen ragte aus der Reihe der geparkten Autos jeweils ein bepflanztes, durch Kopfsteinpflaster begrenztes Halbinselchen in den Asphalt.

Ich klingelte, die Gegensprechanlage blieb lange stumm, knackte dann doch, und eine Stimme, die heller klang als die am Telefon, sagte meinen Namen und Vornamen. Nachdem ich bestätigt hatte, passierte aber nichts. Ich zögerte eine halbe Minute lang – denn wer wusste, was sie davon abhielt, den Türöffner zu drücken. Als ich aber beschloss, ein zweites Mal zu klingeln, und den Finger schon auf den Knopf legte, summte das Schloss, und die schwere Eingangstür gab nach.

Entschuldigung, sagte sie in der Tür im zweiten Stock, ich musste noch eine dringende E-Mail zu Ende schreiben. Sie öffnete die Tür ganz und trat einen Schritt zurück, um mich in einen unter meinen Füßen knarzenden, unter ihren aber kein Geräusch machenden Wohnungsflur einzulassen. Im Türrahmen eines der angrenzenden Zimmer bat sie mich, die Schuhe auszuziehen und mir aus dem Regal neben der Wohnungstür ein Paar Stoffschlappen zu nehmen.

Ich stand in diesem Flur, ich atmete ein und spürte eine überraschende Weite. In der Wohnung roch es nach etwas, das ich kannte. Ich meinte, es sei der Geruch alter Bücher, deren Papier in Zeiten hergestellt und umgeblättert worden war, die schon lange vergangen waren.

Hinter der Architektin lag ein Durchgangszimmer, in dem ein Schreibtisch vor einem Fenster stand. Die rückwärtige Seite wurde ausgefüllt von einer Palme und anderen hohen Pflanzen. Aus diesem Raum führte eine weitere Tür, durch die der Ausschnitt eines Kühlschranks zu sehen war.

Sie wollen also Ihre Wohnung umgestalten, sagte die Architektin.

Wir denken lediglich darüber nach, sagte ich.

Alle wollen ihre Wohnungen umgestalten, sagte sie. Sie lachte, und es war ein irgendwie kindliches, aber auch ironisches Lachen.

Sie führte mich in ein weiteres Durchgangszimmer im hinteren Bereich der Wohnung, das auf den Hof hinausging. Um das Fenster zum Hof war der Raum etwas heller, aber das Licht wirkte wie Konservenlicht, wie Tageslicht zweiter Klasse. Es schien abgestanden, drang kaum über den Radius von einem Meter in den Raum hinein. Links von uns öffnete sich eine Flügeltür in ein großes Zimmer mit Balkon und Fenster zur Straße, die von Sonnenlicht erhellt war. Noch bevor ich jedoch in diesen Raum treten konnte, schloss die Architektin die Tür und lotste mich an den Esstisch im Durchgangszimmer. Sie selbst setzte sich an dessen Kopfende.

Ich schaute, nachdem ich mich gesetzt hatte, auf eine Wand aus Buchrücken hinter verschiebbaren Regaltüren.

Nehmen Sie ein Stück Kuchen, sagte die Architektin und deutete auf einen hellen Streuselkuchen mit weißer Zuckerglasur. Dieser hier ist aus dem Supermarkt an der U-Bahn-Station, von der Sie gekommen sein müssen. Der Laden hat so gut wie nichts im Angebot, seit Jahren heißt es, es werde einen Umbau geben. Auch soll der Laden von einem anderen Betreiber übernommen werden, aber bisher ist nichts geschehen. Diesen Kuchen – sie deutete auf einen zweiten, in Scheiben geschnittenen Kuchen, der blass und irgendwie mager aussah und mich in seiner Grobporigkeit eher an ein Omelette erinnerte – habe ich selbst gebacken, er ist meine Spezialität.

Ich legte ein Stück von dem selbstgebackenen Kuchen auf meinen Teller. Sie stand auf und verschwand in den Wohnungsflur, und ich hörte aus dem vorderen Bereich der Wohnung, jenseits des Raums mit dem Schreibtisch und dem Zimmerdschungel, Schranktüren klappern und Wasser rauschen. Ich nahm einen Bissen von dem Kuchen und wollte ihn sofort wieder auf den Teller fallen lassen. Nach nur kurzem Kontakt mit meiner Zunge hatte ich ein überwältigendes Erlebnis vollkommener Geschmacklosigkeit. Das Stück Kuchen lag in meinem Mund und sonderte nichts ab, es zerfiel auch nicht, sondern behielt, wenn ich es kaute, seine gummiartige Konsistenz. Ich konnte das Stück, wie ich dann feststellte, kauen und schlucken, aber im Mund blieb kein Vermissen zurück.

Wie schmeckt er Ihnen?, fragte die Architektin, als sie zurückkam und aus einer silbernen Espressokanne Kaffee in die Tassen goss.

Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht, sagte ich.

Ich backe ihn eher aus praktischen Gründen, sagte sie. Er wird aber beginnen, Ihnen zu schmecken. In meinem Bekanntenkreis ist er inzwischen sehr beliebt. Ich verschenke viel davon an meine Freunde. Er ist sehr gesund, denn er besteht praktisch nur aus Eiweiß. Ich benutze auch keinen Zucker.

Für eine Weile schaute sie nachdenklich in die Zimmerecke und auf das Fenster zum Hinterhof. Sie war klein und zierlich, ihre Lippen waren rot geschminkt. Sie hatte schlanke Hände, die jedoch, wie mir im ersten Moment schon aufgefallen war, ungewöhnlich harthäutig und abgearbeitet wirkten. Ihr kurzes graues Haar wirkte federleicht. Ich hatte in diesem Moment den Eindruck, dass in ihren Gesichtszügen sich etwas sehr Lebendiges zeigte, die Intelligenz von Generationen von Professoren und Gelehrten. Es stellte sich heraus, dass sie aus Opole kam, wie ich.

Aber ich bin schon lange nicht mehr dort gewesen, sagte sie.

Wir sprachen eine Weile über verschiedene Straßen und Plätze der Stadt. Ich beschrieb ihr, wo ich als Kind gewohnt hatte. Ich erzählte ihr auch, dass viele der alten deutschen Häuser um den Rathausplatz oder am Kanal heute renoviert und pastellfarben gestrichen waren und dass es an der Oder neugestaltete Spazierwege gab und dass dort Sportgeräte aufgestellt worden waren für die Stadtbewohner, zur Steigerung der allgemeinen Gesundheit, finanziert mit EU-Geldern.

Das klingt sinnvoll, sagte sie.

Auf ihre Frage, was ich machte, erzählte ich, dass ich Schriftsteller sei und bisher drei Bände mit Erzählungen veröffentlicht hätte.

Ein Schriftsteller, sagte sie. Interessant. Dann kennen Sie sich bestimmt auch mit Architektur aus.

Nicht wirklich, sagte ich.

M

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Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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Daniela Chana, 1985 in Wien geboren, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihre Kurzgeschichten und Gedichte wurden bereits in zahlreichen Literaturzeitschriften (Lichtungen, kolik, entwürfe, etcetera, Am Erker, …). Ihr Lyrikdebüt „Sagt die Dame“ (Limbus Verlag, 2018) wurde unter die „Lyrik-Empfehlungen 2019“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. Am 15. Februar 2021 erschien ihr Erzählband „Neun seltsame Frauen“ im Limbus Verlag.

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