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Becoming Visible: Eva Ruth Wemme und George State – Was ist das Besondere an Literaturübersetzer:innen?

Zum Internationalen Tag des Übersetzens veröffentlicht dlite unter dem Motto „Becoming Visible” eine Reihe virtueller Gespräche zwischen Übersetzer:innen aus dem Deutschen und dem Rumänischen. Dabei geht es uns vornehmlich um Herausforderungen, Vorgehensweisen und die berufliche Erfahrung der Held:innen, die uns fremdsprachige Bücher näherbringen.

1. Was ist das Besondere an Literaturübersetzer:innen? Vor welchen Herausforderungen stehen Übersetzer:innen?

Eva Ruth Wemme: Ich weiß nicht, ob es einen solchen Herdenbegriff gibt – meine Kolleg*innen kommen mir eher wie Einzelgänger vor, vertraut mit Alleinesein oder jedenfalls großen Abständen zwischen sich und denen, die in ihrer Arbeit eine Rolle spielen – Autoren in einem anderen Land, Lektoren nur selten in persona, Verleger nur in ihrer Unterschrift vorhanden. Im Ohr das Sausen des Kühlschranks, ist Übersetzen eine Stillarbeit. Oft Gelenkschmerzen, viel Sitzen, viel Bewegungslosigkeit. Und immer getrieben von dem Wunsch, Kommunikation und Verbindung herzustellen. So gesehen fast etwas tragisch: einzelgängerische Sehnsucht nach Verbindung, nach Verständigung letzten Endes, nach einer Möglichkeit trotz der Bauruine des Turmes zu Babel als Menschheit zueinander zu kommen. Und dann die immer wieder schmerzhafte Erkenntnis: Das ist Hybris.

Die Herausforderung also: Sinnfragen…
…und dann mit nicht enden wollenden Arbeitstagen. So entgegen jedem persönlichen Arbeitsrhythmus – Deadlines jenseits von Gut und Böse, plötzliche Anfragen kurz vor den Schulferien, Abgabetermine nach den Weihnachtsfeiertagen, Lektorate  in letzter Minute, zwei Projekte auf einmal und dann monatelang nichts. Die große prinzipielle Herausforderung beim Übersetzen besteht für mich darin, dass Übersetzungen nie endgültig, perfekt, vollkommen sein können. Es gibt zu viele Unschärfen – in den beiden Sprachen, beim Autor, beim Übersetzer, beim Publikum. Regelmäßig erzeugt diese Komplexität ein Hochstaplerinnengefühl bei mir und Ähnliches habe ich auch von Kolleg*innen gehört. Übersetzen: Eine Donquichoterie. Optimistische Verzweiflung.

George State: Durch meinen Beruf als Lektor habe ich mitbekommen, wie oft es erforderlich war, mangelhafte Übertragungen neu zu übersetzen. Aufgrund dessen fasziniert mich diese Tätigkeit nicht mehr wirklich. Ich weiß nicht, inwieweit, oder in welchem Ausmaß, sie eine Herausforderung darstellt. Irgendwelche Grundsätze dazu zu definieren, steht mir nicht zu. Daher würde ich sagen, dass das Übersetzen eher eine forschende Vorgehensweise auf der Suche nach einer Theorie ist.

 

2. Hat dich jemand zu oder in deiner Arbeit inspiriert?

Eva Ruth Wemme: Ohne Inspiration geht nichts. Am schönsten ist es, wenn der Text selbst mich inspiriert. Das passiert. Manchmal nicht. Dann es ist vielleicht der Text, den ich meinem Kind am Abend vorlese und ein Wort daraus passt genau in meine Übersetzung. Oder etwas, was ich auf der Straße höre. Das große Netz der Sprache und des Sprechens inspiriert mich, lebensnotwendig. Inspiriert zu meiner Arbeit haben mich viele Menschen, Autoren, die ich traf und die ich mochte, rumänische Freunde, die mir von Rumänien, dem Land der Dichter, vorschwärmten, die rumänische Sprache selbst, die so verrückt klingt wie ich damals war, als ich sie lernte. Meine Liebe zu meiner eigenen Sprache.

Ja – ehrlich gesagt: Zur Arbeit inspirieren mich vor allem die Autor*innen. Für manche habe ich Lust, ihr Buch zu übersetzen.

George State: 1997 als ich das Gymnasium besuchte, habe ich in einem  Fernsehbeitrag Petru Cretia erlebt. Er hat mich besonders berührt, damals wurde er zu Iosif Savas berüchtigten Musikabende eingeladen. Obwohl ich Altgriechisch nicht beherrsche, sind zwei seiner mit Anmerkungen versehenen Übersetzungen für mich ein Meilenstein geworden: Das Bankett von Platon und Fünf Bücher der Bibel/Cinci cărți din Biblie (beide erstmal im Jahr 1995 veröffentlicht). Zudem waren zwei Autoren Vorbilder für mich, die selbst wichtige Übersetzer sind und die ich mit gewisser Beharrlichkeit aufgesucht habe: Paul Celan und W.S. Merwin.

 

3. Welches der Bücher, die du übersetzt hast, gefällt dir am meisten und warum? Gibt es ein Projekt, bei dem du sehr gerne mitgearbeitet hast?

Eva Ruth Wemme: Ich habe nur ein einziges Mal beim Übersetzen gedacht: Das könnte ich jetzt jahrelang tun!, nämlich als ich Caragiale übersetzte. Jeder Satz, den ich da las, war perfekt, am richtigen Platz, war musikalisch und darüber hinaus witzig. Eine sehr tröstliche, glückliche Begegnung. Aber tatsächlich gefällt mir immer das Buch, das ich gerade übersetze. Manchmal ist die Liebe glücklicher, manchmal schwieriger, aber wir leben zusammen und das bedeutet eine ganze Menge. Gerade übersetze ich „Der Trevibrunnen“ von Gabriela Adameșteanu, das ist wirklich Arbeit und zugleich fühle ich mich so zu Hause in ihren Büchern, „ja“, sage ich morgens zu diesem Buch, „du gefällst mir“, und dann geht es los.

Ich habe immer eher soziale oder psychosoziale Projekte in Gemeinschaft mit anderen ins Leben gerufen und habe dort sehr gerne mitgearbeitet. Roma, Geflüchtete aus Osteuropa… Mit anderen gemeinsam – da erinnere ich mich an Gelegenheiten, zu lehren, für die ich sehr dankbar bin. Beim FILIT-Festival in Iași, als ich mit Schülern gearbeitet habe, oder mit jungen Kollegen während eines Lyrik-Workshops. Diese Arbeit gefällt mir und ich hoffe, es wird noch Gelegenheiten geben.

George State: Die Gesamtwerke/Opera Poetică von Paul Celan (Polirom Verlag, 2019, 2 Bänder), ein Projekt, das mich ein Jahrzehnt beschäftigt hat.

 

4. Gibt es ein Wort oder eine Wendung, die dir schlaflose Nächte bereitet hat?

Eva Ruth Wemme: Ja – es gibt da gerade ein paar Wörter in einer Übersetzung von Adrian Șchiop: șmecher und fraier, diese Wörter sägen an meinen Nerven. Im Kontext des Bukarester Slumviertels Ferentari sind diese Wörter kaum zu übersetzen: korrekt, treffend, schmutzig soll es sein, die Übersetzungswörter sollen verbrecherisch, ganovenhaft, fies, idiotisch, bekloppt, naiv in verschiedenen Schattierungen evozieren. Und in die Sprache der Figuren passen. Das heißt – es kann auch keine abstrakte Lösung geben. In vielen Sätzen muss ich diese Wörter mit verschiedenen deutschen Wörtern übersetzen, was aber wiederum „falsch“ ist, weil sie stereotyp benutzt werden. Oder boschetar – Obdachloser, wörtlich: „Gebüschler“, wie gebe ich den Respekt wieder, den die Figur in dieses Wort legt, der in dem deutschen Wort „Penner“ völlig fehlt? Schreibe ich „Obdachloser“ und wähle damit die saubere, bürokratische Variante? Etc.

George State: Wundgeheilt: das erste Wort aus Celans Gedicht „Hafen“. Nun, ich kann damit nicht angeben, dass es mir tatsächlich schlaflose Nächte bereitet hat, aber ich habe lange darüber nachgedacht, wie man den Begriff zutreffen wiedergeben könnte.

 

5. Gibt es einen Autor oder eine Autorin, den oder die du gerne übersetzen würdest?

Eva Ruth Wemme: Im Moment kann ich daran gar nicht denken, ich übersetze gerade zu viel. Einen Klassiker oder besser noch: eine Klassikerin würde ich gerne mal übersetzen, einfach als Akt der Revolte gegen die dumpfe Meinung, in Rumänien gäbe es keine kulturelle Tradition.

George State: James Fenton, mein Favorit in den letzten Jahren, würde ich gerne übersetzen. Doch, es ist eher unwahrscheinlich, dass mir das mit seinen Hits in gelingt. Ansonsten gibt es natürlich eine Menge wichtige Autorinnen und Autoren, die eine rumänische Ausgabe verdienen würden: von Hannah Sullivan, deren Lyrikdebüt – Three Poems (2018) – mich beeindruckt hat, bis hin zu Klassiker wie Derek Walcott oder Durs Grünbein (von ihm beabsichtige ich, Einiges zu übertragen).

 

6. Becoming Visible. Was verstehst du unter diesem Motto?

Eva Ruth Wemme: Es erinnert mich daran, dass ich bei einer Buchmesse mal eine Übersetzerin ins Mikrophon sprechen hörte, „entschuldigt, dass es mich gibt!“ Sie war wohl erbittert über ihre Unsichtbarkeit. Für Übersetzer*innen gibt es keinen Weltruhm, keine Nobelpreise, kein emazipatorisches Vorbild. Übersetzer*innen sind die, denen man dankt, dass sie das tun, was sie tun, es ist rührend und nett, es gibt auch berühmte Schriftsteller*innen, die netter Weise auch etwas übersetzt haben, aber die Berühmtheit hat mit dem Übersetzen nichts zu tun. Übersetz*erinnen werden durch spezielle Programme des Übersetzerfonds etc. auch mal in die erste Reihe gesetzt, ich bin mir gar nicht sicher, ob wir uns dort immer so wohl fühlen. In Momenten übersetzerischen Triumphes war ich immer etwas außer mir und dachte: Aber ich habe mir das Buch nicht ausgedacht, ich habe kaum einen Verdienst, außer dass ich so nett war, den Text halbwegs lesbar in deutsche Worte zu fassen, in zwanzig Jahren wird man schon eine neue Übersetzeung brauchen, eine Übersetzung ist bei all meinem Narzissmus nichts, womit ich unbedingt sichtbar sein möchte. Aber es ist ehrenhaft, auch die Stillen, Schüchternen mal vorzustellen. Die ewig Introvertierten der Literaturszene. Es gibt natürlich ein paar Ausnahmen, aber auch nur, weil sich diese Kolleg*innen auf Performance verstehen –  Singen, Tanzen, Reden schwingen, Deklamieren, Feste organisieren. Auf der anderen Seite – habe ich schon viele interessante Begegnungen mit Übersetzerkolleg*innen gehabt. Siehe: Was ist das Besondere an Übersetzer*innen. Ich sehe also gerne und mit Gewinn hin!

George State: Es bedeutet für mich nicht allzu viel. Der Versuch, in den Augen der anderen weniger unauffällig zu werden – kurz gesagt, diese symbolische Anerkennung – ist eher ein Trostpreis für die generell niedrige Vergütung, die oft zu einer ziemlich prekären Lebenslage führt.

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Eva Ruth Wemme, geb. 1973 in Paderborn, ist eine deutsche Übersetzerin und Schriftstellerin. Unter anderem übersetzte sie Werke von Mircea Cărtărescu, Nora Iuga, Ioana Nicolaie, T.O. Bobe, Ion Luca Caragiale und Nicoleta Esinencu aus dem Rumänischen ins Deutsche. Für die Übersetzung von Gabriela Adameșteanus Roman Verlorener Morgen erhielt sie 2019 den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse.

George State, geb. 1979, ist ein rumänischer Übersetzer und Lyriker. Er studierte Philosohie in Klausenburg. Unter anderem übersetzte er theoretische Texte von Walter Benjamin, Boris Groys, Karl Löwith, Peter Szondi, Jacob Taubes, Paul Celans Gesamtwerk (Polirom Verlag, 2019, 2 Bänder) und ausgewählte Lyrik von Georg Trakl. Zurzeit arbeitet er an einem eigenen Lyrikband, Sarx.

 

 

Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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