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Was macht dich besonders, Stela?

DLITE stellt den Text der Gewinnerin des Wettbewerbs 2021 für unveröffentlichte rumänische Erzähltexte vor.
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Was macht dich besonders, Stela?

von Corina Sabău

Als ich die Augen aufgemacht habe, saß er neben mir, mit dem Rücken an das Kissen gelehnt und rauchte.

„Ich habe das Haus verloren“, sagte er mir.

Ganz gleich wie betrunken er wäre, er würde nie mit Schuhen ins Bett steigen und auch nicht im Zimmer rauchen; Regeln, die für ihn nicht zur Debatte stehen. Jedes Mal, wenn ich Grund hätte, ihn zu hassen, denke ich, dass ich ungerecht wäre. Immerhin wohne ich ja in seinem Haus. Von hinten betrachtet hat er etwas von einem asiatischen, edlen, leidenden, verwundbaren, sturen und doch starken Teenager, dem man auf einem staubigen Weg begegnen könnte, barfuß laufend und einen Korb auf dem Kopf tragend, man könnte sich ihn auch in einem Ghetto vorstellen, missbraucht von älteren Jugendlichen oder ganz im Gegenteil, in einem Raum voll mit alten Gegenständen, ein junger Mann, der sich gerade erholt hat von einer schweren Krankheit, vertieft in einem Buch, das vor zweihundert Jahren geschrieben wurde. Aber aufgrund seines gleichgültigen Gesichtsausdrucks, seiner leichten Blässe könnte man sich ihn auch am Steuer eines Cabrios vorstellen. Um das alles abzukürzen: Nach fünf Jahren des Zusammenseins weiß ich gar nichts von ihm, außer, dass ich ihn in Extremsituationen nur lieben kann. Einige nebensächliche Details: Sein Brot isst er gerne mit Erdnussbutter, er guckt House of Cards und bringt seine Hemden zu der Reinigung aus dem Auchan, weil er damit unzufrieden ist, wie ich sie bügle. Er mag einige ältere Filme (so etwas wie Snatch) und beim Fahren hört er sich Der Barbier von Sevilla an (vor allem die Ouvertüre). Ab und zu imitiert er irgendeine Figur: Er beugt den Kopf und sagt „Sayonara“. Ich war aber nie so neugierig, ihn zu fragen, wen er nachmacht.

Ich möchte aufstehen und das Fenster schließen, denke aber, dass man so etwas nicht bringen kann, wenn man gerade davon erfahren hat, dass jemand sein Haus verloren hat.

„Meinst du das ernst?“

„Kannst du auch was anderes sagen?“

Er sah mich nicht an, als er sprach.

Ich richte mich auf und lehne mich, wie er, an das Kissen.

„Vielleicht hast du zu viel getrunken, Anto.“

Er zündet sich noch eine Zigarette an und nähert sich dem Bild, das ich mir zum Geburtstag gewünscht habe – eine nachdenkliche Frau in einem hautengen Kleid, die Hälfte des Gesichts von Haaren bedeckt, versunken in einem Sitzsack.

„Die hätten sie in einem klassischen Sessel malen können, diese Sitzsäcke passen nur zu Bars“, hatte er damals gesagt, als wir uns dem Bild genähert hatten, aber die Verkäuferin schnitt ihm das Wort ab: Das sei die Vision des Künstlers.

Heute ist das erste Mal, – abgesehen von dem Gespräch damals – dass er etwas an dem Bild auszusetzen hat, welches ich dem Ring vorgezogen habe, den er ausgesucht hat und der das Gleiche gekostet hätte.

Ich bevorzugte das Bild und weigere mich bis heute noch, zu glauben, dass ich dieses Gemälde nur deshalb ausgesucht habe, um seine Aufmerksamkeit zu wecken, so als wäre meine Wahl ein Hilferuf, ich weigere mich, zu glauben, dass ich ihm ein schlechtes Gewissen machen möchte, weil er mich vernachlässigt und mich die halbe Nacht oder sogar bis früh am Morgen auf ihn warten lässt, mit einem entstellten Gesicht, wie das der Frau auf dem Bild, ich weigere mich, zu glauben, dass ich dieses Bild an der Wand aufgehängt habe, um mich mit dieser jungen Frau zu identifizieren und ihn zum Nachdenken zu bringen, damit er merkt, dass es mir nicht gut geht, dass er liebevoller sein könnte, ich weigere mich das alles zu glauben, vor allem, weil ich damals, als ich es aufgehängt habe, das Gefühl hatte, dass ich mich distanziere, dass es keinen Sinn mehr hat, zu versuchen, etwas an ihm zu verändern. Ich weigere mich zu glauben, dass ich so wie alle anderen Frauen bin, so erbärmlich, so abhängig von seinen Gefühlen, selbst dann, wenn ich den Eindruck habe ihn nicht mehr zu lieben.

„Getrunken habe ich, wie immer, zu viel.“

Selbstverständlich ist Leo daran schuld. Weil Leo Langeweile hatte. Weil Leo einen ehemaligen Kollegen von der Uni getroffen hat, der in Mathematik promoviert hatte und von TEDX eingeladen war, einen Vortrag zu halten. Und weil Leo, zumindest behauptete er das, es einst dem Kollegen gegeben hatte, haben sie jetzt einen Teil der Nacht in der H. verbracht, Tequila getrunken und sich auf dem Handy den Vortrag angeguckt. Dabei waren sie jedes Mal richtig froh, wenn sie eine alberne Motivationsfloskel identifizierten. Komplett weglachen mussten sie sich, als dem jungen Mann durchgerutscht ist, dass Mathematik die Musik des Verstandes ist. Dieser Satz in Kombination mit weiteren Gläser Tequila hat ihr Selbstwertgefühl wieder geradegerückt, also tranken sie noch einige Gläser. In ihren Leben haben sie nichts Besonderes geschafft, auch keine Dissertation geschrieben, über Zahlentheorien oder mathematische Logik; wenn sie sich aber eines sicher sind, dann ist es, dass sie nicht mal im Traum so langweilig sprechen würden. Sie haben ihre Jugend nicht für die Katz verschwendet und auch keinen Gipfel der Peinlichkeit daraus gemacht. Da das geklärt war, gingen sie zu Gelu und wetteten um immer höhere Geldsummen, spielten auf Hochtouren; Antoine hat das ganze Geld, das er noch auf dem Konto hatte, verspielt und Leo das Geld für die Hochzeit seiner Schwester. Als sie dann bankrott waren, haben sie Iulică angerufen, damit er vorbeikäme und ihnen Geld ausleihe. Also packte Iulică das Geld, das er für die Dönerbude gespart hatte, in eine Tasche und ging damit hin. Er holte die beiden heraus und sagte ihnen, während er die Tasche voller Geld in den Armen hielt: „Geht umsichtig damit um, das ist Jenels Geld“. Sie gingen die Treppe hoch, er zog sie zurück auf den Bürgersteig und betonte: „Ihr dämlichen Idioten, das ist das Geld für die Dönerbude, habt ihr das verstanden?“; so ging es ein paarmal, die Treppe hoch und runter, während Iulică diesen Refrain wiederholte, bis Gelu mit den Händen in den Hosentaschen und einem breiten Grinsen im Gesicht herauskam:

„Kommt schon, ihr Elefantenkäfer, ihr habt doch gerade so richtig abgeräumt.“

Bevor Iulică ihnen die Tasche übergab, schaute er sie noch einmal voller Verzweiflung an:

„Jenel, Idioten.“

„Und was passiert jetzt mit mir“, würde ich ihn am liebsten fragen, nachdem er fertig mit dem Erzählen ist. Dann geht mir auch noch durch den Kopf, dass ich den Jungen aus dem gegenüberstehenden Hochhaus nicht mehr sehen werde und auch nicht mehr in die Konditorei Magic gehen werde, dort wo sie Cozonac in Scheiben verkaufen, und stets frische Pralinen mit reichlicher Nussfüllung, sollten wir ausziehen müssen.

„Hast du etwas unterschrieben? Lass uns zusammen daran erinnern, was du getan hast”, rede ich feinfühlig auf ihn ein.

„Halt doch mal die Fresse! Was geht dich das an?”

Er packt den Lampenschirm aus Federn, tritt dagegen und wiederholt immer wieder, „verdammter Mist, was weißt du denn schon übers Geld, fickt euch, ihr Holländer”.

Je mehr die Federn durch das Zimmer fliegen, desto heftiger flucht  er.

Seit fünf Jahren wohne ich in seinem Haus, trage zu den Kosten nichts bei, wie ich bereits erwähnte, mir ist bewusst, dass ich ihm dankbar sein müsste, anderseits ist es so, dass wir eine Vereinbarung hatten, ich habe es für voll genommen, was er mir damals gesagt hat, an dem heißen Tag, als wir mit einem Tretboot im Herăstrău-See einmal im Kreis gefahren sind. Das war der Anfang, es hat nichts gefehlt, um diesen Moment unvergesslich zu machen; Wasser, herrliche Sonne, ich trug einen Sonnenhut mit einem breiten beigen Bändchen drumherum und er fragte, „Was bringt dir denn die Uni, das ist reine Zeitverschwendung, lass uns zusammen etwas aufbauen”. Es kommt nicht in Frage, ihm nicht dankbar zu sein, aber wenn ich mir das gerade anschaue, wie er auf die Lampe tritt – einige Federn widerstehen hartnäckig – dann bricht dieses böses Mädchen in meinem Inneren in Lachen aus. Das ist der Moment, in dem meine Eltern endlich gerächt werden.

Er kann nicht mehr dagegen treten, also schmeißt er sie gegen die Wand (immerhin nicht da, wo das Bild mit der Frau hängt) und reißt ihr die wenigen übrigen Federn raus.

„Zum Teufel mit meinem blöden Kopf.”

Es ist jetzt kein passender Moment, ihm zu sagen, dass er keine einzige Stunde für dieses Haus geschuftet hat, seine Mutter im Endeffekt auch nicht, so wie das meine Eltern getan haben. Und auch nicht, um ihn daran zu erinnern, dass die Lampe nicht von Ikea kommt, dass sie von Dänen und nicht von Holländern gemacht worden ist. Wahrscheinlich erinnert er sich eh nur noch daran, dass ich darauf bestanden habe, sie zu kaufen. Ich mag es, dass er auf Rumänisch flucht, anders als Leo, der jede Minute ein „Fuck” von sich gibt. Das einzige englische Wort, das er benutzt ist „ok”, und das macht ihn sehr sexy. Wie soll man einen Typen nicht mögen, der Rumenglisch ablehnt und auf seine täglichen dreißig Sprung-Kniebeugen nicht verzichten würde, selbst wenn sich der Dritte Weltkrieg anbahnen würde.

Es fällt mir schwer, mich zu beherrschen, ihm nicht zu sagen, dass ich sehr oft Zeit damit verbracht habe, den Staub von diesen Federn zu wischen. Nachdem die Lampe durch ist, stößt er mit dem Kopf gegen die Fernsehkommode. Selbstverständlich stand darauf eine meiner Tassen, die ihn daran erinnerte, wie sehr er meine Angewohnheit, Teetassen, Gläser mit Wasser oder Limonade überall stehen zu lassen, hasst. Er verflucht mich, verflucht meine Tasse, schmeißt sie gegen die Wand und zerbricht sie, stößt noch ein paarmal mit der Stirn gegen die Kommode. Ich hoffe, dass er sich nicht allzu weh tut, damit ich nicht den Notarzt rufen muss. Den Notarzt habe ich noch nie gerufen und ich stelle es mir sehr peinlich vor, erklären zu müssen, dass mein Freund sich den Kopf gestoßen hat, als er ihn gegen die Wand schlug. Ramona, zum Beispiel, könnte selbst in so einer Situation überzeugend sein, aber mich würde keiner ernst nehmen.

Ganz theatralisch wischt er sich den Blutstreifen aus dem Gesicht, seine Augen füllen sich mit Tränen, er kommt in meine Richtung, hält die eine Hand an der Schläfe. „Ich glaube ich blute”, sagt er, eine Szene, die ich in Dutzenden von Filmen gesehen habe, am liebsten würde ich ihn noch mehr auslachen, er setzt sich auf meine Bettseite, ich gehe in die Küche, nehme einige Taschentücher und wische ihn ab, taste seine gerade entstandene Beule ab, überzeuge ihn, sich hinzulegen und halte Eis an seinen Kopf, er weint und legt wieder los, „Ich bin ein Ochse”. Damit ich ein gutes Gewissen haben kann, frage ich, ob ich den Notarzt rufen soll und atme erleichtert auf, als er mich empört anschaut. Nachdem er mit dem Jammern fertig und eingeschlafen ist, öffne ich das Fenster und das Gesumme von draußen, das Zirpen der Grillen erinnert mich daran, dass alles real sein könnte, ich nehme aus der Tiefkühltruhe eine Packung Eiscreme heraus, lege sie mir auf den Schoß und höre nicht auf, bis ich sie aufgegessen  habe. Waldbeere-Zitrone.

*

Am zweiten Tag musste ich zum tausendsten Mal feststellen, dass ich ein feines Gespür hatte, als ich mich in Antoine verliebt hatte. Dass ich sogar vernünftig war. Im Vergleich zu anderen bewahrt dieser Mann seine Würde. Leo, zum Beispiel, holt aus einer Tüte ein paar Biere heraus und legt dann los mit dem Jaulen; er erinnert mich an die Begräbnisse der erhabenen Zigeuner auf dem Sfânta-Evdochia-Friedhof, wo dieses ätzende Lied Hai acasă puișor[1] aus den Boxen dröhnt. Er kann die Sachen nicht mehr auseinanderhalten, mischt Belanglosigkeiten aus der Kindheit mit der Geschichte vom Weihnachtsmann und Hector, dem Hund, dann klagt er weiter, „Wie konnte ich das meiner Schwester antun, meiner Schwester, die mich aus der Gosse gezogen hat und mir Geschichten vorgelesen hat, als ich Mittelohrentzündung hatte.“ Zwischendurch rieche ich den Gestank von Amouage Memoir. Wenn ihm nichts mehr einfällt, lehnt er sich über dem Tisch, reckt den Hals und fragt in einem unerwartet spaßigen Ton:

„Weiß deine Mutter davon?“

Es heitert ihn ein bisschen auf, zu erfahren, dass Angie noch nicht auf dem letzten Stand ist.

„Ich möchte nicht in deiner Haut stecken, wenn sie’s erfährt.”

„Ich werde ihr natürlich auch sagen, was für ein blendender Mathematiker mein Kumpel hätte werden können. Da kannst du dir sicher sein.”

Was mich am meisten an Leo irritiert ist, dass ich mich nicht entscheiden kann, ob ich ihn leiden kann oder nicht. Wenn ich versuche, mir ein für alle Mal klar zu machen, dass er nichts taugt, kommt er mit einer Petition für die Unterbindung der Bärenjagd, oder er erzählt mir eine halbe Stunde lang von einem georgischen Film auf Netflix, über eine ziemlich kaputte Frau, die trotzdem interessant ist, die sich in den Kopf gesetzt hat, ihre Familie zu verlassen, obwohl sie sonst keinen hatte. Sie liebte es einfach, sich vom Balkon die Landschaft anzuschauen, Musik zu hören und Torte zu essen. Ein bunter Papagei im weißen Anzug mit fallendem, schwarzem Revers, oder sogar noch schlimmer, im glänzenden vintage Sakko, der dazu einen Ring aus Weißgold mit Onyx und roten Saphir trägt (im Katalog als Alonzito aufgeführt), der seine Arme wie ein Hysteriker in die Luft hebt und I’m too sexy brüllt, ein bunter Papagei,  um den sexy Bräute wie eine Traube herumtanzen, will die Bären retten und schaut sich Filme an, die in Georgien gedreht wurden.

Nachdem wir eine riesige Pizza verputzt haben, kommen sie zu der Schußfolgerung, dass sie Iulică anrufen müssen, sie machen sich gegenseitig Mut, bis Leo die Lösung findet:

„Du rufst ihn an! Weil du mehr verloren hast.”

Sie stellen auf Lautsprecher und lehnen das Handy auf eine Pepsi-Flasche. Iulică antwortet erst nach mehreren Versuche. Man kann ihn kaum hören, sie müssen ihm jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen, sodass Antoine und Leo andauernd fragen „Mann, bist du noch da”. Und als sie ihn bitten, hierhin zu kommen und hinzufügen „Wir könnten eine Lösung finden” tut er nichts anderes als immer wieder zu brabbeln, „Keine Ahnung was ihr tut, aber das Geld müsst ihr mir zurückgeben”. Letztenendlich überzeugen sie ihn, er kommt und Leo redet auf ihn ein, er erinnert ihn daran, dass sie Freunde sind, Iulică wiederholt aber wie eine Schallplatte „Ich habe keine Ahnung wie, ich habe keine Ahnung wie, aber das Geld müsst ihr mir zurückgeben, versucht ja nicht, mich zu verarschen.”

*

Das Feuerzeug macht wie üblich Klick-Klack, Iulică lässt seinen Kopf nach hinten fallen, pustet den Rauch in Richtung Decke und macht einen sehr ernsten Eindruck. Ein vintage Zippo auf dem beidseitig jeweils ein Schädel eingraviert ist; jedes Mal wenn er sich eine Zigarette anzündet, spielt er eine zeitlang damit, vor allem schüttelt er den Deckel, damit es dieses scharfe, metallische Geräusch macht. Iulică finde ich vertrauenswürdiger als Leo, obwohl mir bewusst ist, dass dieses Vertrauen größtenteils auf Klischees basiert. Er ist moppelig und hat einen fetten Bauch. Keine Ahnung, ob er meinem Blick ausweicht, weil ich die Frau eines anderen bin, oder weil er mich nicht mag. Er trägt immer eine Traininghose und scheint die Eitelkeit der anderen nicht zu teilen, auch nicht zu verachten, kurzgesagt: Er hat etwas von den Männern aus der Generation meines Vaters, Männer, die man auf der Straße nachdenklich rauchen sieht. Auch schämt er sich nicht, zwischendurch zu erwähnen, dass er auf dem Land seinen Großeltern hilft, bei Arbeiten, die andere nicht mal dann machen würden, wenn sie bezahlt wären.

„Wisst ihr, was Ciubuc passiert ist, weil er sich um eine Woche verspätet hat?”

„Sie haben ihm einen Finger abgeschnitten”, antwortete Leo.

Iulică schnauft überlegen und zielt auf einen imaginären Punkt mit einem Stück Pizza.

„Nein. Das Ohr.”

„Verdammte Ratten. Ich hörte, dass es ein Finger war.”

„Den Finger haben sie Găbrian abgeschnitten. Von der Aleea Răcari.“

„Verdammte Kerle, die haben ihm das Haus genommen, das Auto, und auch noch den Finger abgeschnitten?“

„Und seine Schwester haben die für 24 Stunden eingesperrt.“

„Ich nehme an, dass Oreo und seine Leute nichts gesehen haben.“

„Du bist so dämlich, Alter. Wer drückt denn die Augen zu, wenn Bengo und Noris Nacht für Nacht illegale Autorennen auf der Magheru veranstalten? Und als Fluturică abgestochen wurde, wer hat ihnen erlaubt, Trauerparty drei Tage lang zu feiern, bis die uns den letzten Nerv geraubt und wir alle nach Grillfleisch gestunken haben?“

„Wenn man bedenkt, was für eine Memme Oreo mal war; im Kindergarten trug er eine Mütze mit einem roten Bommel und wenn seine Mutter ging, heulte er. Einmal heulte er, weil er bei der Abschlussfeier nicht die Rolle des Käfers bekommen hatte.“

Wir lachen.

„Ciubuc hat auch sein Ohr verloren? Ich meine, er hatte sie noch beide, als ich ihn zuletzt gesehen habe.“

„Jetzt hat er sie wieder beide, Suzi hat bezahlt und sie haben ihm ein neues genäht, es sieht aus, als ob es sein eigenes wäre.“

„Was für eine goldige Frau, diese Suzi. Sie hat ihn von den Geldeintreibern befreit und jetzt hat sie auch noch sein Ohr bezahlt. Kann er damit hören?“

Wenn sie über Suzi und ihre anderen Geliebten sprechen, vor allem, wenn wir uns alle treffen, fühle ich mich wie eine Betrügerin und meine Dankbarkeit Antoine gegenüber nimmt zu. Ramona, Leos Freundin, hätte die Geliebte jedes Geldsacks oder Fußballspielers aus der ersten Liga sein können, und der Vater von Iulicas Verlobten Alice ist der Inhaber einer Baumarkt-Kette, sodass er ihm monatlich ein neues Ohr hätte spendieren können; kein Mann hätte eine dieser Mädels abgelehnt. Mit diesen Fragen ärgerte ich Antoine am Anfang unserer Beziehung, als ich mich noch traute, jeden Quatsch zu fragen:

„Wenn du eine Frau wie Ramona treffen würdest, würdest du mich dann verlassen? Oder so eine wie Alice?“

Und ich glaubte ihm nicht, obwohl er jedes Mal verneinte. Natürlich wusste ich, dass es Frauen wie Ramona gibt und ich starrte sie an, wenn ich sie in Filmen oder Zeitschriften sah, aber es war eine komplett andere Sache, wenn ganz plötzlich so eine neben mir saß. Ihre Nähe sprengte den Grundsatz, dass es für jeden einen Platz auf dieser Welt gibt, und man wollte sich ununterbrochen entschuldigen, dass man nicht so ist wie sie.

„Aufbrausende Ratten regieren über uns in unserem eigenen Land. Die haben auch noch Sonderplätze an den Unis reserviert. Und wir müssen uns den Kopf zerbrechen, um angenommen zu werden“, murmelt Iulică angewidert.

„Hast du dir den Kopf zerbrochen? Wurdest du nicht aufgrund deiner Akte aufgenommen“, fragt Leo lustlos.

„Ich meinte so allgemein ‚wir‘. Was ist los mit dir? Seit wann bist du auf der Seite der Ratten?“

Nach mehreren Versuchen, aus der Plastikflasche etwas Ketchup herauszuquetschen, gibt Leo auf und geht zum Kühlschrank. Er holt eine Flasche Cola raus und sein Blick verweilt auf der Tür:

„Diese zwei Bauern, die die Hände um die Schulter des anderes halten, wie in dem Ciuleandra Tanz, seid ihr das?“

Er schaut uns an, als würde er etwas andeuten wollen.

„Zeig mal her“, Iulică dreht sich um und Leo reicht ihm den Magnet.

„Wie cool, die Nationalflagge ist auch noch drauf! Mein Großvater würde vor Neid sterben, wenn er ihn sehen würde. Habt ihr auch einen mit Burebista?“

„Klar, das ist ein Selfie, checkst du’s nicht? Habt ihr denn nicht so einen Magnet auf dem Kühlschrank?“

Ich fühle mich so, als hätte er mich angegriffen, weil dieser Magnet einer der Beweise ist, dass ich und Antoine irgendwann mal verliebt waren. So verliebt, dass er eine halbe Stunde vor dem Plakat mit Magneten aus dem Hof des MȚRs gewartet hat, bis ich diesen mit den zwei Landleuten gefunden habe. Ich sagte, „Ich möchte etwas haben, das uns an diesen Moment erinnert” und er sagte „Wir werden uns sowieso daran erinnern” und er hatte Recht damit. Wir hatten uns in eins der Häuser, die zum Museum gehörten, reingeschlichen, ein bukowinisches Haus mit einem riesigen Ofen, auf dem eine Menge Töpfe ausgestellt waren, und haben uns dort geliebt. Und nachdem wir fertig waren und uns die Kleidung zurechtgezogen hatten, sind wir noch ein bisschen geblieben, um auszurechnen, ob die Menschen, die darin gelebt hatten, unsere Ururgroßeltern oder eher Urgroßeltern hätten sein können. Und wir lachten uns kaputt, weil der Reiseleiter und die Touristen gerade am Eingang des Hauses angekommen waren.

„Ja, wir haben auch welche, denn wir haben auch Frauen zu Hause“, sagte Leo und wich meinem Blick aus.

Er erinnert sich daran, wie Ramona ihn bei 44 Grad mitgeschleppt hatte, über jeden Stein der Akropolis, wie sie für zwei Tickets 100 Euro ausgegeben hatten, obwohl da nichts Großartiges zu sehen war und das Auto konnte man auch nicht neben dem Parthenon parken. Und ein Wasser-Eis aus der Slush-Maschine kostete 7 Euro.

„Da musste ich auch durch“, sagt Iulică und kratzt sich im Nacken. „Wenn ich Magnete mit der Aphrodite sehe, erinnere ich mich daran, wie schwer es ist, eine Frau zu lieben.“

„Ja, Alter! Und im Urlaub überfällt sie der Wissensdurst. Ramona hatte sich ein riesengroßes Album gekauft und während ich versuchte zu schlafen, nachdem ich den ganzen Tag in der Sonne gestanden war, feilte sie ihre Nägel und stellte mir Fragen, von wegen ‚Wusstest du, dass Zeus den Dionysos in seiner Hüfte eingenäht hatte, um ihn vor Hera zu beschützen?‘ oder ‚Wusstest du, dass Hera eine grausame Mutter war? Weil ihr Hephaistos Gesicht nicht gepasst hat, hat sie ihn ins Meer geworfen‘.  Ich schwöre bei meinem Leben: Solche Fragen stellte sie mir in dem Urlaub, für den wir 3000 Euro ausgegeben haben.“

Iulică reißt die Augen auf:

„He-pha-is-tos? Ehrlich? He-pha-is-tos? Willst du uns mit deinem Wissen schlagen? Wie kannst du dir solche Namen merken? Ich sag’s dir ehrlich: Du bist ein verdammter Freak!”

„Und als wir zu Hause waren, hat sie nicht aufgegeben, bis sie das Buch mit den olympischen Legenden gekauft hat, mit denen sie mich hinterher umgebracht hat.”

Nach einigen Rauchkreisen, die ihm perfekt gelingen, schlußfolgert Leo:

„Ich glaube, man spart sich Geld, wenn man denen öfters sagt, dass man sie liebt und so einen Kram. Zumindest bringen sie dich mit solchen Fragen nicht mehr um.”

„Aber in den Urlaub muss man so oder so mit denen fahren”, antwortet Iulică. „Und wie oft müsste man ihnen solche Sachen sagen? Einmal oder dreimal pro Monat? Jeden Tag?”

Leo schaut kurz zu mir, ich weiß nicht ob er sich schuldig fühlt, oder ganz im Gegenteil einfach nur dreist ist.

„Wenn ihr meinen Ratschlag hören wollt: Ich glaube zweimal im Monat wäre ideal. Auf jeden Fall, nicht nach jeder Kleinigkeit , so wie sie es sich wünschen würden. Denn sonst steigt es ihnen zu Kopf.”

Sie grinsen alle drei verhalten. Wenn solche Witze aufkommen, egal wie schräg die sind, ist es besser, wenn man ganz locker damit umgeht. Ohne das Gesicht  zu verziehen oder irgendetwas zu sagen, weil sie sonst einen verspotten und dann fühlt man sich noch schlechter. Außerdem fällt mir nicht schnell genug etwas ein, das ich erwidern könnte, was sie es ernst nehmen würden. Und selbst wenn ich etwas sage, womit zumindest ich zufrieden bin, wird es von ihren Stimmen übertönt. Oder sie schauen mich an, als ob ich dämlich wäre und wiederholen in einem fragenden Ton was ich gesagt habe. Als das einmal passiert ist, wollte ich es erklären. Und als ich damit anfing, war klar, dass ich den Faden verliere und die Umformulierung schlimmer wird, als das, was ich ursprünglich gesagt habe und je mehr ich dann gesprochen habe, desto mehr hatten die anderen den Eindruck, dass ich nicht wusste, was ich sagen wollte.

Iulică pustet den Rauch zur Decke und senkt langsam seinen Blick.

„Wisst ihr, was ich vermisse? Zugfahren.”

„Seitdem ich Student war, bin ich nicht mehr mit dem Zug gefahren. Ich kann mich noch daran erinnern, wie man sich vor dem Klo anstellen musste und wenn man nüchtern wurde, hat man immer auf den gegenüberliegenden Plätzen zwei Menschen gesehen, die sich über die Wunder des Vaterlandes unterhielten. Der erste sagte ‚Wir haben so ein schönes Land, schade, dass es bewohnt ist‘  und der andere erwiderte ‚Wenn Ceașcă das sehen würde, dann würde er sich im Grab umdrehen, wenn man bedenkt, dass er die U-Bahn in fünf Jahren hat fertigbauen lassen‘. Das fand ich unglaublich: Jeder, der mir gegenüber saß, benutzte genau diese Worte.”

Leo pickt die Oliven von der Pizza und fährt fort:

„Unglaublich, dass ich damals nicht ans Geld dachte. Ich wusste nichtmal, dass das alles ist. Dass sich alles in vor und nach dem Geld aufteilt. Ich fuhr mit einer, die Sprachwissenschaften studierte, in den Urlaub nach 2 Mai, wir wohnten im Zelt, aßen aus einer Selbstbedienungskantine und sie liebte mich.”

„Ich kanns nicht glauben. Du warst so ein cooler Kerl, der sich nicht anstrengen musste, eine Braut zu bekommen, nur weil du rote Sneakers und ein Nirvana-T-Shirt getragen hast. Die Welt ist voller Schurken”, sagt Iulică und lächelt dabei.

„Ja, damals war ich es. Wenn ich jetzt dieser Braut begegnen würde, könnte ich sie nicht mehr überzeugen. Egal, was ich tun würde. Sie denken, dass solche eleganten Männer wie wir, etwas von einem Papagei haben. Die hat damals eine ganze Nacht lang meinen Kopf gehalten, als ich gekotzt habe. Würde Ramona mir eine ganze Nacht den Kopf halten?”

„Geilen Song hast du dir ausgesucht, Alter”, meint Antoine als Iulicăs Handy klingelt.

„Das war nicht ich, sondern Alice“, antwortet Iulică lachend. „Sie spielt mit meinem Handy und ändert die Klingeltöne. Dieser ist aus einem Film mit Kampfsport und Weibern. Wahrscheinlich träumt sie, dass ich Feminist sei.“

„Ich kenne nur den mit Kung Fu Panda“, antwortet Leo gelangweilt.

Als das Handy erneut klingelt, geht Iulică dran und verlässt die Küche.

„Der ist ja wirklich bombig, schämt sich überhaupt nicht mit geflochtenen Körben von Obor durch das Viertel herumzulaufen.“

Leo nimmt den Korb in die Hand, verdeckt seine Augen mit einer Sonnenbrille, schwenkt mit seinem Hintern bis zu meinem Stuhl und sagt dann:

„My name is Fuego, Paul Surugiu Fuego.“

Aus dem Korb guckt eine Flinte heraus, die er verächtlich lädt.

„Das sieht so aus, als würde ich in einem billigen rumänischen Film spielen, stimmt’s? Vielleicht hätte ich mich nicht einmischen sollen, jeder hat seine eigenen Leichen im Keller“, sagt Leo und zwinkert uns zu. Dann zieht er aus dem Korb einen Gegenstand heraus und grinst über das ganze Gesicht.

„Du gruseliges Arschloch, gib sie her“, springt Iulică auf und versucht, an dem Pyjama zu ziehen. Ein Damenpyjama bestehend aus einem Hasen-Overall mit Kapuze.

„Komm schon, das ist doch kein Geheimnis“, versucht Leo die Stimmung aufzulockern. „Ramona hat auch so einen Pyjama.“

Leo reicht ihm mit einem unschuldigen Blick den Korb und die Flinte.

„Ich wollte dich nicht verärgern, ehrlich. Ich dachte, dein Weib hat dich zum Markt geschickt.“

 

„Ja, klar, Jenel und Dimache sind hinter mir her, um mir den Arsch aufzureißen und ich gehe in aller Ruhe Karotten für Buletten kaufen.“

Leo stößt ihn mit dem Ellenbogen an.

„Komm schon, sei nicht nachtragend.“

Iulică zittert das Kinn, während er die Sachen zurück in den Korb einräumt.

„Mann”, Leo versucht in zu besänftigen. „So eine Flachpfeife wie ich hat doch nur schräge Witze auf Lager.“

„Wenn’s du’s wirklich hören willst: Hätte ich zwei Flachpfeifen weniger gekannt”- zeigt auf die beiden – „dann hätte ich kein Geld für eine Flinte ausgeben müssen.”

„Ah, komm schon. Wenn ich schon gesagt habe, dass wir Flachpfeifen sind, hätte ich erwartet, dass du ein bisschen höflicher bist und mir widersprichst. Wenn du willst, dann teilen wir das Geld”, sagt Leo halbherzig.

„Wovon redest du, Mann? Ihr nagt am Hungertuch, macht aber hier den Hermann.”

„Du hast Recht, zeig aber ein bisschen Nachsicht, als wären wir ein paar unreife Jungs, die vom Leben geplagt sind”, versucht Leo zu spaßen.

„Ich versteh nicht warum ich immer derjenige sein muss, der euch so behandeln soll.”

„Weil du der einzige von uns bist, der nicht auf die Kacke gehaut hat. By the way, was hast du für dieses Prachtsück ausgegeben?”

„Das verrate ich euch nur, wenn ihr euch hinterher solche Witze spart, wie ‚von dem Geld hätte man einen Flammenwerfer oder einen sowjetischen Panzer kaufen können‘. ”

„Iulică, Mann, das ist ungerecht. Wir sind pleite und du wirst plötzlich sentimental. Ich wette, du hast es nicht von Vasea gekauft, von dem du es um die Hälfte bekommen hättest. Und Flammenwerfer verkaufen die Moldawier nicht, soweit ich weiß. Aber ich habe einen im Kino in der Mall gesehen. In einem Film, den man sich nicht mit einer Braut anschaut.“

„Also hat’s Ramo nicht gefallen?“

„Doch, Ramo hat’s gefallen, aber sie mag viele komische Sachen. Mit ’ner anderen Braut halt.”

Am liebsten würde ich fragen, ob in dem Film mit dem Flammernwerfer Leonardo di Caprio mitspielt. Ich bin schon über eine Stunde im gleichen Zimmer wie sie und konnte noch kein Wort sagen. In dem Moment, in dem Iulică das Geld erwähnt, die Küchenutensilien und die Gebühren aufzählt, die er für die Dönerbude bezahlen muss, und die Qualitätsunterschiede der elektrischen Dönergrills erklärt, bleibt Antoines Blick auf mich fixiert, so als könnte er nicht weggucken, ich verspüre sein unwiderstehliches Verlangen. Er nimmt mich an die Hand, zieht mich ins Schlafzimmer und wir schlafen miteinander, so wie wir es uns nicht mehr erhofft haben, also geht mir wieder durch den Kopf, dass es Seelenverwandte vielleicht doch gibt und wenn es die gibt, dann kann mein Seelenverwandter kein anderer außer ihm sein.

aus dem Rumänischen übersetzt von Manuela Klenke

 

 

[1] Komm nach Hause kleines Kücken

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Bogdan Coșa
Bogdan Coșa
Bogdan Coșa este scriitor. Vezi „Cât de aproape sunt ploile reci” (Editura Trei, 2020).

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Marcel Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter 2008 den Joseph-Breitbach-Preis und 2016 den Georg-Büchner-Preis. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig.

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Ann Cotten wurde 1982 in Iowa geboren und wuchs in Wien auf. All Ihre literarische Arbeit wird nicht nur in der Literaturszene, sondern auch in den Bereichen der Bildenden Kunst und der Theorie geschätzt und wurde zuletzt mit dem Klopstock-Preis und dem Hugo-Ball-Preis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie den Internationalen Literaturpreis und 2021 den Gert-Jonke-Preis. Ann Cotten lebt in Wien und Berlin.