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Dana von Suffrin: Romanauszug aus „Otto“

Dana von Suffrin wurde 1985 in München geboren. Sie studierte Politikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Komparatistik in München, Neapel und Jerusalem. Seit 2009 ist sie Museums- und Stadtführerin in München. 2017 Promotion mit einer Arbeit zur Rolle von Wissenschaft und Ideologie im frühen Zionismus, seitdem Postdoc an der LMU. Sie lebt in München.
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Die eurasische Steppe im Frühling

Mein zweiter Mann hieß Tann, und er kam aus einer Region, die Gäuboden hieß, und ich verstand, als wir uns das erste Mal im Krankenhausflur unterhielten, Goj-Boden und sagte, sehr gut, du kommst aus der fruchtbaren Erde, die einen Goj nach dem anderen hervorbringt, und ich komme aus Otto.

Ich kann mich noch genau erinnern, wie Tann mich damals anschaute. Er sah mir direkt in die Augen, und während ich überlegte, welche Augenfarbe er hatte, grün oder blau?, schaute er plötzlich wieder weg, vielleicht auf meine Nase oder auf das mit transparenter Plastikfolie überzogene Krankenhausbett. Er strich sich seine Haare zurück, seine Hand blieb am Hinterkopf stecken, und nun sah er aus wie jemand, der nach einer langen Zeit des gewaltsamen Nachdenkens der Lösung eines Problems ganz nah war, und ich wusste, dass er den seltsamen Satz verstanden hatte.

Tann besuchte jeden Samstag eine kleine alte Frau, die wie eine verpuppte Honigbiene in einem schäbigen Viererzimmer lag und auf ihre letzte Metamorphose wartete, und ich besuchte Otto, dessen Augen meist geschlossen waren und dessen Gesicht im Wachkoma einen vorwurfsvollen Ausdruck angenommen hatte, so als würde er dem lieben Gott zürnen (oder uns Töchtern: Hat man so etwas schon gesehen? Rabentöchter!). Ab und zu traten wir dann aus den Zimmern, trafen uns in der Mitte des Flurs, der gesetzlich Versicherte von den Privatpatienten, wie meinem Vater, trennte, und dann tranken Tann und ich zwei oder drei Tassen Kaffee in der Cafeteria, ohne wach zu werden. Aber Tann war auch ohne Kaffee fahrig; genau genommen, das merkte ich in den Wochen danach, war er abwechselnd aufgebracht und melancholisch und oft beides gleichzeitig, vor allem, wenn ich ihm von meiner Familie erzählte.

Schon bald, nachdem wir uns zwischen Schwesternzimmer und Lastenaufzug kennengelernt hatten, kam Tann mich öfter zu Hause besuchen, und wir gingen in eines der tristen dunklen Cafés, die es in der Nähe gab, oder wir liefen ein Stück an der Isar entlang, und wenn wir zurück in meine Wohnung kamen, setzten wir uns aufs Bett und warteten, auf wen von uns beiden die Katze sich zuerst legen würde. Tann sagte, sein Lieblingsgeräusch sei das Wrrau, das der Körper der Katze machte, genau in dem Moment, in dem ihre Pfoten auf dem Boden auf kamen. Die ersten paar Male hatte Tann geniest, und seine Augen waren rot und noch kleiner geworden, nachdem er sie gestreichelt hatte, aber erst gewöhnte sich sein Körper an die Katze, dann gewann er sie lieb, und nach ein paar Wochen bat er mich um meinen Wohnungsschlüssel, um die Katze füttern zu können, wenn ich nicht zu Hause war. Dein Kühlschrank ist noch leerer als der Blick deines Vaters, Timna, hatte er sich bald beschwert. Das geht so nicht, du musst was essen, wenn du vom Krankenhaus nach Hause kommst. Am Abend darauf fand ich nach meiner Rückkehr Butter und Gemüse darin.

Vielleicht war es Tann in mancher Hinsicht besser ergangen als Babi und mir, weil sein Vater schon tot war. Unser Vater aber lebte noch. Manche betrachteten es als Wunder, dass Otto noch unter uns weilte, oder wie man das nennen mochte. Mal entfernte er sich ein Stück von diesem lebenden Zustand, dann erinnerte er sich an das, was ihn am Leben hielt: Er schlich sich wieder an, an das Leben, und an mich schlich er sich an; dann floss das Wasser tatsächlich aus seinen Lungen, dann begann er plötzlich zu schlucken und selbst zu atmen, es war wie in diesen Fernsehdokumentationen über die eurasische Steppe: Der lange Winter hört auf, der Schnee, der sich taub und dämpfend über die Mandschurei und die Puszta gelegt hat, schmilzt zusammen, und im Zeitraffer stößt sich ein junger Spross durch die Erde, er beschließt, Knospe zu werden, ein Orchester spielt Vivaldi, und die Knospe öffnet sich und ist ganz glänzend und prächtig, und man denkt daran, wie schön das Leben ist und wie kraftvoll die Natur, und andere törichte Sätze, die die britische Stimme aus dem Off einem einflüstert; selbst ganz benommen vom Geschehen.

Der Unterschied war: Mein Vater blühte so oft wieder auf, dass die Ärzte den Kopf schüttelten und aussahen wie verdorrende Sonnenblumen im frühen Herbstwind und sagten, Mensch, euer Vati ist echt zäh, gell?

Ich bekam jeden einzelnen Zyklus von Vergehen und Wiederauferstehen mit. Unser Vater ist wie Jesus Christus, Herr Pfarrer, doch kontinuierlich, sagten wir dem katholischen Krankenhausseelsorger, der uns ansprach, nachdem er uns schon dreimal in die kleine Kammer hatte gehen sehen, in die wir verschwanden, um unsere Hände vor der Intensivstation zu desinfizieren und diese knisternden grünen Schürzen anzuziehen. Er lachte und fragte, ob wir Zwillinge seien, worauf Babi rief: Ich bin zwar viel größer, aber im Hirn ganz klein!, und da wurde der Seelsorger ein bisschen ernst und sagte, dass Humor ein guter Weg sei, mit den Geschehnissen umzugehen, und dass er uns alles Gute wünsche. (Geschehnisse, sagte der Herr Pfarrer dazu; meine schwere ungerechte Krankheit!, rief mein Vater; ich dachte: Endet unsere Geschichte hier? Ich dachte an die dicken Bände, die in Ottos Bücherregal standen und die alle irgendwas mit untergegangene Welt oder verlorene Kultur hießen, und an die vielen Sachen, die mir Otto jetzt vielleicht nie von sich würde erzählen können.)

Bei einem meiner nachmittäglichen Besuche wachte Otto, nachdem er zwei Wochen lang im Koma gelegen hatte, auf und schaute mich an mit seinen großen braunen Augen, die ein bisschen nach Schilddrüsenüberfunktion aussahen, und lächelte. Ich war seine Lieblingstochter, mich beleidigte er nur selten, während er meine Schwester häufig nur mit Arschloch ansprach. Timna, wie ist dein neues Leben, fragte er mich plötzlich, und ich lachte und sagte, Otto, welches neue Leben? Alles ist wie immer.

Man soll nicht anlügen seinen Vater!, antwortete Otto, und auch er lachte. Dabei war das, was ich gesagt hatte, gar nicht gelogen, denn mein Leben war zum größten Teil wirklich wie immer, nur der Teil mit Tann war neu.

Nachdem Tanns Bekannte gestorben war, sträubte er sich dagegen, das Krankenhaus zu betreten. Ob er mitkam zu Otto oder nicht, machte er vom Zustand meines Vaters abhängig; ob er ihn besuchen würde, wenn es ihm gut oder wenn es ihm schlecht ging, sagte er allerdings nicht, und ganz ohne Protest kam er nur mit, wenn Otto im Koma lag und man nichts weiter als das Beatmungsgeräusch hörte, das wie ein ganzer Meditationskurs in einer Turnhalle klang. Wenn Otto bei Bewusstsein war, entschuldigte sich Tann. Timna, sagte er dann, ich halte diesen Krankenhausscheiß nicht aus, nicht heute, sei mir nicht böse. Wenn Otto zornig war, weil man ihn in einem Rollstuhl auf dem Krankenhausflur abgestellt hatte, war das für Tann auch nicht der richtige Moment. Und selbst wenn Otto in den Telefonhörer flötete, dass er sich freue auf uns und dass ihm vielleicht die ein oder andere Banknote aus der Brieftasche springen würde, wie er sich ausdrückte, machte Tann ein ängstliches Gesicht und bewegte seinen Zeigefinger von links nach rechts. Ich nickte verständnisvoll.

Ich konnte Tann gut verstehen.

Wenn Tann doch einmal mitkam und Otto in gutem Zustand war, kaufte ich auf dem Weg zwei Stück Kuchen, eins mit Obst und eins mit Schokolade; nicht nur, weil Tann und Otto beide Süßigkeiten liebten, sondern auch, weil es mir gefiel, wie sie die beiden Stücke erst in gleich große Hälften schnitten und austauschten und nach ein paar Bissen überlegten, welches Stück besser zu wem passte. Sie diskutierten dann, wer gerade ein paar Gramm zu wenig am Körper hatte und deswegen lieber Schokolade zu sich nehmen sollte. Meistens einigten sie sich darauf, dass mein Vater den Schokoladenkuchen bekam, der sich aber nach den ersten Bissen über die Entscheidung beschwerte, sodass Tann und er sich gegenseitig Kuchen in den Mund steckten, um anschließend die papiernen Teller weiß zu kratzen. Wie im Kommunism teilen wir alles, sagte mein Vater, nur dass es im Kommunism keinen Kuchen gab für Juden.

Die meiste Zeit unserer gemeinsamen Besuche verbrachte Tann auf dem Fensterbrett und blätterte den Sportteil der Süddeutschen Zeitung durch, die man meinem Vater jeden Tag brachte, obwohl er sie gar nicht las, und versuchte, Ottos psychotische Monologe zu überhören.

Tann konnte nicht verstehen, wieso wir ständig zu Otto gingen, wieso wir seine Krankenhauswäsche wuschen und desinfizierten, warum wir sofort aufsprangen und zu ihm fuhren, sobald er eine Notfall-SMS schickte. Er sagte, Timna, die Leute werden alt, aber ihr seid jung, es würde doch reichen, einmal in zwei Wochen ins Krankenhaus zu gehen, er hat ja hundert Chefärzte und zwanzig Schwestern. Ich sagte, Tann, das ist bei euch Christen anders, das weiß doch jeder (tatsächlich hatte mir mein Vater das gesagt, nämlich, dass die Christen nicht wüssten, was eine echte Familie sei, und ihre Großmütter für ein paar Scheiben Wurst verkauften oder noch schlimmer: ins Pflegeheim steckten). Ich sagte: In unserer Familie muss man sich kümmern, man muss sich Sorgen machen, man muss nervös werden, wenn man einen Tag nichts voneinander hört, man muss stets mit dem Schlimmsten rechnen. Und gerade als ich versuchte, ihm das zu erklären, klingelte mein Handy, und natürlich war Otto dran; und es war so, dass er nicht mehr einfach bloß das Klapphandy öffnete, um mich anzurufen. Er musste sich erst aufstützen und seinen Oberkörper mühevoll heben, dann mit der Hand nach dem Mobiltelefon tasten, weil er niemals das Krankenhaustelefon benutzt hätte, erstens, weil er keine Lust hatte, sich auf eine neue Tastatur einzustellen, zweitens, weil er noch genug Herr seiner Sinne war, um zu wissen, dass die Anrufe zwanzig Cent die Minute kosteten, dann erst klappte er es auf. Und sogar das Auf klappen war nicht mehr einfach für meinen Vater, nicht nur weil eine seiner beiden Hände meist an einem Infusionsschlauch baumelte, sondern auch weil Greisen einfach alles schwerfiel und die Dinge sich sträubten, ihnen aus den Händen glitten und auf dem Boden landeten.

Ich wusste, wie viel Mühe es meinen Vater kostete, mich anzurufen, ich hatte es hundertmal gesehen. Nach dem Auf klappen musste er sämtliche Kontakte einzeln durchgehen, weil er vergessen hatte, dass es eine grüne Taste gab, die die letzten Anrufe anzeigte, und er sowieso nur mich oder Babi anrief (Tann war es bislang gelungen, seine Nummer vor ihm geheim zu halten). Wenn mein Vater versehentlich meinen Adressbucheintrag übergangen hatte, musste er von vorne beginnen, denn er, der in den 80er-Jahren fabelhafte Programme auf BASIC erfand, hatte auch vergessen, dass es eine Zurück-Taste gab. Manchmal rief mein Vater den ADAC an, einfach weil er im Alphabet vor meiner Schwester kam; aber immerhin hatte er beinahe Babi angerufen. In seinem Handyspeicher sah ich, dass die an uns gerichteten SMS meines Vaters viele unterschiedliche Empfänger erreichten, den Anwalt, die Hausärztin, aber meist den ADAC.

Wenn ich bei ihm war und er telefonieren wollte, riss ich ihm meist das Gerät aus der Hand und drückte mit beiden Daumen darauf herum und hatte nach einem Sekundenbruchteil die richtige Nummer herausgesucht oder eine SMS getippt. Mein Vater sagte dann immer: Timna, ruhig! Man soll sich nicht so eilen, du hast noch so viel Zeit.

Jedenfalls nahm ich Ottos Anruf an, und Tann tat, was er immer tat, wenn er sich über mich ärgerte: Er drehte seine Augen ganz weit nach oben und sah aus wie ein Caravaggio, und dann, als wäre das noch nicht manieriert genug, schlug er sich mit der linken Hand auf die Stirn.

© Verlag Kiepenheuer & Witsch

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Manuela Klenke
Manuela Klenke
Manuela Klenke (n. 1984) este absolventă a Facultății de Litere (germană/engleză) din cadrul Universității Babeş-Bolyai din Cluj și a Universității din Osnabrück. Din 2010 până în 2018 a predat cursuri de germană ca limbă străină (VHS, Akademie Überlingen). În 2017 a obținut o bursă din partea DÜF pentru traducerea în germană a romanului Interior zero de Lavinia Braniște. În momentul de față lucrează la traducerea volumului de proză scurtă Sȋnii verzi de Florin Iaru. Traducerile ei au apărut în numeroase publicații literare (mosaik, Salz, außer.dem, Steaua, Poesis international).

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Daniela Chana, 1985 in Wien geboren, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihre Kurzgeschichten und Gedichte wurden bereits in zahlreichen Literaturzeitschriften (Lichtungen, kolik, entwürfe, etcetera, Am Erker, …). Ihr Lyrikdebüt „Sagt die Dame“ (Limbus Verlag, 2018) wurde unter die „Lyrik-Empfehlungen 2019“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. Am 15. Februar 2021 erschien ihr Erzählband „Neun seltsame Frauen“ im Limbus Verlag.

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Adriana Popescu, in München geboren, arbeitete als Drehbuchautorin fürs Fernsehen, schrieb für verschiedene Zeitschriften und studierte Literaturwissenschaften, bevor sie sich ausschließlich dem Schreiben von Romanen widmete. Mittlerweile veröffentlichte sie über zwanzig Bücher, die in mehreren großen Publikumsverlagen erscheinen.
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