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Deniz Utlu – Gegen Morgen (Romanauszug)

Deniz Utlu, geboren 1983 in Hannover, studierte Volkswirtschaftslehre in Berlin und Paris. Von 2003 bis 2014 gab er das Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext heraus. Sein Debütroman, Die Ungehaltenen, erschien 2014 und wurde 2015 im Maxim Gorki Theater für die Bühne adaptiert. Von 2017 bis 2019 schrieb er für den Tagesspiegel die Kolumne Einträge ins Logbuch. Außerdem hat er Theaterstücke, Lyrik und Essays verfasst (u. a. für FAZ, SZ, Tagesspiegel und Der Freitag). Er forscht am Deutschen Institut für Menschenrechte und veranstaltet am Maxim Gorki Theater die Literaturreihe Prosa der Verhältnisse.
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In der Schlange zu den Gates schwellen einem Mann die Adern am Hals an, weil ich drängle. Wir müssen alle heute noch fliegen, zischt eine Frau. Beim Scanner muss ich die Schuhe ausziehen, ich sage, dass ich nur nach Frankfurt fliege, den Flug verpasse, wenn es hier nicht schneller geht. Der Mann mit den Einweghandschuhen besteht darauf, dass ich die Arme öffne. Während er mir unter die Achseln streicht, denke ich, dass das für viele die einzige Form einer Umarmung ist.

Am Gate zieht eine Frau vom Bodenpersonal gerade das Absperrband zu, draußen schließen die Türen des Busses. Falls es zu spät ist, will ich nach Hause, ins Bett, mit Mantel und Tasche, auf mich ist Frankfurt nicht angewiesen. Ist es zu spät?, frage ich, die Frau nickt, sagt, dass das System um Viertel vor schließe, ihr seien die Hände gebunden, wobei sie auf ihre Handgelenke schaut, auf dem linken ist eine Kaligrafie tätowiert. Sechzehn, sage ich, es ist sechzehn vor. Sie zieht meine Bordkarte über den Scanner, es piept. Die Frau öffnet erst die Absperrung, dann die Tür, der Bus, der bereits angefahren war, hält wieder, die Fluggäste schauen ausdruckslos. Beeilen Sie sich. Ich weiß nicht, sage ich. Hitze überkommt mich, unter den Achseln, zwischen den Schulterblättern, schnürt mir die Kehle zu. Der Regen hat zugenommen.

Die Menschen im Bus schauen mich an, auch die Busfahrerin dreht sich zu mir um. Die meisten stehen, haben Koffer zwischen den Beinen oder Taschen um die Schultern, halten Bücher oder Zeitungen in den Händen oder unter den Arm geklemmt, ein alter Mann trägt einen Strauß gelber Blumen. In meinem Rücken spüre ich die Kälte der Tür, gegen deren Glas ich lehne. Ein Mann mit eckiger Hornbrille und wenigen, dafür gekämmten Haaren grüßt mich: Guten Tag. Er ist klein, mit auffällig gerader Haltung und kurzem Hals. Ich nicke, um seinen Gruß zu erwidern. Wir sind ja noch gut in der Zeit, grinst er. Die dicken Brillengläser vergrößern seine Augen, die er hinter den halbgeschlossenen Lidern in unregelmäßigen Abständen bewegt wie eine Echse. Seine Nase ist so klein, dass sie unter der Brille fast verschwindet. Am Flugzeug steige ich als Erster aus dem Bus. Ich will nicht zusammen mit ihm auf der Treppe warten müssen.

Auf meinem Fensterplatz kauere ich mich in die Ecke. Mit geschlossenen Augen höre ich die Geräusche der Menschen, die ihre Plätze suchen: Eine Tüte knistert, Gepäckfächer klappen auf und zu, ein Kind zählt die Sitznummern ab, ein Baby weint. Das Dröhnen der Turbinen beginnt. Im Fenster bewegen sich eckige Fahrzeuge. Hallo, sagt ein Mann neben mir. Die Echse. Wir haben eine leichte Verspätung, aber die holen wir sicher ein. Ich habe es nicht eilig, sage ich. Er runzelt die Stirn.

Wir fliegen.

Wir müssten schon über Magdeburg sein, gibt der Mann nicht auf und lockert seinen Kragen. Draußen ist es weiß.
Irgendwann kündigt der Pilot durch die Lautsprecher die Landung an. Er habe die Landegenehmigung aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens in Frankfurt erst jetzt erhalten, wir hätten circa dreißig Minuten Verspätung. Von mir aus können wir noch Stunden über der Stadt kreisen. Die Echse lächelt mir zu. Was führt Sie nach Frankfurt? Ich besuche meine Freundin, sage ich. Alles ist falsch an diesem Satz. Ich bin eine Motte und kreise um die Stadt. Die Echse sagt, dass sich ein Besuch in Frankfurt immer lohne. In dem Moment fällt das Flugzeug in ein Luftloch, die Echse ruft: Huch, und lacht verlegen, als hätte ich sie bei etwas Unanständigem ertappt. Dann fallen wir wieder. Zum ersten Mal begreife ich körperlich die Bedeutung der Sicherheitsgurte. Meine Organe vollziehen eine andere Bewegung als der Körper, der sie umschließt. Sie ziehen auseinander, der Magen verformt sich, presst gegen die Lunge, erschwert das Atmen. Ein Gefühl nah an Übelkeit, aber anders.
Ich sehe den Lärm in der Kabine, höre ihn nicht, sehe nur : nasse Augen von Kindern, feuchte Wangen, Finger, die sich in die Stoffe der Vordersitze krallen, die Echse drückt ihren Kopf in den Schoß, die wenigen Haare sind strähnig nass vom Schweiß. Ich stelle mir vor, wie wir immer weiter fallen, wie das die letzten Minuten meines Lebens sind, vor dem Aufprall.
Vorne knallt ein Buch auf den Gang. Auch hinten ein Knall, ich schaue mich um, die Toilettentür schlägt auf und zu. Ein Mann boxt mit der Faust gegen die Rückenlehne seines Vordermanns. Er trägt Hemd und Krawatte, die kurzen blonden Haare sind stumpf, er schlägt noch einmal gegen den Sitz. Ich erkenne ein Lächeln in seinem Gesicht. Auch der Mann neben der Echse lächelt, aber: Freude und Schmerz sind nicht zu unterscheiden. Er hält sein Buch geöffnet auf dem Schoß und versucht, weiterzulesen, wann immer etwas Ruhe einkehrt. Woher diese Sicherheit? Oder misst er diesem Augenblick keine Bedeutung bei: nur eine Minute unter all den Minuten, die das Leben abgezählt hat. Im Nacken der Echse glänzt der Schweiß.

Ich habe meine Mutter lange nicht mehr gesehen. Wenn ich verunglückte, würde sie das nicht ertragen. Nicht ertragen heißt das Leben, wie sie es kennt, nicht mehr weiterführen. Nicht ertragen heißt den Staub in der Wohnung siegen lassen. Nicht ertragen heißt die Gardinen weder auf- noch zuziehen. Den Teekessel auf der Herdflamme vergessen. Verschimmeltes Toastbrot rösten. Ich weiß, dass wir nicht abstürzen werden. Und doch: Die Möglichkeit besteht. Die Müdigkeit heute Morgen, der Mann, der das Treppenhaus putzte, der Taxifahrer. Ich hätte diesen Flug nicht nehmen dürfen, sage ich vor mich hin, ich hätte diesen Flug nicht nehmen dürfen. Die Echse schaut mich von unten an, ihre Augen wirken in diesem Winkel riesig.
Nadia würde sicher versuchen, mich zu erreichen, aber mein Telefon wäre aus. Sie würde Vince anrufen, der wüsste von nichts, würde sagen, dass schon alles in Ordnung wäre. Bei meiner Mutter würde Nadia nicht anrufen, nicht heute. Nadia, die auf meine Mailbox sprechen würde, erst sanft, dann mit leichtem Zorn in der Stimme, dann wütend, dann verletzt, Stunden später Angst. Meine Mutter in fünf Jahren, Vince in fünf Jahren, die Asche, zu der mein Körper geworden wäre, in fünf Jahren. Ich weiß, wir stürzen nicht ab. Nadia, die sich ihren Sohn um die Brust geschnallt hätte, die in Frankfurt geblieben wäre, die am Main entlanglaufen und im Gehen das Abschlusskapitel ihrer Doktorarbeit planen würde. Vince in einer hundertzwanzig Quadratmeter großen Loftwohnung mit dem ferngesteuerten Auto seiner Tochter. Mutter in einem Heim, ein Pfleger würde mit ihr schimpfen, weil sie wieder die Suppe verschüttet hätte, warum sie denn nicht aufpassen könne. Und Ramón in einer Anstalt, aufgedunsen wegen der Medikamente. Ich atme.

Ramón, in diesem Flugzeug erscheint er mir, sitzt in einer der vorderen Reihen, mit seiner Daunenjacke, die er immer noch trägt. Auch er ganz ruhig. Im Fallen existiert alles gleichzeitig, was gewesen und was nicht gewesen und was nur in mir gewesen ist. Eine Multiplikation aller Erfahrungen. Lange habe ich nicht mehr an Ramón gedacht. Ausgerechnet jetzt, in den Minuten, die die letzten sein könnten, taucht er auf. Er, für den nie Raum blieb, der immer zu viel war, immer überflüssig, nie willkommen, nur da. Ich merke, wie ich grinse. Ein Grinsen, das Gesichtsmuskeln anspannt, die ich nicht kannte, und das ich auf meinen Knochen spüre wie steifes Leder.

Nadia wirft mir eine trostlose Unordnung in der Zeit vor, sie sagt, du bist dreiunddreißig Jahre alt, aber du lebst wie ein Student. Ich sage, warum nicht mit fünfzehn studieren, mit sieben Märchen belächeln, mit zweiunddreißig an die Kraft der Liebe glauben? Warum nicht mit zwanzig Geschäftsmann sein und mit fünfundsiebzig auf dem Amt sitzen und Ausbildungsförderung beantragen? Erst sterben, dann leben. Huch, wiederholt die Echse, wiederholt auch das Lächeln der Ertappten. Die Organe in meinem Körper fallen.

Nadia und ich an einem Frühlingsabend in der Bergmannstraße, die Bäume noch ohne Blätter, es ist lau, Menschen auf den Terrassen der Cafés, der Himmel dunkelblau, Lichter in den Fenstern der Häuser, Küchen in den Fenstern, Töpfe und Bücher, Blumen. Ich will den Moment festhalten, bleibe stehen, sie, bei mir eingehakt, muss auch stehen bleiben, wir küssen uns, aber alles um uns herum verwandelt sich in einen Bahnhof, die Schaffner pfeifen, die Züge fahren an, Menschen rennen mit ihren Koffern den Bahnsteig entlang, und die Küssenden stehen schon halb in der Zugtür, etwas von ihnen ist bereits fort. Etwas von mir war schon immer längst fort. Ich mit zwanzig im Stadtwald, Licht fällt durch die Zwischenräume der Blätter auf den Pfad, aber ich bin bereits auf meinem Bahnsteig, schon in meinem Zug. Nadia, die mir von unserem ewigsten gemeinsamen Moment erzählt, von dem windigen Tag auf dem Turm in Swinemünde, unsere Gesichter lugten aus den Kapuzen und Raben spazierten auf der Balustrade, sie erzählt, aber ich denke, ich muss früh schlafen gehen, morgen wird ein langer Tag.

In diesem Flugzeug, das fällt, ist nichts schon fort, bin ich nicht mehr auf dem Sprung. Hier ist jede Eile unbegründet. Im Fallen löst sich die Schwerkraft auf, wir fallen nicht, wir schweben, die Schwerkraft und die Zeit. Eine Gleichgültigkeit, die mich überrascht: Die ungeahnte Möglichkeit, dass das Leben abreißt, trifft mich nicht. Ich falle. Die Echse reißt den Kopf hoch und schnappt nach Luft. Becher und Taschen liegen auf dem Gang des Flugzeugs. In meinem verkürzten Leben herrscht eine Sekunde Ruhe, herrscht eine Sekunde Ewigkeit.

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