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Der Fall der Berliner Mauer in literarischen und biographischen Texten

In diesem Jahr wird der 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung gefeiert. Schon kurz nach dem Fall der Mauer Ende 1989 kam in der literarischen Diskussion der Ruf nach einem großen „Wenderoman“ auf. Der ließ allerdings auf sich warten. Erst Mitte der 90er Jahre erschienen Texte, die bis heute Bedeutung haben. Immer wieder wurde darin der historische Moment des Umbruchs gestaltet, der Fall der Berliner Mauer. Hier ein Essay zu diesem Thema von Iwan Pilchin.

Für die deutsche Literatur ist das Jahr 1989 von vergleichbarer Wichtigkeit wie 1945.

1989 war das Jahr einer definierenden Wende, einer „Zäsur” in der Geschichte des Landes, die die Tatsachen in „bis zu” und „danach” teilte. Der Fall der Berliner Mauer hat nicht nur den Beginn der Vereinigung Deutschlands gekennzeichnet, sondern auch den Beginn einer Synchronisierung und einer gegenseitigen Wiederentdeckung der Literaturen in der ehemaligen DDR und BRD. Gleichzeitig ist dieses Ereignis auch ein Moment der Wiederbelebung der deutschen Literatur auf beiden Seiten der Berliner Mauer gewesen: der Verzicht auf die Prinzipien des sozialistischen Realismus einerseits, und die Überwindung einer lokalen Trägheit andererseits. Denn am Ende der achtziger Jahre hörte man immer häufiger die Klagen der deutschen Kritiker im westlichen Teil des Landes, die ironischerweise bemerkten, dass es zwar viele Schriftsteller im Lande gibt, jedoch keine Literatur auf dem europäischen oder internationalen Markt.

Der Fall der Berliner Mauer und der ganze Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands bewirkte das Erscheinen von literarischen Texten, die – direkt oder indirekt, realistisch, satirisch oder grotesk – dieses Ereignis widerspiegelten. Zuerst aber eine Bemerkung und ein unvermeidlicher Vergleich. Nach 1945 hat sich in der deutschen Literatur der Nachkriegszeit das Konzept der „Trümmerliteratur” (auch „Literatur der Stunde Null“) etabliert, das dann auch intensiv debattiert wurde. Dieses wurde zum Beispiel von Heinrich Böll verteidigt, der unter anderem behauptete, „dass die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind und nicht so geringfügiger Natur, dass man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen.” Analog kann also gesagt werden, dass sich nach 1989 eine sogenannte „Mauerliteratur” in der deutschen Literatur entwickelt hat, die, frei nach Heinrich Böll, die Ursachen und Folgen der Errichtung und des Falls der Berliner Mauer, sowohl als materielles Objekt, als auch als mentale, unsichtbare und zugleich nachhaltige Konstruktion behandelt.

Die literarischen (Roman, kurze Prosa, Gedicht) und memorialistischen (Autobiographie, Tagebuch, Essay) Reaktionen und Retrospektiven zum Fall der Berliner Mauer und dessen Folgen im wiedervereinigten Deutschland erscheinen fast immer in der Form von Zeugenaussagen und Lebensgeschichten von Deutschen von der östlichen oder westlichen Seite der Mauer und setzen auf die Wiederherstellung der täglichen und ideologischen Gegebenheiten in der DDR und BRD, sowie auf die Identifizierung von sozialen oder geistlichen Problemen sowie von Problemen der Kommunikation und sozialen Integration nach 1989.

Literarische Zeugen: Christa Wolf, Günter Grass, Thomas Brussig und Ingo Schulze

Wahrscheinlich war Christa Wolf die erste Autorin, die eine literarische und zugleich politische Resonanz auslöste, indem sie das Bild der Berliner Mauer aufgriff, eine der wenigen literarischen Stimmen aus dem ehemaligen sozialistischen Lager, die auch nach 1989 im öffentlichen Bewusstsein geblieben ist. In ihrem Roman „Der geteilte Himmel” von 1962, dessen Handlung in der Zeitspanne 1960 bis 1961 stattfindet, gibt es keine direkte Bezugnahme auf den Bau der Mauer. Ferner wird die Teilung Deutschlands in Ost- und Westdeutschland subversiv als eine Liebes- und Trennungsgeschichte zwischen einem jungen ehrgeizigen Chemiker, der wie viele andere sich dafür entscheidet, in die BRD zu ziehen (bis 1961 war die Grenze zu Westberlin offen) und einer Studentin, die wegen ihrer Treue und ihrem Glauben an den Idealen des neuen Staaten es beschließt, in der DDR zu bleiben. „Früher suchten sich Liebespaare vor der Trennung einen Stern, an dem sich abends ihre Blicke treffen konnten. Was sollen wir uns suchen?” „Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen”, sagt der spöttische Manfred. „Den Himmel? Dieses ganze Gewölbe von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe und Trauer?” – „Doch“, sagt Rita leise: „Der Himmel teilt sich zuallererst.“ Somit wird der Himmel im Romantitel ein Symbol der dramatischen Situation, in der sich die deutsche Nation im Jahre einer „unerbittlichen Prüfung”, „ein historisches Jahr, so wie man es später nennen wird” befand.

Ihr Generationskollege aus der ehemaligen BRD, der Schriftsteller Günter Grass, versuchte auch die Essenz der soziopolitischen Metamorphosen in seinem langen Roman „Ein weites Feld” von 1995 einzufangen. Noch am Anfang des Jahres 1990 schrieb der Schriftsteller in sein Tagebuch: „Ich will ab Ende Februar bis zum September jeden Monat in längeren und kürzeren Abständen in der DDR sein, von Rügen bis zum Vogtland, um die Veränderungen nach der großen politischen und revolutionären Veränderung im Auge zu behalten”. Infolge dieser Reise und aufmerksamer Beobachtungen stellt der Roman „Ein weites Feld” Deutschland zwischen dem Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands dar, indem er panoramaartig und episch die deutsche Geschichte von der Revolution von 1848 bis 1990 rekonstruiert.

Im Buch „Mein Jahrhundert” von 1999, das eine Art literarisch-geschichtliche Chronik ist, versucht Günter Grass einen erneuten Exkurs in die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Band enthält hundert Kurzgeschichten, je eine für jedes Jahr. Jede Geschichte beruht auf einem wichtigen historischen Ereignis, einer Erinnerung oder einem Treffen. Der Fall der Berliner Mauer in der Kurzgeschichte „1989” wird hier absurd-komisch dargestellt, mit der Hilfe des Bildes eines Fernsehbildschirms mit „fast auf Null gedrehten Ton”: es „fiel meinem Bekannten mit kurzem Blick in Richtung tonlose Mattscheibe auf, daß dort offenbar ein Film lief, nach dessen Handlung junge Leute auf die Mauer kletterten, rittlings auf derem oberen Wulst saßen und die Grenzpolizei diesem Vergnügen tatenlos zuschaute. Auf solche Mißachtung des Schutzwalls aufmerksam gemacht, sagte der Bekannte meines Bekannten: „Typisch Westen!“

Dieses Moment erinnert irgendwie, durch das Umkippen der historischen Perspektive, an bestimmte Sequenzen des Films „Good Bye, Lenin!” (2003). Als sie endlich begreifen, was passiert ist, eilten  sie zur Invalidenstraße, „die bereits von Autos (mehr Trabanten als Wartburgs) blockiert war, und alle kämpften darum, die unbewachte Grenze zu überqueren. Es war wirklich ein Wunder! Und wenn sie denen aufmerksam zuhörten, die zu Fuß oder mit dem Trabant in den Westen wollten, konnten Sie jeden – oder fast jeden – schreien oder flüstern hören: „Was für ein Wahnsinn“.

Anfang der neunziger Jahre behaupten sich im deutschen literarischen Raum mehrere Schriftsteller aus der ehemaligen DDR, darunter Durs Grünbein, Thomas Brussig und Ingo Schulze. Thomas Brussig schrieb den Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee” 1999 auf der Grundlage eines Drehbuchs, das er zusammen mit dem Regisseur Leander Haußmann schuf (dieser drehte 2003 „Herr Lehmann” nach dem Roman von Sven Regener, eine andere Perspektive auf die Stimmungslage in Westberlin kurz vor dem Fall der Mauer). Die Handlung des Romans findet in Ostberlin am Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre statt. Die Sonnenallee wurde von der Berliner Mauer in zwei Teile geteilt: „Das Merkwürdige an der  Mauer war, dass die, die dort wohnten, die Mauer gar nicht ungewöhnlich fanden. Sie gehörte so sehr zu ihrem Alltag, dass sie sie kaum bemerkten. Wenn in aller Heimlichkeit die Mauer geöffnet worden wäre, hätten die, die dort wohnten, es als allerletzte bemerkt”. Und dies, wahrscheinlich weil „diese Mauer einen nur traurig machen und deprimieren konnte”, da sie sich eingeredet hatten, dass es einfacher war, in der Mongolei oder nach China zu fahren, als auf die andere Mauerseite zu gelangen. Die Jugend und ihre Unruhe, das Bedürfnis nach Liebe der Helden des Buches macht, dass sie sich „zur Freiheit verurteilt” fühlen:

„– Wir sind zur Freiheit verurteilt-, sagte sie. Weißt du, was das für die Mauer bedeutet? Was Sartre zur Berliner Mauer sagen würde?

Mario war noch nicht richtig vertraut mit dem Existentialismus, deshalb musste er raten:

– Dass ich irgendwann in den Westen fahren darf?
– Nein, sagte sie, das genaue Gegenteil.
– Dass ich nie in den Westen fahren darf? fragte Mario.
– Dass es sie irgendwann nicht mehr geben wird, sagte die Existentialistin, und das war für Mario so ungeheuerlich, das überstieg alles Vorstellbare. Er hätte niemals den Gedanken formulieren können, dass die Mauer plötzlich nicht mehr da sein könnte.”

Ja sogar mehr: „Mario und die Existentialistin fanden Gefallen an dem Gedanken, eine Untergrundbewegung zu mobilisieren, die heimlich Land kauft, welches sich dann zu einem autonomen Territorium zusammenschließt und von der DDR absprengt.”.

Thomas Brussig kehrte 1995 satirisch zu den Ereignissen um den Fall der Berliner Mauer zurück in seinem Roman „Helden wie wir”. Im Allgemeinen versucht Thomas Brussig überhaupt nicht pathetisch zu wirken, wenn er historische Themen behandelt. Dies ist ein wichtiges Detail, das den Roman „Sonnenallee” von Thomas Brussig mit dem Schaffen von Ingo Schulze („Simple Storys”, 1998) verbindet: Frau Kuppisch „sah ein Pärchen, das zurück nach Westberlin wollte, und als sie sah, wie locker und selbstbewusst die auftreten, wie laut die reden, wie gespielt die lachen und wie raumgreifend sie agieren – als sie all das sah, wusste sie, dass ihr zu einem Westler mehr fehlt als nur der Pass, die Schuhe, die Kleider und das Kukident. Und sie wusste, dass sie niemals so werden wird wie die. Und dass sie tatsächlich keine Chance hat, über die Grenze vor ihrer Haustür zu kommen”. Dies ist ein Detail das, meiner Meinung nach, auch 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands erklärt, wieso Fragen gestellt werden, die denjenigen ähnelt, die auf der Cover des „Spiegels” (Nr. 39a, 25.9.2019), die diesem historischen Ereignis gewidmet wurde, erschien: „30 Jahre Mauerfall. Ziemlich beste Deutsche. Warum es uns so schwerfällt ein Volk zu werden”. Die Antwort auf dieser Frage kann jedoch das Thema anderer Debatten und Konferenzen sein.


Ivan Pilchin ist Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Übersetzer sowie Mitarbeiter der Stadtbibliothek „B.P. Hasdeu”, Chișinău

Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Rundtisches „30 Jahre vom Fall der Berliner Mauer” präsentiert, der in Chişinău vom Deutschen Kulturzentrum AKZENTE in Zusammenarbeit mit dem Moldawischen Geschichtsmuseum am 7. November 2019 organisiert wurde. Für DLITE wurde er leicht gekürzt.

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