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Der Tod in den stillen Winkeln – Oliver Bottini

Oliver Bottini wurde 1965 geboren. Für seine Romane erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den Krimipreis von Radio Bremen, den Berliner Krimifuchs, den Stuttgarter Krimipreis und fünfmal den Deutschen Krimi Preis, zuletzt 2018 für Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens. Seit 2017 ist er auch als Drehbuchautor tätig.
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Temeswar

SIE SASSEN IM »SICILIA«, HATTEN EBEN bestellt, als Bejenaru anrief.

»Und nimm den Lift, Ioan, es eilt.«

Cozma steckte das Handy ein, sagte im Aufstehen: »Ich muss zum Chef.«

»Und ich muss essen«, entgegnete Cippo.

Cozma nickte, essen, um zu trinken, er wusste das. Längst eine chemisch-biologische Notwendigkeit am frühen Mittag, Cippo schwitzte bereits, wirkte fahrig und zittrig. Er versprach, rasch zurückzukommen, und verließ das Lokal. Eine Zigarette im Mund, ging er die zweihundert Meter zur Polizeidirektion des Kreises Timiş, zwang sich dabei, ruhig zu bleiben. Seit Cippo und er unter dem Radar segelten, war er nicht mehr vom Essen oder aus Besprechungen geholt worden, weil nichts mehr eilte.

Heute eilte es.

»Hab ich’s dir nicht gesagt, Vater?«, murmelte er und verlangsamte seine Schritte auf den letzten Metern. »Sie kriegen alle.«

Als er die Eingangshalle betrat, hielt er unauffällig nach fremden Staatsanwälten Ausschau, die gekommen waren, um nach einer Anzeige des IICCMER einen weiteren der einstigen »Schergen Ceauşescus« verhaften zu lassen, einen der jüngeren diesmal.

Doch im Foyer war nur die Putzfrau am Werk.

Wie immer nahm er die Treppe. Niemand, weder Bejenaru noch ein übereifriger Jäger vom »Institut für die Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen«, würde ihn in einen Aufzug zwingen, der viermal pro Woche steckenblieb.

Als er den dritten Stock erreicht hatte, klingelte das Mobiltelefon. »Wo zum Teufel bleibst du?«, fragte Bejenaru.

Cozma öffnete die Tür zum Chefbüro. »Hier.«

Bejenaru war allein im Raum, saß an seinem Schreibtisch, das Telefon am Ohr. Achtlos warf er es auf den Tisch. »Wir haben ein Tötungsdelikt, unten bei Jamu Mare. Dein Fall, Ioan.«

Wie am Morgen trat Cozma ans Fenster und verschränkte die Arme. Einen Moment lang wusste er nicht, ob er erleichtert oder bestürzt sein sollte. »Ich dachte, wir wären uns einig, dass ich keine Tötungsdelikte mehr übernehme.«

»Ich habe fünf Ermittler, die Tötungsdelikte bearbeiten, und du bist einer von ihnen, bis zu deinem letzten Tag in dieser Dienststelle. Jamu Mare ist dein Fall.«

»Ich bin zu alt dafür, Paul.« Er lächelte sanft. »Nach dreißig, fünfunddreißig Jahren lässt die Motivation nach, weißt du. Man wird …müde.«

»Ja, ja«, sagte Bejenaru, schob Papiere und Faxe über den Schreibtisch in Cozmas Richtung und deutete mit dem Kinn darauf. »Eine Deutsche, achtzehn, abgestochen wie ein …« Er räusperte sich. »Lies es dir durch und dann fahr runter.«

Ein Kind, dachte Cozma betroffen – mit achtzehn war man ja noch ein halbes Kind. Hatte Eltern vielleicht in seinem Alter, hatte noch nicht viel falsch gemacht im Leben. Er rieb sich die Nasenflügel mit Daumen und Zeigefinger. Unter der Betroffenheit spürte er etwas anderes, eine Art Beunruhigung, die nicht weichen wollte.

Skepsis.

»Warum ich, Paul?«

Bejenaru spreizte seine langen Finger, ballte sie zu Fäusten, schien nach Worten zu ringen. Die Tote sei eine Ausländerin, erwiderte er schließlich, der Fall sei also heikel. Der deutsche Botschafter habe schon angerufen, in Kürze wollten ihn die hohen Herren im Haus sprechen. Er brauche für diesen Fall einen Ermittlungsleiter mit Erfahrung, mit diplomatischem Geschick, keinen von den jungen Hitzköpfen.

Cozma nickte mechanisch. Man konnte von den jüngeren Kollegen denken, was man wollte, Hitzköpfe waren sie nicht. Abgesehen davon, dass sie mit Ende dreißig, Anfang vierzig nicht wirklich »jung« waren. Und Erfahrung hatten. Wer Tötungsdelikte bearbeitete, benötigte Erfahrung. »Ovidiu spricht fließend Deutsch. Er sollte die Ermittlung leiten.«

Bejenaru hob einen Arm und deutete auf die Zimmerwand, vielleicht weil er Jamu Mare in dieser Richtung vermutete. Die Stimme war lauter jetzt, fast empört sagte er: »Da liegt ein aufgeschlitztes Mädchen, die Kollegen warten, der Notarzt wartet, die Techniker sind unterwegs, der Botschafter und der Polizeidirektor springen im Dreieck … Und du spielst die verdammte Diva?«

Cozma räusperte sich freundlich. »Warum ausgerechnet ich, Paul?«

Bejenaru lehnte sich zurück, faltete die Hände im Schoß, der Blick lodernd. Cozma wartete. Er hoffte, dass ihn sein Gefühl nicht trog. Dass die Skepsis angebracht war. Bejenaru hatte vor fünf Jahren bereitwillig zugestimmt, Tötungsdelikte künftig den Jüngeren zu übertragen.

Bejenaru schloss die Augen, öffnete sie wieder. »War dein Vater nicht Deutscher?«

»Meine Mutter.«

»Dann sprichst du auch Deutsch, oder?«

»Nicht mehr.«

Bejenaru beugte sich vor, sagte ruhiger: »Siehst du, deshalb leitest du die Ermittlung. Weil du Erfahrung hast und Deutsch sprichst.«

Cozma spürte, wie sich die Skepsis in seiner Brust immer mehr ausbreitete, als wollte sie ihm den Atem rauben. Er wusste längst, dass er sich nicht weiter widersetzen würde. Ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, abgeschlachtet von einem, den man fassen musste. Da waren Eltern, vielleicht Geschwister, Freunde, in deren Leben von einem Moment auf den anderen das Wichtigste fehlte. Sie hatten ein Recht auf Antworten, und Mörder zu fangen und Antworten zu finden war nun einmal seine Aufgabe, auch wenn er als junger Mann aus anderen Gründen Polizist geworden war. Damals hatte er zerstören wollen, hatte denen, die auf der anderen Seite standen, die Faust ins Gesicht schlagen, die Knochen brechen, die Seele brechen wollen. Hatte dem Zorn Ausdruck verleihen müssen, der ihn zerfleischte.

Erst die Revolution hatte dem ein Ende gesetzt.

Danach hatte er mühsam gelernt, sich zu kontrollieren, die Sümpfe des Zorns auszutrocknen. Widerstrebend hatte er zugelassen, dass ihn das Leben begradigte, wie Claudius Florimund Graf Mercy die Bega hatte begradigen lassen.

Zwei Ehefrauen hatten dabei geholfen.

Zwei Scheidungen noch mehr.

Seit fünfzehn Jahren Cippo.

Der Zorn war nicht ausgelöscht, er schlief nur, wenn auch tief und fest, und so hatte Cozma gelernt, nicht mehr zu zerstören, sondern zu heilen. Kleinere Wunden zu heilen, um die große, unheilbare Wunde erträglicher zu machen: den Verlust. Deshalb würde er sich Bejenaru nicht weiter widersetzen, sondern aus den stillen Winkeln seines Lebens hervorkommen, in die ihn die Angst vor dem IICCMER getrieben hatte.

Er löste sich vom Fenster und ging zum Schreibtisch, nahm die Papiere, war ruhig jetzt. Er ahnte und wusste genug, um die vielleicht wichtigste Frage im Fall Jamu Mare nicht außer Acht zu lassen: warum Paul Bejenaru die Leitung einer so heiklen Ermittlung ausgerechnet ihm übertrug, der seit Ewigkeiten keine Mordkommission mehr geführt hatte.

Im Süden des Kreises Timiş

»ich dachte, ihr habt einen Deal.«

»Nur eine Art Deal.«

»Und warum hält er sich nicht daran?«

»An eine Art Deal muss man sich nicht halten«, erwiderte Cozma. Er hörte Cippo neben sich grunzen, es klang ein bisschen schläfrig. Ein üppiges Mittagessen, das erste Glas Rotwein, die Aufregung über Bejenarus Vorgehen, dreißig Kilometer Fahrt im vagen Duft von Menthol, da konnte man schon müde werden.

Sie erreichten den kleinen Ort Voiteg, der Verkehr nach wie vor dicht, viele Lkws, die über die E 70 nach Serbien krochen, dann weiter nach Belgrad und Kroatien und vielleicht sogar bis Nordspanien, wo die Straße endete. Cippo schlief ein, der Kopf sackte gegen das Fenster. Cozma dagegen war hellwach. Er dachte an das Kind, das nackte Mädchen im Wald. Die Kollegen vor Ort hatten erste Fotos von der Leiche gemailt. Wunden, wie er sie noch nie gesehen hatte. Als hätte der Täter wie von Sinnen auf das Kind eingestochen.

Das Mädchen, korrigierte er sich. Nein: die junge Frau. Eine hübsche junge Frau.

In Moraviţa, kurz vor der serbischen Grenze, verließen sie die Europastraße. Die Nationalstraße nach Osten eine löchrige, wellige Betonpiste, schnurgerade über neun Kilometer fast bis Jamu Mare. Cozma schonte den altersschwachen Kadett, dessen Gelenke knacksten und krachten, und ließ sich widerstandslos von verschmutzten Pkws, Jeeps, Kleinlastern, Lkws überholen. Südlich der Piste lagen weite Äcker, rote und gelbe Traktoren leuchteten in der Mittagssonne, säten oder ernteten, nicht einmal das hätte er sagen können.

Cippos Kopf schlug gegen das Fenster, er erwachte.

»Jamu Mare«, sagte Cozma.

»Also kein Albtraum? Du hast ein Tötungsdelikt übernommen?« Cozma nickte.

Am Ortseingang ein Gestüt, elegante und moderne Gebäude, rötlich schimmernde Dächer, auf einer Koppel gepflegte Pferde. Cippo hob die Hand, sagte: »Italiener.«

»Die Pferde?«

»Der Besitzer. Die halbe Gegend gehört ihm.«

Jamu Mare bestand wie viele Banater Dörfer und Landstädtchen aus der Durchfahrtsstraße und einer Handvoll im rechten Winkel abgehenden Schotterstraßen, die von einer Handvoll anderen im rechten Winkel abgehenden Schotterstraßen gekreuzt wurden. Die niedrigen Häuschen und kleinen Höfe heruntergekommen, kaum ein Fassadenanstrich erneuert, bröckelndes Mauerwerk, der Anschein bitterer Armut. Am Ortsausgang bogen sie nach Nordwesten ab, eine ähnlich schlechte Straße, immerhin aus Asphalt. Cippo deutete auf die weiten braunen Flächen rechts und links, hier Deutsche, da Dänen – oder Holländer? Dort drüben Engländer. Nach wenigen Minuten erreichten sie eine, wie er erklärte, »kürzlich auf Druck der ausländischen Betriebe« gebaute Nationalstraße und folgten ihr nach Norden.

»Woher weißt du das alles?«

»Von einem entfernten Verwandten, Cousin zwölften Grades oder so. Das schwarze Schaf der ehrenwerten Familie Rusu. Er lebt in Moraviţa, schmuggelt Zigaretten, Alkohol und Benzin nach Serbien. Jedes Mal, wenn er sitzt, ruft er mich an, er hat sonst niemanden. Er sitzt oft und immer länger.« Cippo wies auf weitere schier endlose Flächen rechts und links. »JM Romania. Der Vater.«

Cozma nickte stumm. Da war der Anblick wieder, die tote junge Frau, der einer auf so furchtbare Weise Gewalt angetan hatte.

Sie lag im lichten Gebüsch am Waldrand auf dem Rücken, eine Blutspur führte zehn Meter durchs Gras zum Flussufer. Dort war sie wohl erstochen worden. Dann hatte der Mörder die Leiche überhastet zum Wald geschleift, damit man sie von den Feldern aus nicht sehen konnte.

Immer wieder umrundete Cozma den Bereich, den die Kollegen aus Denta mit Polizeiband abgesperrt hatten, auf beiden Seiten zwei Meter Abstand von den Spuren und der Leiche. Die Kriminaltechniker hatten sich über die Fläche verteilt, drei schweigsame, in weiße Plastikoveralls gehüllte Männer. Nach wie vor fanden sie neue Spuren. Stoff- und Hautfetzen an den Zweigen, Schuhabdrücke in der Erde, eingetrocknete Flüssigkeiten auf Lisas Beinen, einzelne Haare auf ihrem Körper. Alles deutete darauf hin, dass der Mörder nicht überlegt gehandelt hatte. Erst als sie tot gewesen war, hatte er angefangen nachzudenken, wenn man es so nennen wollte, und die Leiche vom Tatort weggeschleift. Dann hatte er den Bikini ein- gesteckt, vielleicht als Trophäe, und war davongelaufen. Und hatte zahlreiche Spuren auf und wohl auch in ihrem Körper hinterlassen.

Sie würden ihn kriegen.

Wenn da nur nicht die Skepsis wäre, dachte Cozma, die seit dem Gespräch mit Bejenaru an ihm nagte.

»Ioan?«

Er wandte sich Cippo zu, der am Fluss stand, das Mobiltelefon in der Hand.

»Sie warten.«

Cozma nickte und beendete seine Wanderung. Ein letzter Blick auf die junge Frau, die Schnitte und Stiche, die Hämatome auf Wangen und Stirn, die eine traurige, einfache Geschichte erzählten. Eine Geschichte von Gier, Wut und Panik. Von einem Mörder und einer jungen Frau, die nun für immer fehlte.

Cippo trat neben ihn. »Hättest du nur nein gesagt.«

»Nein«, sagte Cozma.

Sie kehrten zur Nationalstraße zurück, wie sie gekommen waren, zu Fuß und quer durch den Wald, um keine Spuren auf dem nahen Forstweg zu zerstören. Zwischen den Bäumen hockte der vierte Kollege von der Kriminaltechnik auf den Knien, ein weißer Fleck in Cozmas Augenwinkel. Sie hatten frische Reifeneindruckspuren auf dem Weg gefunden, die hundert Meter vor dem Fluss endeten, mitten im Wald. Ein Kleinwagen hatte erst vor kurzem dort gestanden. Schuhabdrücke führten vom Fahrzeug zum Wasser. Zurück hatte der Fahrer offenbar einen anderen Weg genommen.

»Und, was sagst du?«

»Einer, dem man lieber nicht begegnen möchte.«

»Wir schon, Cippo.«

Zweige brachen krachend unter dem schweren Körper Cippos. Der Untergrund war uneben, er stolperte mehr, als dass er ging, ein schwankendes Schiff, hielt sich ächzend fest, wo er etwas greifen konnte. Cozma hakte ihn zur Sicherheit unter. Das Schiff kam zur Ruhe, das Ächzen ebbte ab.

»Sag mir, was du denkst.«

»Wenn ihm das Auto gehört, hat er es vielleicht geplant«, erwiderte Cippo. »Er ist zu Fuß zum Fluss, hat ihr da aufgelauert. Er wusste, dass sie kommt.«

»Weil sie jeden Tag hergekommen ist«, sagte Cozma.

»Was dann passiert ist, hat er nicht geplant.« Cozma nickte. Die Gier, die Wut, die Panik.

Sein Kadett stand im Gras neben der Nationalstraße. Cippo ging weiter, blieb an der Mündung des Forstwegs zwanzig Meter entfernt stehen. Dann überquerte er die Straße und bedeutete Cozma, ihm zu folgen.

Bremsspuren, Reifenabrieb auf dem Asphalt. Ein Auto war aus dem Wald gerast und nach Norden abgebogen.

Cippo telefonierte schon.

Während sie auf den Techniker warteten, studierten sie die Landkarten aus Papier und auf den Smartphones. Auf der anderen Seite des Waldes lag ein Dorf, Coruia. Erst zwanzig Kilometer weiter kam die nächste Ortschaft, Gattaja. Von dort verlief die Nationalstraße in nordöstlicher Richtung, bis sie nach fünfundvierzig Kilo- metern bei Lugoj in die A6 mündete.

Der Techniker kam, Florian, ein ungarischstämmiger Rumäne, müdes, eckiges Gesicht, tränende Augen, steifer Gang, schleppend, langsam. Einst ein freundlicher Mensch, der immer unfreundlicher wurde, niemand wusste, weshalb. »Wie soll das gehen, wenn die Straße nicht gesperrt ist?«

»Sperrt sie«, entgegnete Cozma. »Und versucht herauszufinden, ob er Richtung Coruia abgebogen ist.«

»Kein Problem, wenn er einen Pfeil auf die Straße gemalt hat.«

Cozma schwieg, er wusste nicht mehr, ob Florians Witze lustig gemeint waren oder irgendeinem Unwillen Ausdruck verliehen.

Sie fuhren los, nach Süden, zurück zu den Feldern. Cippo nahm gelegentlich einen Schluck »Tee« aus einer Thermoskanne, brütete irgendetwas aus. An einem Metallschild mit der Aufschrift »JM Romania« bogen sie auf eine nicht asphaltierte Privatstraße ab, passierten ein schlichtes Holzschild mit einem Ortsnamen, »Neu-Prenzlin«.

»Was soll das bedeuten?«

»Sie kommen aus Prenzlin«, sagte Cozma. »Prenzlin in Deutschland. Das alte Prenzlin vielleicht.«

»Und in Rumänien haben sie ein neues Prenzlin gebaut, ja?«

»Wir wollten in die EU, Cippo. So ist das nun mal.«

»Gehe ich nach Deutschland und baue ein neues Firiteaz?«

»Du könntest es wahrscheinlich.«

»Firiteazul Nou bei Berlin«, sagte Cippo.

Cozma lächelte. »Lieber im Süden, da soll es schöner sein.«

»Was ist im Süden?«

»München. Die Alpen.«

»Also dann, Firiteazul Nou in den Alpen.«

»Klingt doch gut«, sagte Cozma.

Sie hatten den Hof erreicht, parkten neben zwei Streifenwagen aus Denta, außerhalb des mannshohen Metallzauns, der das Gelände umgab.

»Eine Zigarette lang werden sie noch warten können«, sagte Cippo.

Sie öffneten die Türen, rauchten im Wagen.

»Wurde dein Vater nicht von den Deutschen ermordet?« Überrascht schüttelte Cozma den Kopf. »Von Rumänen.«

»Rumänen, die von den Deutschen infiziert waren.«

»Rumänen. Unsere Faschisten.«

Cippo schwieg, ächzte plötzlich. »Ich kann das nicht mehr, Ioan. Tötungsdelikte.« Er klopfte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

»Das Mädchen geht da nicht mehr raus.«

»Ich weiß.«

»Wir sollten im Büro auf unseren faltigen exkommunistischen Hintern sitzen, den Kopf tief halten und unter dem Radar segeln. Ist zu gefährlich für solche wie uns hier draußen. Nur Probleme. Rei- che Ausländer, ein Botschafter, die hohen Herren, Politiker, die Medien. Du wirst mit dem Staatsanwalt zusammenarbeiten …«

»… der nichts mit dem IICCMER zu tun hat …«

»Und dann das Mädchen. Die Seele macht das nicht mehr mit.«

»Ein letztes Mal. Unsere Abschiedsermittlung.«

»Mach dir nichts vor, du blühst auf, du hast rote Backen.«

»Die Landluft, Cippo.«

»Du brauchst das. Und ich kann das nicht mehr.«

»Aber du bist immer noch gut darin«, sagte Cozma.

Als sie durch das offene Tor traten, ließ er den Blick über die Anlage gleiten. Vier große Silos, vier kleinere, ein paar Hallen, ein flaches längliches Bürogebäude, verschiedene Landmaschinen, Traktoren, ein gutes Dutzend Autos, an einer der Hallen weiße Säcke, aufeinandergestapelt, etwas abseits gelegen ein Wohnhaus – doch keine Menschen, keinerlei Bewegung. Der Betrieb lag wie erstarrt vor ihnen.

Er blieb stehen, auch Cippo hielt inne. Kein Laut, nicht einmal Hundegebell, nur Stille. Vierzig, vielleicht fünfzig Menschen mussten hier sein – und er vernahm kein einziges Geräusch.

Noch nie hatte Cozma den Tod so deutlich wahrgenommen wie in diesem Moment.

 

Oliver Bottini, Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens © 2017 DuMont Buchverlag, Köln

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