Anne Weber | © Thorsten Greve

Ein Auszug aus „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber wurde 1964 in Offenbach geboren und lebt seit 1983 in Paris. Sie hat sowohl aus dem Deutschen ins Französische übersetzt (u.a. Sibylle Lewitscharoff, Wilhelm Genazino) als auch umgekehrt (Pierre Michon, Marguerite Duras).
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Ihre eigenen Büchern schreibt sie sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache. Ihre Werke wurden u. a. mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis, dem 3sat-Preis, dem Kranichsteiner Literaturpreis und dem Johann-Heinrich-Voß-Preis ausgezeichnet. Für ihr Buch Annette, ein Heldinnenepos wurde Anne Weber mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet.

Es fängt klein an. Sie ist siebzehn, es sind
Sommerferien, jemand spricht sie an, ein Mann.
So könnte eine Liebe ihren Anfang nehmen, aber
nein. Der Mann heißt S., ist Kriegsgefangener,
und mit zwei anderen, die wie er für die
Kommandantur Übersetzungsdienste leisten,
wird er durch die Stadt geführt. Die Männer werden
eher nachlässig bewacht. S. kann mit Annette,
die gerade da vorbeikommt, ein paar
unauffällige Worte wechseln. Es geht darum,
vor der Mauer der ehemaligen Kaserne –
jetzt Gefangenenlager – einige Päckchen
in Empfang zu nehmen und zu der
Adresse zu befördern, die auf dem kleinsten
davon steht (auf den anderen stehn
Fantasie-Adressen). Würde sie das wohl
machen? Na, was denken Sie? Genau: Sie
machts. An der bezeichneten Adresse wohnt
eine schöne, tapfere Schneiderin, die aus
nichts etwas zu machen weiß, also doch wohl
erst recht aus diesen Päckchen. Sie hat ihr
blondes Haar zu einem Diadem geflochten
und steht im Ruf, eine vie de folie, ein verrücktes
oder vielmehr -werfliches Leben in Paris
hinter sich zu haben, von dem ein Sohn zeugt,
der nun Gefangener in Deutschland ist.
Annette sieht S. noch zwei, drei Mal,
bevor er sich davonmacht, und zwar nach
London, wie es sich Jahre später rausstellt.

Er überlässt ihr unter anderem Die Hoffnung,
L’Espoir, was schon wieder ein Roman Malraux’ ist
– über den spanischen Bürgerkrieg, den S.
von innen kennt –, und noch ein paar
andere Bücher aus seinem Gepäck.
Dann ist er weg. Nun lernt sie
neue Leute kennen, die sie mit Mitgliedern der
Résistance zusammenbringen, einen instit z. B., also einen
Volksschullehrer, für den sie dann in diesem und im
nächsten Sommer allerlei mit dem Fahrrad hier- und
dorthin transportiert. Denn wie das meiste
ist auch das Widerstehen anders, als man es sich
denkt, nämlich kein einmaliger Entschluss,
kein klarer, sondern ein unmerklich langsames
Hineingeraten in etwas, wovon man
keine Ahnung hat. Das Erste, dems
zu widerstehen gilt, das ist man selbst.
Der eigenen Angst. Was, wenn ihr jemand auf die
Spur kommt und sie erwischt mit Schriften
oder Gütern, die verboten sind? Sie lernt, dass
Angst was ist, was überwunden werden kann.

Ein Jahr verstreicht, und sie ist immer noch blutjung.
Gehts vielleicht auch ein bisschen schneller mit dem
Erwachsenwerden? Wie lange soll das alles noch
auf diese öde, für ihren Geschmack viel zu
tatenlose Weise weitergehen? Halbherzig
fängt sie in Rennes ein Studium an, und zwar
der Medizin, während die ganzherzig von einem
Schicksal träumt, von Opfern und von Heldentaten.
Leider fehlts an Gelegenheiten. Zwar
hat sie über den instit ein paar »Kontakte«, die
anders als die heutigen nicht jeder x-beliebige
Bekannte, sondern im Gegenteil nur ein paar
wenige verlässliche Personen mit gleichen oder
ähnlich heimlichen Absichten sind. Doch wann
wirds endlich ernst, warum vertraut ihr keiner
eine wichtige Mission an? Wann werden diese
Grünspanfarbenen, die vert-de-gris, wie die
deutschen Soldaten heißen, fortgejagt? Und
warum sieht es in Rennes’ Straßen nicht längst aus wie
in den revolutionsgeschüttelt-kantonesischen aus
dem Roman Die Eroberer, Les conquérants, schon
wieder von André Malraux? Der Gegner
ist nur nebenbei ein deutscher Nazi und im
Hauptberuf Imperial-, Kapital- und Nationalist.

Einstweilen gilt leider: abwarten und radfahren.
Eine Minimission führt Annette ins Zentrum der
Bretagne, zu einem Weiler in der Nähe von Uzel,
der so klein ist und so unscheinbar, dass er seither
gar nicht mehr aufzufinden ist. Dort steht bereits
ein Fahrrad in der Scheune, seltsam, das ihres Vaters
sieht ganz ähnlich aus, ach … es ist seins … da
kommt er. Er also … auch? Er gibt ihr zu verstehen,
dass niemand, auch nicht die Mutter alias
Petite Marthe, von ihrem zufälligen
klandestinen Treffen zu erfahren braucht.

Das alles ist schon schön und gut, aber
doch eindeutig zu wenig abenteuerlich.
»Es ist unmenschlich« (Zitat Annette), jemanden
so lange zappeln zu lassen, der entschlossen ist,
sein Leben für eine ferne Zukunft, nein, noch
nicht einmal für eine Zukunft, sondern für ein
Ideal, für etwas also, was nicht zu erreichen ist,
aufs Spiel zu setzen. An der Uni trifft sie schließlich
Ze Ha, Trotzkist. Der schickt sie zu einer
Versammlung nach Brest, wo es regnet, wie es
zu erwarten ist. Die schwarzblauen Kriegsmarine-
Männer verschmelzen mit der Nacht. Annette biegt
von einer dunklen Gasse in eine noch dunklere,
klopft erst vier Mal, dann zwei Mal an eine Tür
und sagt: Hier ist Dinan! So ist es ausgemacht.
Sie ist Dinan, die würdige Verkörperung der Stadt.
Dann zwingt die Sperrstunde die Anwesenden
(paar Männer und drei Frauen mit Annette),
den Rest der Nacht zu diskutieren. Was dabei
rauskommt, ist ein halbwegs auf Deutsch verfasster
Aufruf an die grünspanfarbenen Soldaten,
sich von den Braunhemden & Schwarzröcken zu
distanzieren. Wie? Diese Nachtschwärmer wollen
tatsächlich die deutschen Soldaten überreden,
sich abzukoppeln? Ihrer Regierung abzuschwören?
Ist das an Naivität denn noch zu überbieten?
In einem Park, in dem das deutsche Fußvolk gerne
rumspaziert, soll Annette diese Flugblätter verteilen,
doch zu unserem Glück und ihrem Ärger
wartet sie umsonst auf deren Lieferung. Leere
Versprechungen! Kümmerlich-kühne Initiativen,
die aber im Sommer 42 zu Verhaftungen in ihrem
Umkreis führen. Die Vorsicht gebietet – und
manchmal gehorcht Annette ihr gar –,
Rennes zu verlassen. Sowieso sehnt sie sich
nach ernsthafteren Taten und hat längst begonnen,
in Richtung PC zu schielen. Der ist weder der
personal computer noch die political correctness,
die er heute meint, sondern eine Partei, die
seit September 39 verboten ist.

 

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