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Bogdan Coșa | © Vlad Drăgoi

Ein kleiner Vorgeschmack aus Bogdan Coşas neuem Roman

Auszug aus Wie nah dran der kalte Regen und das schlechte Wetter sind (im Original: Cât de aproape sunt ploile reci și vremea rea), geschrieben von Bogdan Coșa, aus dem Rumänischen übersetzt von Manuela Klenke
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Ihre Nachtschicht war gerade um, als Casiana an sein Bett herantrat, ihn weckte und auf eine offene Tasche zeigte, in die er seine Sachen packen sollte. So konnte sie nicht mehr leben. So konnte sie sich nicht mehr zu ihm ins Bett legen. Er war entsetzlich.

„Du bist andauernd besoffen! An uns denkst du überhaupt nicht. Du hast keine Ahnung, wie schwer es ist, die Blicke der anderen zu ertragen.“

Sie konnte die Blicke der anderen nicht mehr verkraften. Und ihr Sohn war mittlerweile auch schon alt genug, um das, was er sah und hörte, zu verstehen.

Er hätte besser im Gefängnis bleiben sollen, anstatt nach Hause zu kommen und sie auf diese Weise zu behandeln.

„Wir können das Kind auch alleine großziehen, ich und meine Mutter.“

Doch Nuțu schlief wieder ein, ohne genau zu verstehen, was man von ihm verlangte.

Als er sich nachmittags halbwegs nüchtern aufrichtete, fand er die vollgestopfte Tasche mitten im Zimmer vor. Er musterte sie und beugte sich darüber, um einen Pullover herauszuholen.

Tatsächlich befanden sich darin nur seine Sachen.

Er wusste nicht, was er sagen sollte, er war noch nie imstande gewesen, sich zu widersetzen. Genauso wie er nie jemanden gestört hatte, zumindest nicht absichtlich.

Sobald er seine Frau Casiana im Eingang zum Badezimmer sah, stand er auf. Ihre Mutter schaute ihn an, über die Schulter ihrer Tochter hinweg, aufrecht, so als ob sie in diesem Krieg Seite an Seite gekämpft hätten und nun der Siegestag gekommen war.

Keiner fand, dass noch etwas gesagt werden musste, also griff Nuțu nach der Tasche und bewegte sich damit in Richtung Tür. Die Frauen lehnten sich mit den Rücken an die Fliesen und machten ihm Platz.

Ionel, der seine Hausschuhe mit Hasenohren trug, war in der Küche auf die Fensterbank gesprungen. Der Junge schaute mit offenem Mund zu seinem Vater, der sich neben dem Garderobenständer die Schuhe anzog; Nuțu näherte sich ihm.

„Was machst du hier, Kleiner?“

„Ich male.“

„Was malst du?“

„Was draußen ist.“

„Und…, wenn ich jetzt rausgehe, malst du mich dann auch?“

Der Junge nickte selbstsicher, dann schaute er zu dem Mann, der sein Gesicht an ihn schmiegte und ihm dann sagte:

„Darf dir Papa deine Äuglein küssen?“

Die Frauen waren ihm gefolgt und spähten nun aus dem Rahmen der anderen Badezimmertür, diejenige, durch die man die Küche betrat. Der Junge nickte noch einmal, schloss die Augen und streckte sich zu seinem Vater. Dieser berührte mit seinen Lippen die Lider seines Sohnes, drehte sich dann um, nahm seine Tasche und ging durch die Tür, ohne zurückzublicken.

Ionel schaute ihm hinterher, wie er die Allee herunterlief, durch den Regen, später konnte er ihn aber nicht mehr sehen, obwohl er sein Gesicht ans Fenster presste. Da er nun fort war, betraten die Frauen die Küche und suchten sich etwas zu tun, in der Erwartung, die große Befreiung zu verspüren.

Einige Minuten später erhob Camelia die Stimme, als sie ihrem Enkelkind sagte:

„Hör auf, wie die Zigeuner am Fenster zu sitzen!“

Der Junge reagierte aber in keinerlei Weise.

„Ionel, was treibst du da?“, fragte ihn auch Casiana, um einiges sanfter, leicht verwundert über die Sturheit des Jungen.

„Ich warte auf Papa, dass er kommt, damit ich ihn malen kann.“

Nuțu hielt sich diesen Herbst vom Dorfzentrum fern, so als ob er das Urteil seiner Frau anstandslos akzeptiert hätte. Casiana ging ihn aber auch nicht in Dumbrava besuchen, obwohl sie Ionel schon mehrmals dafür angezogen und darauf vorbereitet hatte.

Sie räumte Nuțu die Möglichkeit ein, sich selbst auf den richtigen Pfad zu bringen und das zu tun, was getan werden musste.

Camelia vermied es jedoch, an den Tagen in den Dorfladen zu gehen, an denen Dana, Nuțus Schwester, dort Dienst hatte. Sie wollte mit keinem aus seiner Familie mehr zu tun haben und hielt Casiana dazu an, das genauso zu tun.

„Wenn ich dich grundlos flennen sehe, würde ich am liebsten vor lauter Wut im Boden versinken. Verstehst du nicht, dass ihn das nicht kratzt? Selbst der Junge ist ihm schnuppe! Er hat ihm nicht mal ein Bonbon vorbeigebracht! Um ihn zu sehen, ist er auch nicht gekommen… Es geht im direkt am Arsch vorbei, dass Ionuț den ganzen Tag nach ihm fragt! Was für ein Vater ist das?! Bitte sag mir: Ist das der Vater, den Ionel als Vorbild haben soll?“
Wochenlang schwieg Casiana; als ihre Mutter sie aber drängte, die Scheidung einzureichen, brach der Damm zusammen und Camelia wurde mit Tausenden von Quadratmetern an Vorwürfen überschwemmt, von denen Casiana dachte, dass es endlich an der Zeit war, sie auszusprechen.

„Wieso hast du dich nicht von Papa scheiden lassen, als er von zu Hause abgehauen ist, wenn das so einfach ist? Du meinst, ich bin dumm, weil ich auf ihn warte, aber sieh dich mal an! Selbst nach zwanzig Jahren wartest du immer noch auf ihn! Verlang nicht von mir, das zu tun, von dem du denkst, dass du es hättest machen müssen! Du bist wirklich mutig, wenn es um mein Leben geht!“

Casiana drohte ihrer Mutter, ihre Sachen zu packen und bei ihm in Dumbrava einzuziehen, sollte sie noch ein einziges Wort über Nuțu hören.

 

In dem Sommer antwortete Nuțu allen, die ihn fragten, was er vorhabe, schlicht und einfach; er habe vor, auf sie zu warten. Casiana hatte ihn herausgeworfen, sie müsse ihn zurückrufen, wenn sie sich eine Familie wünschte.

Das war alles, was er zu sagen hatte.

Außer Doina, seine älteste Schwester, die in der Stadt von Menschen, von denen sie viel zu lernen hatte, aufgezogen worden war, hatte keiner seiner Geschwister Nuțu geraten, anders zu handeln, sich ein Herz zu fassen, einen Blumenstrauß und Spielzeug zu kaufen und an Camelias Tür zu klopfen. Als sie ihm gut zureden wollten, war es so, als ob sich ihre Zungen aufgelöst hätten.

Sanda, seine Schwägerin, traute sich erst am letzten Urlaubstag, bevor sie ins Auto einstieg, um in die Stadt zurückzufahren, die Stille zu brechen:

„Geh und besuch zumindest den Jungen, das ist sonst schade.“

Nae, ihr Ehemann, warf ihr einen Blick zu, so als ob seine Augen Reißzähne waren. Als großer Bruder hatte er Nuțu ohne Worte beigestanden: Sie hatten zusammen auf der Veranda auf das Wochenende angestoßen, nach den Hühnern geschaut und waren ab und an ins Tal gelaufen, um sich zu vergewissern, dass auch hinter dem Tor nichts, wirklich nichts passierte.

Einen Monat später, als sie zum Kirchfest ins Dorf kamen, hatten sie vier Tage lang genau so verbracht, nur mit Trinken.

Bebe, Nuțus Schwager, war in diesem Sommer auch nicht in der Position, ihm irgendeinen Rat zu geben; die Vergangenheit hatte auch den Urlaub seiner Familie vermasselt: Eine der Kellnerinnen aus dem Kurort meinte, er sei der Vater eines ihrer Kinder und dass sie auf einen Vaterschaftstest bestehe.

Dumitrița, die jüngste von ihnen, konnte ihrem Mann, Bebe, auch nicht vertrauen. Sie hatte sich geschämt, mit ihm vor dem Lügendetektor der Mutter Aurelia, zu erscheinen, sodass sie nur einige Male, und dabei immun gegen Nuțus Drama, im Dorf aufkreuzten.

Seine andere Schwester, Dana, hasste ihn, weil er ihnen den Platz im Haus wegnahm und er nur noch mehr Schande über sie brachte, als er es bislang getan hatte. Aus Prinzip hatte Dana den ganzen Sommer lang nicht mit ihm gesprochen und ihre Tochter, Mădălina, angewiesen, das Gleiche zu tun.

Und seine Mutter…, seine Mutter traute sich nicht mehr, zu intervenieren; das hatte sie bereits bei dem älteren Sohn getan, und es war nicht gut ausgegangen.

 

Fünfzehn Jahre zuvor hatte Sanda, Naes Frau, ein paar Anziehsachen in eine Reisetasche geschmissen und sich zitternd mit ihrem kleinen Sohn auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Sie hatte eine Seitenstraße genommen, um nicht auf bekannte Gesichter zu stoßen. Auf dem Bahnsteig betete sie zu Maria, der Mutter Gottes, ohne ihren Sohn zu hören, der lispelnd nachfragte, ob die Züge auch nachts fuhren, ob der Onkel die Schienen von der Lokomotive aus sehen konnte, und noch so viel anderes.

An jedem kleinen Bahnhof, an dem jemand einstieg, sah sie in einem augenblicklichen Schimmer, in einem Metallgriff oder in einer gebrochenen Glasscheibe drohende Reißzähne und bekreuzigte sich mit der Zunge im Inneren des Mundes. Wie ein gefangenes Reh wartete sie auf die kalte Klinge, den Messerstich, der sie erlösen würde.

Auch Nae hatte die ersten Monate seine Frau und seinen Sohn nicht aufgesucht. In seinem Stolz verletzt, aus allen Richtungen mit scharfspitzigen Sprüchen der Nachbarn und Arbeitskollegen torpediert, genoss er die Umstände, in denen er sich befand; er hatte seine Freiheit wiedererlangt. Er konnte tun, was er wollte, ohne jemand anders berücksichtigen zu müssen. Hinzu kam noch, dass Sanda von ihren Ersparnissen nur Geld für die Fahrt mitgenommen hatte, sodass Nae eine Zeit lang königlich leben konnte; er aß in Restaurants und brachte die neugierigen Kollegen zum Schweigen, indem er Runden von Vodka und Bier schmiss. Im Austausch dafür bekam er Beteuerungen, dass er richtig gehandelt hatte, als er ihr gedroht hatte,  und dass man eine so hübsche Frau nur mit ficken und schlagen behalten könne, was ihn überzeugte, dass er den Jungen um jeden Preis dazu bringen musste, sich auf seine Seite zu schlagen. Der Kleine, Petru, gehörte rechtmäßig ihm; ohne ihn hätte Sanda ihn nie bekommen können. Es waren dieselben Männer, die Sanda in den letzten Monaten, bevor sie weggegangen war, ihr auf der Straße hinterhergepfiffen hatten, sich versteckt hatten, in Gelächter ausgebrochen waren und hinterher Nae erzählt hatten, sie würde jeden an sich ranlassen.

Nach einer Weile besuchte Nae seine Eltern und bat sie um ihre Hilfe, seinen Sohn wiederzusehen.

Was folgte, war eine Reihe zahlreicher Briefe zwischen Aurelia, Nică und den Eltern von Sănduța, die unter keinen Umständen ihre Tochter dazu überreden wollten, den Vater des Kindes wiederzutreffen.

 

 

Petru entdeckte die Briefe, die seine Großeltern väterlicherseits bekommen hatten, auf dem Dachboden des Ateliers, in einer Kiste, in der die Bücher seiner Tanten gelagert wurden, nachdem sie vom Internat zurückgekehrt und in den benachbarten Kurort arbeiten gegangen waren.

Es war nicht das erste Mal, dass der Junge auf dem Dachboden war. Diesen Sommer zog er allerdings komplett dort ein, weil es ihm peinlich war, auf Nuțu zu stoßen, dem die Tränen in die Augen stiegen, wenn er ihn sah, weil Petru seinem Sohn so ähnlich war und diese Konfrontation dem Mann sehr schwerfiel. Aus Langeweile fing Petru also an, das Atelier zu durchwühlen.

Wenn die Familie morgens nicht zur Feldarbeit ging, steckte sich der Junge einige Äpfel ein und flüchtete auf den Dachboden des heruntergekommenen Ateliers, da, wo ihn keiner vermutete.

Er war am Gymnasium zugelassen worden und nun gab es keinen einzigen Tag, an dem er nicht mit geöffneten Augen von dem Augenblick träumte, in dem er komplett von zu Hause ausziehen würde, träumte; er stellte sich vor, wie er endlich an der Uni angenommen würde, wie er für immerweggehen und seine Familie loswerden würde. Nuțus Geschichte entmutigte ihn allerdings –schau mal einer an, selbst wenn man geheiratet hat, verlässt man das Elternhaus nicht, selbst wenn man aus dem Gefängnis herauskommt, ist man nicht wirklich frei, vielleicht konnte man nur in den Tod fliehen, endlich, ein für alle Male, sagte er zu sich selbst, während er die Luke hinter sich zuzog und das Bein eines Webstuhls daraufstellte.

Es war ein regnerischer Monat. Kein Dorfbewohner konnte sich daran erinnern, dass es jemals so viel geregnet hatte; selbst wenn sich zwei über ihre Gläser gebeugte Männer daran erinnert hätten, hätten sie sich nicht einigen können. Dies hätte ihr Gespräch beendet, und ein besseres Gesprächsthema war nicht leicht zu finden; 1996 oder 1999, keiner konnte es genau sagen. Auch früher hatte es schon geregnet, aber wirklich nicht so viel…

Damals, 2000, als die Zäune brachen und die Gärten überschwemmt wurden.

Petru saß dort glücklich herum, weit weg von seinen Eltern, von seinen idiotischen Mitschülern, die er verdächtigte, glücklich zu sein, während sie sich auf die Schule vorbereiteten, nachdem sie vom Strand, der voller heißer, kurviger Körper übersät war – alle in unerreichbarer Ferne  von seinem Herzen – zurückgekehrt waren. Da oben, auf dem Dachboden, hatte er sich eine Ecke eingerichtet, die für ihn wie ein Zimmer war, das er in der Stadt, die nur noch aus Hochhäusern und Baustellen bestand, nie gehabt hatte.

An den Geruch der Sennerei hatte er sich leicht gewöhnt. Unter dem breiten Fenster, mit Sicht auf den Garten, hatte er ein Kuhfell ausgebreitet, das massive Radio daraufgestellt und aus den vielen Schafsfellen, die seine Oma da aufbewahrte, hatte er sich ein niedriges Liegesofa zurechtrückte. Die Kesselflicker, die zum Tausch gegen Schafsfell Waschschüsseln und Kochtöpfe anboten, hatten sie schon seit einigen Jahren nicht mehr aufgesucht, sodass die Stücke nun zerfielen, was der Oma, die ihren Preis kannte, Kummer bereitete.

Dahin hatte er die Kiste voller Bücher und Hefte, Märzchen, Postkarten, Hochzeitsanstecker und Glückwunschkarten geschleppt.

Rauchen tat er vorsichtig und überlegt, denn Dana gab ihm nur drei Zigaretten, bevor sie zur Arbeit ging, und er fand es peinlich, über den Zaun zu springen und Lucica nach Zigaretten zu fragen; selbst Mădălina konnte er nicht mehr hinschicken, so wie in anderen Jahren, dafür war sie schon zu groß. An den Stellen, an denen die Asbestplatten übereinandergestapelt waren, war Wasser eingedrungen, das jetzt über ein Schälchen tropfte, in dem Petru seine Zigaretten ausdrückte.

Mădălina war die Einzige, die sein Versteck kannte. In dem Fall, dass sie den Mut aufwies, zu ihm hochzukommen, brachte sie ihm auch etwas zu essen mit, und Petre heiterte sie auf, indem er ihr aus irgendeinem Liebesroman die verschiedenen Rollen mit verstellter Stimme  vorlas, oder einen Brief, falls er selbst melancholisch gestimmt war.

„Von wem ist dieser Brief?“

„Von Marceluş. Kennst du Marceluş?“

„Nein.“

„Ich kann mich auch nicht mehr an ihn erinnern. Nur aus den Erzählungen der anderen.“

„Trinkt er auch?“

„Wegen Alkohol ist er auch gestorben.“

„Wirst du auch trinken?“

„Ein wenig. Und nicht in Anwesenheit derer von hier. Ich werde es diesen Idioten zeigen.“

Mădălina lachte, als sie ihren Cousin so reden hörte, denn sie dachte genauso über die, aber sie brachte es nicht über die Lippen, sie Idioten zu nennen. Seine Worte verliehen ihr Kraft, sie verkörperten ihre Ideen, die eines armen, ängstlichen Mädchens, das in dem Zimmer aufwuchs, in dem auch ihre Mutter aufgewachsen war, und überzeugten sie, dass es doch einen Ausweg gab; ihre Vorstellungen blieben jedoch auf halbem Wege stehen, wie zwei dürre Läufer, auf die die Waffen gerichtet waren. Im Gegensatz zu Petru sah sie keinen Ausweg und erlaubte sich nicht, danach zu suchen.

„Was machen die anderen? Hocken sie immer noch im Haus herum, von einem Sofa auf das andere?“, fragte der Junge manchmal, wütend wegen der Unfähigkeit der Erwachsenen, von der er Angst hatte, sie geerbt zu haben und sie nie loszuwerden. Dann hob das Mädchen ihre Schultern, so als ob sie sagen wollte, es sei nicht ihre Schuld; sie war genauso wenig schuldig am Versagen aller, selbst wenn sie das ganze Jahr über dort wohnte. Zumindest war es das, was Petru aus den Bewegungen ihres langgezogenen und spitzen Körpers deutete; manchmal seufzte er und setzte die Lektüre fort, ignorierte Mădălina bösartig und frustriert, die sich dann unerwünscht fühlte und wegging, manch anderes Mal fühlte er sich verpflichtet, ihr ein paar liebe Worte zu sagen.

„Wenn ich meinen Gymnasialabschluss habe, dann gehe ich studieren… Und wenn du dann hier mit der Schule fertig bist, werde ich schon eine Arbeit haben und ich werde dich zu mir holen, damit du aufs Gymnasium gehen kannst und nicht knechten musst. Selbst jetzt würde ich dich mitnehmen, aber wohin?“

Dann schämte sich Mădălina, als sie hörte, was für Pläne er für sie hatte.

Seitdem sie sich kannten, verstanden sie sich gut. Petru war für sie mehr als ein Cousin gewesen; in dem Sommer allerdings fing er an, sich merkwürdig zu verhalten. Manchmal erschrak er sie mit seinen Ausrastern, vor allem mit dem, was er sagte.

Zum Beispiel, dass ihre Großmutter daran schuld war, dass sich Nuțu von Casiana getrennt hatte, weil sie eine Glucke war und ihren Kindern nicht erlaubte, es im Leben zu etwas zu bringen. Oder dass Bebe Dumitrița schlug. Das habe er aus ihrem Munde gehört. Dumitrița sei eines Winters zu ihm und seiner Mutter in die Einzimmerwohnung gekommen und habe dort geweint. Und dass Bebe ein Kind mit einem Flittchen aus dem Kurort, in dem er mit seinen Kumpels drei Tage und drei Nächte saufen gegangen war, hatte. Dana, ihre Mutter, sollte lieber neu heiraten und nicht in dem Haus der Großeltern wohnen, weil sie kein kleines Kind sei, das am Rockzipfel seiner Mutter hängt, vor allem, weil Nuțu nun auch dort eingezogen war.

Manchmal erzählte er ihr auch schöne Sachen und ließ sich dann aber von Kleinigkeiten ärgern.

Einmal hatte er sie in eine Ecke geschoben und sie gewürgt. Dann hatte er angefangen, zu lachen, sie zu umarmen und ihr zu versichern, dass es nur Spaß war.

Letztes Mal hatte er ihr erzählt, dass seine Mutter schwanger gewesen war, sie aber ein totes Kind zur Welt gebracht hatte. Das habe er aus einem Brief erfahren, den er in dem Koffer gefunden hatte. Petru hatte den Dialekt und zusätzlich auch die kindliche Schrift seiner Großmutter Maricica erkannt, die eine problematischen Orthographie und die gleichen Kurven und Rundungen aufwies, wie die auf der Rückseite der Postkarte mit der  Büste von Ştefan cel Mare[1],  auf  der sie, Opapa und seine zwanzig Cousins und Cousinen ihm jedes Jahr Ende Februar viel Gesundheit und alles Gute zum Geburtstag wünschten.

 

Liebe Gegenschwäher,

erfahrt über uns, dass es uns gut ergeht, wir haben hier gut zu tun, Savin im Lager bei der landwirtschaftlichen Genossenschaft, ich auf dem Feld und zu Hause. Mir düngt, ich habe dieses Jahr zu viel rote Beete geholt, und Schnittlauch habe ich auch besorgt, und dann sind auch noch die Tiere da, und um die Weinrebe herum muss der Boden gehackt werden… Der Herr wird uns aber helfen und wir werden bis zum Heiligen Dumitru alles hinbekommen.

Wie geht’s euch? Wie sieht es mit eurer Gesundheit aus? Geht es dem Magen des Gegenschwähers besser?

Ich bete für dich, Aurelia, und für Ionică, für alle, für Nae bete ich auch, auch wenn er falsch gehandelt hat und meine Săndica gequält hat. Wer weiß, was in seiner Birne war, zumal er auch säuft. Alkohol tut nicht gut, wenn er nicht in Maßen getrunken wird.

Als Mutter hat man es schwer, und ich kann das verstehen. Keinem fällt es leicht, sein Kind geschieden zu sehen, aber glaube mir, Aurelia, mir fiel es auch schwer, mein Mädchen um vier Uhr morgens mit Petrică, eingeschlafen in ihren Armen, dünn wie eine Bohnenstange, zu sehen und von ihr zu erfahren, was ihr Nae alles gesagt hatte und wie er ihr gedroht hatte, bevor sie wegging, was er ihr antun würde, wenn er von der Arbeit komme. Es gehört sich in einer Familie nicht, jemandem solche Wörter zu sagen. Ich kann sie nicht einmal aufschreiben, das wäre eine Sünde und eine Schande.

Wir haben ihr geraten, sich mit ihm zu versöhnen, das will sie aber nicht.

Das ganze Dorf verspottete uns, als sie ohne ein einziges gutes Kleidungsstück und ohne Ehemann mit dem Kleinkind an der Hand, man konnte es sofort sehen, auch noch schwanger hier ankam. Auf dem Lande sind die Menschen boshaft, das weißt du doch. Sie richten und denken nicht daran, dass sie dadurch nur noch mehr Kummer bereiten.

Gegenschwäherin, das ist überhaupt keine leichte Sache. Der Junge hatte auch nicht was weiß ich was für Kleidung, wir mussten ihm welche kaufen. Nae wollte anfangs nichts darüber hören, nicht einmal Petricăs Sachen wollte er verschicken, nichts. Er war verärgert oder keine Ahnung was los war, aber das war nicht in Ordnung, denn was für eine Schuld hatte der Junge daran, kein Spielzeug zu haben? Sag du mal, Gegenschwäherin, ob dir das nicht das Herz bricht.

Nicht nennenswert… Vergebens hat er ihm jetzt Spielzeug und Geld geschickt, wo er ihm doch anfangs nicht einmal das Kindergeld geben wollte, damit ihm Săndica mal einen Keks kaufen konnte. Ich bedauere, dass ich das sagen muss, aber du hast ihm das auch nicht gut beigebracht. Zumindest so viel hättest du ihm sagen können: Hör mal zu, Junge, es ist dein Kind, schick Geld. Du weißt nicht, in welchem Zustand Sănica war, mit ihrer problematischen Schwangerschaft, die sie im siebten Monat verlor. Das Kind war schon groß in ihr. Und jetzt ist sie dünn wie ein Brett, der Wind pustet sie um, nicht mal zum Sprechen hat sie Kraft, um mit eigenem Mund zu sagen, was sie braucht.

Petrică fragt uns, wann der Storch kommt, weil er mit seiner Schwester spielen möchte, und wir können ihm nichts sagen. Der Arme ist zu klein und kann das nicht verstehen.

Was in ihrer Seele ist, die des armen Mädels… Das wünsche ich keinem.
Von den vielen Gedanken und Problemen kam das. Nae hätte ihr zumindest schreiben und nach ihrer Gesundheit fragen können. Vergeblich möchte er jetzt, dass ihr uns besucht, um Petrică zu sehen und Săndica gut zuzureden. In ihrem jetzigen Zustand werdet ihr nichts erreichen. Ihr lasst sie lieber in Ruhe, damit sie sich erholen kann.

Das sage ich dir, Mama Aurelia, weil du auch Töchter hast. Du sollst mit ihnen nicht das Gleiche durchmachen, was wir hier durchgemacht haben…

Gott im Himmel ist aber groß und bedenkt uns alle mit seinem Schutz. Von ihm ist auch mein guter Gedanke, den ich euch schreibe: Lasst uns noch warten. Das kannst du auch Ionică ausrichten. Als Eltern steht es uns nicht zu, uns einzumischen. Wir wollen nur das Beste für sie.

Ich wünsche euch viel Gesundheit und viel Kraft für alles, was bei euch ansteht, gutes Wetter für die Heuernte und die Kartoffelernte, Verständnis in der Familie und Ruhe. Wir treiben keinen Keil zwischen euch und sie, weder ich noch Savin, der euch von hier, an meiner Seite, alles Gute wünscht. Bitte versteht aber, dass es sich um unsere Tochter handelt, und wir möchten sehen, dass es ihr gut geht.

Den Jüngsten viel Erfolg in der Schule!

Maricica und Savin

[1] Moldawischer Herrscher aus dem XV. Jahrhundert

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