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#face2face: Alexandru Bulucz und Florentin Popa

Im Jahr 1992 wurde in Bukarest zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien der Vertrag über freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft in Europa unterzeichnet. Im Jahr 2022 initiiert DLITE Face2Face, eine Reihe von Gesprächen zwischen Schriftsteller:innen aus beiden Ländern, um die Entwicklung und die Vielfalt der zeitgenössischen Ausdrucksformen dieser Kulturen zu erforschen.

Schriftstellerinnen, Schriftsteller oder Schriftsteller:in? Wie stehen Sie zu den Diskussionen, die im Zuge der Bemühungen um die Gleichstellung der Geschlechter, insbesondere in der Kunst, entstanden sind?

Alexandru Bulucz: Logischerweise „Schriftsteller:innen“. Die Geschlechterbinarität „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ ist überwunden. Daneben gibt es ja weitere Geschlechtsidentitäten, was das Wort „Schriftsteller:innen“ gut erfasst. Die Überwindung der Geschlechterbinarität ist natürlich nicht in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Dort, wo sie noch nicht angekommen ist, muss man argumentativ tätig werden und sich um Konsens bemühen, den man flächendeckend nicht über Gesetzeserlasse wird erreichen können, denke ich als Pessimist, sondern anders, und zwar derart, dass man dafür keine Gesetze mehr braucht. Auch wenn ich zugeben möchte, dass Gesetze betreffs Sprache auch dann etwas anstoßen können, wenn kein mehrheitsgesellschaftlicher Konsens gegeben ist.

Florentin Popa: Ich plädiere für die Freiheit jedes Einzelnen, sich aufgrund seiner eigenen Bedürfnisse  und Bestrebungen zu definieren. Es ist unsere kollektive Pflicht, diese Entscheidungen zu respektieren. Ich finde es als eine Bereicherung, dass die rumänische Sprache über eine weibliche und eine männliche Form dieses Wortes (A.Ü. Schriftsteller:in) verfügt. Es ist kaum zu glauben, wie manche Menschen versuchen, die Entscheidungsfreiheit zu beschränken, da wo selbst die Grammatik es nicht vorsieht. Die Sprache ist letztendlich nur ein Werkzeug, durch das sich die Menschen ihre Realität konstruieren. Es würde mich freuen, wenn wir aus Mitgefühl eine geschlechtsneutrale Bezeichnung finden/annehmen würden, die besser ist als dieses universelle Maskulinum. Was die Gleichstellung der Geschlechter betrifft: Es freut mich, dass uns immer mehr bewusst wird, wie notwendig sie ist, gleichwohl macht es mich traurig, dass wir immer noch relativ wenig in dieser Hinsicht bewegen. Und ich versuche es mir  immer wieder bewusst zu machen, dass diese erst eine der Gleichstellungen ist, die wir erlangen müssen.

Kann man von Geschlechterdiskriminierung in der deutschen/rumänischen Literaturszene sprechen?

Alexandru Bulucz: Ja, das denke ich schon. Queere Literatur ist weiterhin unterrepräsentiert. Postkoloniale Literatur auch. Osteuropäische auch. Oder ein anderes Beispiel: In der Literaturkritik ist es wichtig, sich bewusst zu werden, wer über wen schreibt und wie. Dazu gibt es inzwischen vermehrt Statistiken.

Florentin Popa: Ja: Wir können uns mit der  Diskriminierung in der rumänischen Literaturszene auseinandersetzen, aber das bedarf mehr Platz als eine Seite mit Schriftgröße Times 12😊 Diskriminierung existiert und bezieht sich nicht nur auf Geschlecht, sexuelle Orientierung oder ethnische Herkunft, sondern auf fast jede Form von Nonkonformität, Andersartigkeit oder Otherness’ – was zumindest merkwürdig ist, in Anbetracht der Tatsache, dass sich Kunst gerade durch diese „gegenkulturellen” Zweige weiterentwickelt. Ich hoffe, dass wir uns nach und nach abgewöhnen werden, individuell einzigartig zu sein und es lernen werden, gemeinsam unterschiedlich zu sein; dass – selbst wenn der Tisch nicht perfekt rund sein kann – wir alle drumherum sitzen können.

Welche Bedeutung wird den Literaturpreisen eingeräumt?

Alexandru Bulucz: Ihnen wird weiterhin ein hoher Stellenwert beigemessen. Vielleicht ein zu hoher. Die Findung alternativer Formen der Legitimierung lesenswerter Literatur bleibt das langfristige Ziel.

Florentin Popa: Literaturpreise zu gewinnen – mit einigen Aussnahmen – ist cool, aber noch cooler ist es,  sie abzulehnen. Das sage ich, mir meiner doppelten Moral bewusst, während ich auf einem Stuhl sitze, den ich mir von Preisgeldern gekauft habe. Was die Bedeutung der Literaturpreise reduziert, zumindest in meiner Betrachtung, ist der Mangel an Vielfalt. Gut, dass sich das  in letzter Zeit verbessert. Traurige Tatsache ist auch,  dass die Preise  indirekt  mehr über die Jury aussagen, als über die Autor:innen selbst. Eine Jury die aus Peers und nicht nur aus Kritiker:innen besteht, wäre eine mögliche Verbesserung.. Hinzu kommt noch das Format nach dem Motto the winner takes it all – Schriftsteller:innen mit gleichwertigen Werken (ich würde nicht wagen „vergleichbare” zu sagen) wie die der Gewinner:innen bekommen keine Anerkennung, wenn höchstens durch eine Nominierung. Also nur eine Einladung zu der Party von jemand anders, wo man mit geschlossenen Türen erwartet wird.

Welches sind die Stärken der deutschen / rumänischen Gegenwartsliteratur? Welche Möglichkeiten hat man zur Verfügung, um das Interesse an der eigenen Literatur zu steigern und gute Beziehungen auf literarischer Ebene zu pflegen?

Alexandru Bulucz: Die deutsche Gegenwartsliteratur wird vielfältiger. Historisch Marginalisierte erheben hörbar ihre Stimmen. Dass kann selbst einen Gemäßigten wie mich bisweilen irritieren. Aber der Fehler ist fast immer bei einem selbst zu finden, also bei mir, dem Irritieren. Denn es geht oft um Wissen, das man selbst lange Zeit außer Betracht gelassen oder bewusst ignoriert hat. Die Irritation ist etwas Positives, sie macht Wissen zugänglich.
Zur Steigerung von Interesse an Literatur: Da bin ich eher konservativ: Als Autor muss man, denke ich – und ich sage es mit einem Wort des österreichischen Autors Josef Winkler –, „stoffsicher“ sein, und aus der „Stoffsicherheit“ ist die Form abzuleiten, die dem Stoff angemessen ist. Das klingt sehr allgemein, stellt sich aber bei jedem Stoff als singulär da. Denn jeder Stoff ist eine einzigartige formale Angelegenheit.
Für die Findung und Pflege guter Beziehungen im Literaturbetrieb gibt es keine Formel. Es muss soviel stimmen dabei, damit Begegnungen im emphatischen Sinne stattfinden können. Ein Ernst der Auseinandersetzung sollte vorhanden sein, ein möglichst vergleichbares intellektuelles Niveau etc.

Florentin Popa: Ihre hauptsächliche Stärke ist – und meiner Ansicht nach criminally underrated  – ein gewisser Hang zur Innovation, ein lowkey Hunger nach Erneuerung. Die zweite Stärke ist – vor allem im Falle der sehr jungen gegenwärtigen Literatur – die Offenheit gegenüber der New Media und der universellen Literatur. Ich gebe zu, dass ich an dieser Stelle mit meiner Ignoranz  glänze, aber my two Cents / meine zwei Cent sind Dlite und Poesis Internațional; mir sind keine anderen derartigen literarischen Brücken  bekannt. Call me old-fashioned, aber ich denke  folgendes: Wenn man sich auf ein demokratisches Bier mit Schriftsteller:innen trifft und bis 3-4 Uhr in der Nacht quatscht, kann das auch viel bewirken, viel mehr (auf natürliche Art und Weise und nachhaltiger) als etliche Projekte des Rumänisches Kulturinstituts.

Gibt es eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller aus Rumänien / Deutschland, mit dem Sie sich verbunden fühlen?

Alexandru Bulucz: Mich interessieren v.a. meine Schicksalsgenossen, d.h. jene, die wie ich in Rumänien geboren wurden und irgendwann emigriert sind: die Rumäniendeutschen, dann Aglaja Veteranyi, Eugène Ionesco, Emile Cioran, Mircea Eliade u.v.a.m. … Es gibt eine Stelle bei Marta Petreu, wo sie sich darüber wundert, dass es sich bei diesen Autoren oft um „rumänische“ Themen handelt, auch dann, wenn sie längst nicht mehr auf Rumänisch schreiben. Das finde ich interessant, und ich kann es bestätigen. Hier kommt etwas zum Tragen, das der russische Schriftsteller Alexander Sinowjew wie folgt erfasst hat: „Menschen emigrieren, ihre Seele tun es nicht.“

Florentin Popa: Für eine gewisse Zeit war ich Fanboy Novalis – aber ich fürchte, ich weiß nicht allzu viel über die deutsche Gegenwartsliteratur. Anderseits fühle ich mich etlichen deutschen Künstler:innen aus dem Bereich der experimmentellen Ambient- und Elektromusik nahe: Hauschka, Gas, Tangerine Dream und in letzer Zeit Hainbach – dessen Album auf Grundlage einer alten Technologie entstanden ist (Impulsgenerator). Die Videos, in denen er manchmal die vierte Wand durchbricht und über Musikproduktion/Equipment, aber auch über die Herausforderungen, die ihm als Künstler begegnet sind, haben mich in letzter Zeit sehr viel beeinflusst (das und seine Pullover-Ästhetik). Aus diesem Video habe ich gelernt, meine Erfolge zu feiern.

Sie haben die Grenzen der Literatur, des klassischen Schreibens an sich, durchbrochen und haben neue Formen ausprobiert. Auf welche Ressource haben Sie zurückgegriffen? Welches Ihrer Bücher hat am meisten zu Ihrer persönlichen Entwicklung und der Ihres literarischen Werdegangs beigetragen? 

Alexandru Bulucz: Die Ressource ist leicht genannt: die eigene Biografie (samt der Lektürebiografie), denn wenn man aus ihr schöpft, ist die oben erwähnte Stoffsicherheit automatisch gegeben. Ich habe schon den Eindruck, dass das biografische resp. autofiktionale Schreiben auf dem Vormarsch ist. Aber es darf dabei nicht um eine Konkurrenz der Biografien gehen. Man muss sich Biografien, die Stoffe, als Mücken vorstellen, und die aus ihnen hervorgegangenen Literaturen als Elefanten. Schreiben ist demnach: aus einer Mücke einen Elefanten machen. Am Elefanten wird das ästhetische Ausmaß der persönlichen biografischen Last deutlich.
Am meisten zu meiner persönlichen und literarischen Entwicklung hat vielleicht meine Begegnung mit dem Philosophen Dieter Henrich beigetragen, mit dem ich zwei Projekte realisiert habe. Wie er über das Leben nachdenkt, hat mich nachhaltig beeindruckt.

Florentin Popa: Ich glaube nicht so wirklich an „Literatur und ihre Grenzen”; solche Konstrukte sind irgendwie lebensfern, abgestanden, stale. Ich mache Musik, wenn ich nicht schreiben kann, und ich schreibe, da, wo ich keine Musik machen kann; angefangen habe ich mit einer Software und jetzt habe ich auch einige Hardware-Synthesizer. Sehr oft wurde ich dabei von Gemeinschaften unterstützt, die sehr wholesome zu mir waren (was man in der Literaturszene selten findet). Jeder Gedichtband von mir ist nicht ein Meilenstein, sondern ein Meilenfluss.

Übersetzt von Manuela Klenke

Alexandru Bulucz: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandru_Bulucz
Florentin Popa: https://omgpublishing.ro/florentin-popa-2/

Andra Rotaru
Andra Rotaru
Andra Rotaru (n. 1980) a realizat proiecte la intersecția dintre arte: performance-ul de dans Lemur, prezentat de coregraful Robert Tyree în America și în Europa; documentarul All Together, realizat în cadrul rezidenței The International Writing Program (Universitatea din Iowa, 2014); Photo-letter pairing (fotografie, proiect realizat în colaborare cu numeroși artiști și cu comunitatea din Iowa). Volume publicate: Într-un pat, sub cearșaful alb (2005), Ținuturile sudului (2010); Lemur (2012); Tribar (2018). Lemur a primit premiul „Tânărul poet al anului”, în cadrul Galei Tinerilor Scriitori (2013). Volumul de debut a fost tradus in spaniolă (En una cama bajo la sábana blanca, editura Bassarai, 2008). În 2018, Lemur a apărut la editura americană Action Books (traducere de Florin Bican). Volumul Tribar urmează să apară în Germania, la ELIF VERLAG, în traducerea lui Alexandru Bulucz.

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