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#face2face: Bogdan-Alexandru Stănescu und Nadja Küchenmeister

Im Jahr 1992 wurde in Bukarest zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien der Vertrag über freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft in Europa unterzeichnet. Im Jahr 2022 initiiert DLITE Face2Face, eine Reihe von Gesprächen zwischen Schriftsteller:innen aus beiden Ländern, um die Entwicklung und die Vielfalt der zeitgenössischen Ausdrucksformen dieser Kulturen zu erforschen.

Schriftstellerinnen, Schriftsteller oder Schriftsteller:in? Wie stehen Sie zu den Diskussionen, die im Zuge der Bemühungen um die Gleichstellung der Geschlechter, insbesondere in der Kunst, entstanden sind?

Nadja Küchenmeister: Diese Frage verdiente eine längere Antwort als jene, die ich hier geben kann. Es reicht nicht, die Gleichstellung der Geschlechter als Wunsch zu formulieren, sie muss auch sichtbar gemacht werden, nicht zuletzt in der Sprache. Es ist wichtig, darüber im Gespräch zu sein und die Entscheidungen der/des anderen zu verstehen. Ich arbeite an einer Kunsthochschule und unterrichte dort Literarisches Schreiben. Im schriftlichen Verkehr verwende ich das Sternchen (Schriftsteller*in), im mündlichen Austausch spreche ich von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, manchmal wähle ich auch nur die weibliche Form, dann wieder die männliche. Sprache darf flexibel sein, und sie verändert sich ständig, aber Veränderungen in der Sprache allein verändern noch immer nicht die Bedingungen.

Bogdan-Alexandru Stănescu: Die Gleichberechtigung interessiert mich im wahrsten Sinne des Wortes. Obwohl mich das Grauenvolle und die Ungerechtigkeit, die ich tagtäglich verdaue, beschäftigen, interessiert mich die Gleichberechtigung, weil ich mir einen normalen Literaturmarkt wünsche. Davon sind wir in Rumänien weit entfernt. Erst wenn die rumänische Literatur eine Vielfalt von Stimmen, Stilen und Themen aufweisen wird, werden wir einen gewissen Einfluss auf die Leserschaft haben können, und dann auf das gesamte Verlagswesen. Die Gleichberechtigung ist ein zusätzliches Problem in einem viel breiteren Kontext, denn in diesem Beruf stößt man auf soziale sogar „chronische” Ungleichheit: Es ist eine Berufung, die Isolation erfordert, eine erst freiwillige und dann erzwungene Entfernung vom lebhaften Gesellschaftskern. Da es aber mehr als nur eine Berufung ist, eher ein Zwang, eine krankhafte Monomanie, kommt es zur Isolation zweites Grades. Wenn man dazu die Geschlechterungleichheit als Isolation drittes Grades hinzurechnet, wird es für eine Künstlerin kein Spaziergang werden, ihren Beruf zu praktizieren. Armut, Wahnsinn, Diskriminierung!

Kann man von Geschlechterdiskriminierung in der deutschen/rumänischen Literaturszene sprechen?

Nadja Küchenmeister: Ja, das kann man, und das würden wohl noch nicht einmal jene leugnen, die davon profitiert haben und immer noch profitieren.

Bogdan-Alexandru Stănescu: Selbstverständlich! Schauen Sie sich die „traditionellen” Literaturjurys an oder die Führungskräfte in der Branche. Wenn man nur das Oberflächliche betrachtet und nicht in die Tiefe geht, stößt man auf Verachtung und Mikro-Männlichkeit. Allerdings glaube ich, dass sich in letzter Zeit etwas  unter der Obhut allgemeiner gesellschaftlicher Veränderungen tut und ich bin zuversichtlich, dass diese Veränderungen der gesellschaftlichen Wahrnehmung weiterhin eintreffen werden. Es ist eine unnaufhaltsame Bewegung, die den im Schlechten verharrenden Literaturtitanen Schrecken und Furcht einjagt.

Welche Bedeutung wird den Literaturpreisen eingeräumt?

Nadja Küchenmeister: Preise schaffen Aufmerksamkeit für die Arbeit von Schriftsteller*innen, sind Ermutigung, und können einem für eine gewisse Zeit Ruhe verschaffen, weil man sich ohne finanziellen Druck aufs Schreiben konzentrieren kann. Preise führen aber auch nicht selten zu Neid bei jenen, die sich übergangen fühlen. Das war auch nie anders.

Bogdan-Alexandru Stănescu: Hier kann ich mir keine Objektivität zugestehen, denn sonst würden meine Äußerungen aufgesetzt wirken. Die Wichtigkeit der Literaturpreise  ist nur in der Literaturwelt von Bedeutung; sie sind wie eine Erfolgsbilanz, eine Liste die in einer Vitrine hängt, in einem verschlossenen Museum, das nur einmal im Monat von einer Person betreten wird, die den Staub wischt für diejenigen, die später vorbeischauen, um ihre Trophäen zu bewundern. Es gibt Preise, die ich respektiere, weil sie sich als objektiv erwiesen ( Observator, Radio România usw.), aber der Rest, die breite Masse dieser „Festen” haben keine andere Rolle, außer einige lächerlichen Geldsummen dem örtlichen Klientel zuzuschieben. Und abschließend ein Klischee: Wir schreiben doch nicht für Preise, oder? Zumindest hoffe ich das. Na gut, da gibt es auch noch  Kingsley Amis’ bekannte Aussage, der meinte, dass Literaturpreise Diebstähle seien, es sei, man wird selbst damit ausgezeichnet.

Welches sind die Stärken der deutschen / rumänischen Gegenwartsliteratur? Welche Möglichkeiten hat man zur Verfügung, um das Interesse an der eigenen Literatur zu steigern und gute Beziehungen auf literarischer Ebene zu pflegen?

Nadja Küchenmeister: Über die Stärken DER deutschen Gegenwartsliteratur kann ich nichts sagen, weil es DIE deutsche Gegenwartsliteratur nicht gibt. Um das Interesse an der eigenen Literatur zu steigern, könnte es hilfreich sein, gut zu schreiben. Aber auch Qualität (jede*r versteht etwas anderes darunter) setzt sich nicht immer durch.

Bogdan-Alexandru Stănescu: Ich denke, man kann nicht mehr über nationale oder allgemeine Merkmale der Gegenwartsliteratur sprechen. Was ich sehe ist eine Vielfalt von Stimmen, Stilen, Themen, dargestellten Umfeldern. Und das ist meiner Meinung nach das Zeichen für eine Literatur, die im Kommen ist. Zurzeit „verkauft” man nur auf individueller Ebene Titel, die ausgefallen sind trotz der Tatsache und nicht weil sie aus Rumänien kommen. Nicht die Nationalität ist der entscheidende Faktor. Die Konsequenz davon ist ein gutes Marketing für individuelle Titel. Das muss man akzeptieren und so hinnehmen. Im ersten Studienjahr habe ich Toba de tinichea/Die Blechtrommel gelesen, Nach einigen (nicht vielen) Jahren hatte ich das Vorrecht Günter Grass’ rumänischer Verleger zu werden. Ich würde sagen, das war die entscheidendste Begegnung, die ich mit der deutschen Gegenwartsliteratur hatte. Dann durfte ich eine schöne Erfahrung mit einem der Romane von Juli Zeh (leider der  Einzige aufgrund von mangelnder Begeisterung von Seiten des Publikums). Ich habe Saša Stanišić’ Roman Cum repară soldatul gramofonul/ Wie der Soldat das Grammofon repariert genossen und die Übersetzung lektoriert. Ganz besonders mag ich Herta Müllers Literatur und zurzeit bin ich ein leidenschaftlicher Leser von Daniel Kehlmann. Die klassischen Werke habe ich selbstverständlich außen vor gelassen, Goethe  usw.

Gibt es eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller aus Rumänien / Deutschland, mit dem Sie sich verbunden fühlen?

Nadja Küchenmeister: M. Blecher.

Bogdan-Alexandru Stănescu: Im ersten Studienjahr habe ich Toba de tinichea/Die Blechtrommel gelesen, Nach einigen (nicht vielen) Jahren hatte ich das Vorrecht Günter Grass’ rumänischer Verleger zu werden. Ich würde sagen, das war die entscheidendste Begegnung, die ich mit der deutschen Gegenwartsliteratur hatte. Dann durfte ich eine schöne Erfahrung mit einem der Romane von Juli Zeh ( leider der  Einzige aufgrund von mangelnder Begeisterung von Seiten des Publikums). Ich habe Saša Stanišić’ Roman Cum repară soldatul gramofonul/ Wie der Soldat das Grammofon repariert genossen und die Übersetzung lektoriert. Ganz besonders mag ich Herta Müllers Literatur und zurzeit bin ich ein leidenschaftlicher Leser von Daniel Kehlmann. Die klassischen Werke habe ich selbstverständlich außen vor gelassen, Goethe  usw.

Sie haben die Grenzen der Literatur, des klassischen Schreibens an sich, durchbrochen und haben neue Formen ausprobiert. Auf welche Ressource haben Sie zurückgegriffen? Welches Ihrer Bücher hat am meisten zu Ihrer persönlichen Entwicklung und der Ihres literarischen Werdegangs beigetragen?

Nadja Küchenmeister: Jedes meiner Bücher sagt etwas über die Fähigkeit der Autorin aus, die ich zum Zeitpunkt (dieser Zeitpunkt erstreckt sich über mehrere Jahre) der Arbeit daran war. Das letzte Buch ist einem demnach wahrscheinlich immer am nächsten. Es ist aber ein gutes Zeichen, wenn man nach einer gewissen Zeit auch mit dem letzten Buch nicht mehr ganz zufrieden ist. Wenn man an sich beobachtet, dass man denkt: Dieses und jenes hätte ich besser machen können, ist das nicht zuletzt die Voraussetzung dafür, ein neues Buch zu beginnen.

Bogdan-Alexandru Stănescu: Die einzige Grenze, die ich überschritten habe, hat mit dem Beruf zu tun, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Ich bin Verleger und dadurch konnte ich viel mehr lesen, als ich es sonst getan hätte, sowie Profis aus dem Verlagswesen kennenlernen und Mechanismen verstehen, die nicht immer sehr angenehm sind. Ich habe als Essayst debütiert, dann habe ich Lyrik geschrieben und bin dann zum Essay zurückgekehrt. Das Buch, das meine Sichtweise auf mich selbst und den Bezug den ich zur Welt aufgebaut habe, verändert hat, war Copilăria lui Kaspar Hauser/Kaspar Hausers Kindheit. Damit fing die Suche an.

Übersetzt von Manuela Klenke

Nadja Küchenmeister: https://de.wikipedia.org/wiki/Nadja_K%C3%BCchenmeister

Bogdan-Alexandru Stănescu: https://thesusijnagency.com/bogdan-alexandru-stanescu/

Andra Rotaru
Andra Rotaru
Andra Rotaru (n. 1980) a realizat proiecte la intersecția dintre arte: performance-ul de dans Lemur, prezentat de coregraful Robert Tyree în America și în Europa; documentarul All Together, realizat în cadrul rezidenței The International Writing Program (Universitatea din Iowa, 2014); Photo-letter pairing (fotografie, proiect realizat în colaborare cu numeroși artiști și cu comunitatea din Iowa). Volume publicate: Într-un pat, sub cearșaful alb (2005), Ținuturile sudului (2010); Lemur (2012); Tribar (2018). Lemur a primit premiul „Tânărul poet al anului”, în cadrul Galei Tinerilor Scriitori (2013). Volumul de debut a fost tradus in spaniolă (En una cama bajo la sábana blanca, editura Bassarai, 2008). În 2018, Lemur a apărut la editura americană Action Books (traducere de Florin Bican). Volumul Tribar a apărut în Germania, la ELIF VERLAG, în traducerea lui Alexandru Bulucz (2022). De asemenea, a apărut în SUA, la Saturnalia Books, traducere de Anca Roncea (2022).

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