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#face2face: Cătălin Pavel und Henning Ahrens

Im Jahr 1992 wurde in Bukarest zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien der Vertrag über freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft in Europa unterzeichnet. Im Jahr 2022 initiiert DLITE Face2Face, eine Reihe von Gesprächen zwischen Schriftsteller:innen aus beiden Ländern, um die Entwicklung und die Vielfalt der zeitgenössischen Ausdrucksformen dieser Kulturen zu erforschen.

Schriftstellerinnen, Schriftsteller oder Schriftsteller:in? Wie stehen Sie zu den Diskussionen, die im Zuge der Bemühungen um die Gleichstellung der Geschlechter, insbesondere in der Kunst, entstanden sind?

Cătălin Pavel: Ich denke, man kann als Gesprächsbasis die Aussage von Karl Barth nehmen. Er ist ein bekannter Theologe, der des Öfteren von den Feministinnen kritisiert, in letzter Zeit jedoch teilweise rehabilitiert wurde. Barth spricht in seinem Buch „Kirchliche Dogmatik” über Mann und Frau und meint, sie wären „nicht ein A und ein anderes A, (…) absolut gleich und also umkehrbar“, sondern „ein A und ein B“. (Eine Metapher, die wie für Schriftsteller und Schriftstellerinnen geschaffen ist.) Diese A und B können nicht gleichgestellt werden, besitzen aber die gleiche „innere Würde“. Ihre formelle Anordnung – B folgt dem A – ist das Einzige, was den Anschein einer Ungleichheit erweckt. „sie tut es aber nicht, ohne sofort ihre Gleichheit zu bestätigen”.

Henning Ahrens: Die Gleichstellung der Geschlechter ist unbedingt erforderlich. Die Frage ist nur, ob Schreibweisen wie „Schriftsteller:innen“ tatsächlich ein neues Bewusstsein schaffen können. Wenn ich bedenke, dass es in Deutschland vermehrt Nazis und Rechtspopulisten gibt, obwohl im Hinblick auf die Nazi-Diktatur seit Jahrzehnten eine Fülle sprachlicher Tabus und Regelungen gelten, habe ich gewisse Zweifel an der Wirksamkeit. Die Macht der Wörter ist begrenzt; Gleichstellung muss wohl vor allem im alltäglichen Miteinander praktiziert werden.

Kann man von Geschlechterdiskriminierung in der deutschen/rumänischen Literaturszene sprechen?

Cătălin Pavel:  Diese Frage erinnert mich an eine Szene aus einem Stummfilm von Buster Keaton. Da wurde ihm, wie denn sonst, die Lokomotive gestohlen. Keaton und seine Geliebte schaffen es mit einer Dampflokomotive dem Dieb auf die Spur zu kommen. Sie brauchen Vollgas, weshalb er zu ihr herüberschreit, so versteht man das, „hilf mir! tu doch was!“. Daraufhin fängt sie an, zu kehren. Er fasst sich an den Kopf und zeigt mal auf die Holzscheite, mal auf das Feuer, was zur Folge hat, dass sie etwas, das einem Strohhalm ähnelt, ins Feuer wirft. Danach fängt die Szene an, die ich eingangs erwähnt habe: Buster Keaton packt Annabelle am Hals und würgt sie, dann hört er auf und küsst sie leidenschaftlich. Ich habe nicht vor, mich mit den Stereotypen aus den 1920 Jahren anzulegen, ich möchte zu verstehen geben, dass das Problem der Diskriminierung, in all ihrer Ausprägung, nicht durch ausgleichendes Übermaß gelöst werden kann, heute wird man gewürgt, morgen geküsst und so weiter.

Henning Ahrens: Sicher nicht in eklatanter Form – aber vielleicht bin ich als Mann auf einem Auge blind. Nach meiner Beobachtung wird in der Literaturszene viel getan, um einer solchen Diskriminierung entgegenzuwirken. Und die alten Alphamännchen treten langsam ab…

Welche Bedeutung wird den Literaturpreisen eingeräumt?

Cătălin Pavel: Literaturpreise bedeuten in der Regel denjenigen mehr, die sie nicht bekommen. Die Preise, die uns verliehen werden, wirken wie eine Art verspätete Wiedergutmachung – Oha! Schon lange hätte die Welt merken sollen, wie fähig man selbst ist! Leider noch enttäuschend, weil sie keine Änderungen mit sich bringen. Eine Viertelstunde später nimmt das Leben wieder seinen Lauf, überhaupt nicht davon beeindruckt, dass uns ein Diplom überreicht wurde. Und selbst wenn man zehn Preise bekäme, könnte man die Meinung eines Querulanten, dem das Buchcover nicht gefällt, nie vergessen. Anderseits wären diese Preise, die uns nicht verliehen worden sind, bestimmt der Schlüssel zur Unsterblichkeit, die wir, traurige Gilgamesche des Schreibens, unvermeidbar verpassen.

Henning Ahrens: Literaturpreise sind wichtig für Autorinnen und Autoren. Die Wirkung hängt aber stark davon ab, um welchen Preis es sich handelt; in den meisten Fällen wirkt sich eine solche Auszeichnung nicht nennenswert auf den Buchverkauf aus. Dennoch steigern Preise das Renommée von Autorinnen und Autoren, sind eine Anerkennung und eine finanzielle Unterstützung. Und sie motivieren. Aus diesen Gründen sind sie nicht wegzudenken.

Welches sind die Stärken der deutschen / rumänischen Gegenwartsliteratur? Welche Möglichkeiten hat man zur Verfügung, um das Interesse an der eigenen Literatur zu steigern und gute Beziehungen auf literarischer Ebene zu pflegen?

Cătălin Pavel: Die dritte Absage der Leipziger Buchmesse in Folge ist nur ein temporärer Rückschlag. Ich mache mir keine Sorgen, diese zwei großartigen Literaturen, die rumänische und die deutsche, werden sich in Zukunft immer öfters begegnen, sowohl in den Buchhandlungen als auch in den Kneipen.

Henning Ahrens: Nach meinem Eindruck ist die deutsche Gegenwartsliteratur sehr vielfältig. Eine bestimmte Stärke, die sie von der Literatur anderer Länder unterscheidet, vermag ich nicht zu erkennen. Interesse kann vermutlich nur durch die Themen geweckt werden, die man literarisch verarbeitet; ich denke nicht, dass es ein Patentrezept gibt – am Ende zählt das einzelne bzw. einzigartige Buch. Was Beziehungen auf literarischer Ebene betrifft, so muss ich leider gestehen, eher ein Einzelgänger zu sein.

Gibt es eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller aus Rumänien / Deutschland, mit dem Sie sich verbunden fühlen?

Cătălin Pavel: Mir fällt sofort Grass‘ Danziger Trilogie ein, obwohl mich andere Bücher von ihm nicht so sehr angesprochen haben. Früher, als man mehr für sich war und keiner danach fragte, was man las, habe ich viel aus Feuchtwanger und vor allem aus Böll gelesen. Letzter ist heutzutage in Vergessenheit geraten. Mir selbst kam er sehr kompakt vor. Man könnte ihm Kompaktheit zuschreiben, so wie man Jünger die Sprachakrobatik und die Herausforderung beim Beurteilen seines Werkes zuerkennt. An dieser Stelle muss ich – obwohl es sich um völlig verschiedene Ansätze handelt – E.T.A. Hoffmann und Volker Wiedemann erwähnen, dessen Roman Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft ich ins Rumänische übersetzt habe – und wann sonst liest man etwas intensiver als dann, wenn man es übersetzt?

Henning Ahrens: In der osteuropäischen Literatur, auch in der Rumäniens, gibt es für mich noch vieles zu entdecken. Ich kenne Agopians „Handbuch der Zeiten“, Tatiana Ţibuleac‘ „Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte“ und Autoren und Autorinnen aus der Bukowina. Ich stelle fest, dass mich gerade Texte aus Osteuropa ansprechen und berühren.

Sie haben die Grenzen der Literatur, des klassischen Schreibens an sich, durchbrochen und haben neue Formen ausprobiert. Auf welche Ressource haben Sie zurückgegriffen? Welches Ihrer Bücher hat am meisten zu Ihrer persönlichen Entwicklung und der Ihres literarischen Werdegangs beigetragen? 

Cătălin Pavel: In der Karriere eines Schriftstellers darf alles fehlen, ohne schwerwiegende Konsequenzen; bloß das Debüt nicht. Was Literatur anbelangt, es reicht schon, wenn man sich meinen ersten Roman merkt. „Aproape a șaptea parte din lume (dt. Fast der siebte Teil der Welt) erschien 2010 im Humanitas Verlag. Zehn Jahre später habe ich mich über den Erfolg meiner zwei Archäologie-Essaybände gewundert, denn die Bücher waren eine Art Nebenwirkung meines Hauptberufs. Selbst wenn ich die breite Leserschaft beim Schreiben in Betracht zog, habe ich nicht damit gerechnet, dass sie über die Grenzen dieser Nische herauskommen. Auf welche Ressourcen ich zurückgegriffen habe? In „Arheologia iubirii“ („Archäologie der Liebe“) und „Animalele care ne fac oameni“ („Tiere, die aus uns Menschen machen“), beide im Humanitas Verlag erschienen, habe ich nicht wirklich Tonnen von Berichten zu archäologischen Grabungen und Synthese verarbeitet, aber auf jeden Fall 387 Kilogramm. Und darin habe ich auch meine eigene Erfahrung gemischt, ungefähr so viel, wie eine Tasse Mehl. Und das Ergebnis ist nicht gerade fluffig.

Henning Ahrens: Stil und Form meiner Romane haben sich meist organisch aus den Themen entwickelt, die ich behandelt habe. Als „Avantgardist“ habe ich mich nie verstanden – mag aber auch nicht zu konventionell schreiben, schlicht deshalb, weil es mich langweilen würde. Glücksmomente entstehen, wenn man gewohnte Bahnen verlässt, wenn man plötzlich begreift, was möglich ist. Meine Ressourcen sind die Liebe zur Sprache, die Phantasie und meine sinnliche Erfahrungen, vor allem aus Kindheit und Jugend. Man lernt mit jedem Buch, das man schreibt, etwas dazu, ich würde also keinen meiner Romane hervorheben, schaue auch nie in frühere Bücher. Ich halte es für sinnvoller, nach vorn zu blicken.

Übersetzt von Manuela Klenke

Andra Rotaru
Andra Rotaru
Andra Rotaru (n. 1980) a realizat proiecte la intersecția dintre arte: performance-ul de dans Lemur, prezentat de coregraful Robert Tyree în America și în Europa; documentarul All Together, realizat în cadrul rezidenței The International Writing Program (Universitatea din Iowa, 2014); Photo-letter pairing (fotografie, proiect realizat în colaborare cu numeroși artiști și cu comunitatea din Iowa). Volume publicate: Într-un pat, sub cearșaful alb (2005), Ținuturile sudului (2010); Lemur (2012); Tribar (2018). Lemur a primit premiul „Tânărul poet al anului”, în cadrul Galei Tinerilor Scriitori (2013). Volumul de debut a fost tradus in spaniolă (En una cama bajo la sábana blanca, editura Bassarai, 2008). În 2018, Lemur a apărut la editura americană Action Books (traducere de Florin Bican). Volumul Tribar a apărut în Germania, la ELIF VERLAG, în traducerea lui Alexandru Bulucz (2022). De asemenea, a apărut în SUA, la Saturnalia Books, traducere de Anca Roncea (2022).

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