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#face2face: Lavinia Braniște und Mithu Sanyal

Im Jahr 1992 wurde in Bukarest zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien der "Vertrag über freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft in Europa" unterzeichnet. Im Jahr 2022 initiiert DLITE #face2face, eine Reihe von Gesprächen zwischen Schriftsteller:innen aus beiden Ländern, um die Entwicklung und die Vielfalt der zeitgenössischen Ausdrucksformen dieser Kulturen zu erforschen.
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Schriftstellerinnen, Schriftsteller oder Schriftsteller:in? Wie stehen Sie zu den Diskussionen, die im Zuge der Bemühungen um die Gleichstellung der Geschlechter, insbesondere in der Kunst, entstanden sind?

Mithu Sanyal: Ich gendere und zwar gerne, weil es einen Unterschied macht, ob ich mit angesprochen werde: Liebe Schriftsteller:innen. Gleichzeitig habe ich nicht die Illusion, dass alleine dadurch die Gleichstellung der Geschlechter erreicht wird. In der DDR wurde nicht gegendert, aber die Frauen waren deutlich gleichberechtigter als in der BRD.  Dann kam die Wiedervereinigung und wenn Frauen aus dem Osten gesagt haben „Ich bin Mechatroniker“ haben wir gesagt „Du bist nicht feministisch genug“. Doch ist Sprache ständig im Wandel und als Schriftstellerin ist das etwas, was ich aufregend finde.

Lavinia Braniște: Ich spreche von Schriftstellern und Schriftstellerinnen als ein Ganzes, mit der Betonung darauf, dass zu dieser Gruppe auch Frauen gehören. Es ist erfreulich, dass es Veranstaltungen und Literaturpreise exklusiv für Frauenliteratur gibt; sie sind meiner Meinung nach notwendig. Aber ich kann auch die Argumente derjenigen verstehen, die meinen, dass man durch diese Trennung den Frauen keinen Gefallen tut. Natürlich ist es wunderbar, wenn man von der Allgemeinheit und nicht nur von Frauen Anerkennung bekommt, aber bis es soweit ist, haben wir noch viele gesellschaftliche Debatten zu führen, vieles zurückzufordern und aufzuholen. Jede Gelegenheit, bei der man sich mit der Gleichstellung der Geschlechter auseinandersetzt und die Lesenden daran erinnert, dass Frauenliteratur wertvoll ist, kann man nur willkommen heißen.

Kann man von Geschlechterdiskriminierung in der deutschen Literaturszene sprechen?

Mithu Sanyal: Na ja, man kann über ganz viel Diskriminierung in der deutschen Literaturszene sprechen. Ich bin ja nicht nur eine Frau, sondern eine Woman of Colour und lange wurde mir mit der Frage begegnet, ob meine Literatur überhaupt echte Literatur ist …

Lavinia Braniște: Weiterhin werden Festivals organisiert, bei denen von zwölf Gästen nur zwei Frauen sind. Und Veranstaltungen über die Welt, in der wir leben, bei denen fast nur Männer eingeladen werden, ihre Meinung zu äußern. Also ja, man sieht die Geschlechterdiskriminierung mit dem bloßen Auge, man braucht nicht allzu viel forschen.

Welche Bedeutung wird den Literaturpreisen eingeräumt?

Mithu Sanyal: IEine riesiger. Literaturpreise sind in Deutschland (bis auf Stipendien, die sozusagen als kleine Literaturpreise wahrgenommen werden), die einzige Möglichkeit für Schriftsteller:innen, vom Literaturbetrieb ernst genommen zu werden. So als würden die anderen Romane in einer Parallelwelt existieren. Als ich für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, hat das den Umgang mit meinem Roman schlagartig verändert.

Lavinia Braniște: Die Literaturpreise spielen in dem Maße eine Rolle, in der sie Schriftsteller:innen den Lesenden näherbringen. Wenn es in einer Buchhandlung ein Regal gäbe, in dem für einige Tage die für einen Preis nominierten Bücher in Sichtweite ausgestellt würden, fände ich das großartig.

Welches sind die Stärken der deutschen/ rumänischen Gegenwartsliteratur? Welche Möglichkeiten hat man zur Verfügung, um das Interesse an der eigenen Literatur zu steigern und gute Beziehungen auf literarischer Ebene zu pflegen?

Mithu Sanyal: Austausch und Solidarität mit anderen Schriftsteller:innen.

Lavinia Braniște: Ich denke, Lyrik ist eine der Stärken der rumänischen Literatur. Es wird viel gute Lyrik geschrieben. Das Interesse an der Literatur eines anderen Landes zu stärken, ist ein gutes Ziel. Dazu sollten wir uns gegenseitig mehr lesen, um neugierig zu werden. Wie gelingt uns das? Das Erste, was mir diesbezüglich dazu einfällt, ist die Aufrechterhaltung und Steigerung der finanziellen Übersetzungsförderungen.

Gibt es eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller aus Rumänien / Deutschland, mit dem Sie sich verbunden fühlen?

Mithu Sanyal: Leider nein, was zu meiner Schande daran liegt, dass ich viel zu wenig von rumänischer Literatur weiß.

Lavinia Braniște: 2016 habe ich bei einer Lesung des Goethe-Instituts in Bukarest Julia Wolf erlebt. Den Auszug, den sie aus „Alles ist jetzt!” gelesen hat und auch das Gespräch danach hat mich sehr bewegt. Seitdem hoffe ich, dass ihre Bücher auch ins Rumänische übertragen werden. Eine andere Autorin, die ich schätze, ist Juli Zeh. Ich habe sie durch einige ihrer Bücher kennengelernt, die ins Rumänische übersetzt worden sind.

Sie haben die Grenzen der Literatur, des klassischen Schreibens an sich, durchbrochen und haben neue Formen ausprobiert. Auf welche Ressource haben Sie zurückgegriffen? Welches Ihrer Bücher hat am meisten zu Ihrer persönlichen Entwicklung und der Ihres literarischen Werdegangs beigetragen?

Mithu Sanyal: Mein Debütroman „Identitti“, weil dieser bisher mein einziger Roman ist.

Lavinia Braniște: Nachdem mein Roman „Interior zero” (dt. „Null Komma Irgendwas”) veröffentlicht wurde, habe ich Angebote bekommen, Theaterstücke zu schreiben. Es war eine große Herausforderung und ich freue mich, diese angenommen zu haben (obwohl ich anfangs sehr ängstlich war). Dadurch machte ich großartige berufliche Erfahrungen und habe Neues über mich entdeckt (zum Beispiel, dass ich Schreibaufträge ausführen, im Team schreiben und mit einer Deadline gut umgehen kann). Aus der Zeit des Schreibprozesses sind mir viele positive Eindrücke in Erinnerung geblieben.

Übersetzt von Manuela Klenke

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Andra Rotaru
Andra Rotaru
Andra Rotaru (n. 1980) a realizat proiecte la intersecția dintre arte: performance-ul de dans Lemur, prezentat de coregraful Robert Tyree în America și în Europa; documentarul All Together, realizat în cadrul rezidenței The International Writing Program (Universitatea din Iowa, 2014); Photo-letter pairing (fotografie, proiect realizat în colaborare cu numeroși artiști și cu comunitatea din Iowa). Volume publicate: Într-un pat, sub cearșaful alb (2005), Ținuturile sudului (2010); Lemur (2012); Tribar (2018). Lemur a primit premiul „Tânărul poet al anului”, în cadrul Galei Tinerilor Scriitori (2013). Volumul de debut a fost tradus in spaniolă (En una cama bajo la sábana blanca, editura Bassarai, 2008). În 2018, Lemur a apărut la editura americană Action Books (traducere de Florin Bican). Volumul Tribar urmează să apară în Germania, la ELIF VERLAG, în traducerea lui Alexandru Bulucz.

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