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#face2face: Raluca Nagy und Nora Bossong

Im Jahr 1992 wurde in Bukarest zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien der Vertrag über freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft in Europa unterzeichnet. Im Jahr 2022 initiiert DLITE Face2Face, eine Reihe von Gesprächen zwischen Schriftsteller:innen aus beiden Ländern, um die Entwicklung und die Vielfalt der zeitgenössischen Ausdrucksformen dieser Kulturen zu erforschen.

Schriftstellerinnen, Schriftsteller oder Schriftsteller:in? Wie stehen Sie zu den Diskussionen, die im Zuge der Bemühungen um die Gleichstellung der Geschlechter, insbesondere in der Kunst, entstanden sind?

Nora Bossong: Grundsätzlich sind Diskussionen um Chancengleichheit sehr wichtig und ich begrüße sie. Manchmal werden sie mir zu kleinteilig oder auch zu engstirnig. Ob uns wirklich der Gender-Doppelpunkt einer gerechten Verteilung der Teilhabe näher bringt oder doch eher mehr Transparenz etwa bei Lesungshonoraren – es muss sich ja nicht ausschließen, aber ich persönlich finde die Frage nach ökonomischer Gleichstellung wichtiger als die nach symbolischer. Ich rate allen Kolleginnen, sich bei ihrem Honorar an ihren männlichen Kollegen zu orientieren. Denn die verlangen meist deutlich mehr für einen Auftritt als Frauen sich das zugestehen würden. Ich möchte nicht nur „mitgemeint“ sein, wie es bei gendergerechter Sprache oft heißt, sondern auch mitbezahlt.

Raluca Nagy: Bei den Schriftstellern und Schriftstellerinnen fällt es mir leichter, als in meinem Beruf. Ich bin Anthropologin, aber im Rumänischen klingt für mich weder „antropolog” noch „antropoloagă” oder „antropologă” gut und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Schriftstellerin hat sich, meines Erachtens nach, schon lange genug etabliert, so dass es nicht unnatürlich klingt. Aber das sollte nicht unser größtes Problem sein, die Etiquette.
Genau am 8. März habe ich einen Artikel gefunden, der darüber berichtete, wie wenig die Frauen von Männern gelesen werden. Die Leserinnen jedoch schenken den Schrifstellerinnnen und den Schriftstellern gleichermaßen Aufmerksamkeit. Die männlichen Leser… bleiben ihrem Geschlecht treu. Ihrem.

Kann man von Geschlechterdiskriminierung in der deutschen/rumänischen Literaturszene sprechen?

Nora Bossong: Ich würde es eher auf die gesamte Gesellschaft ausweiten wollen, denn Geschlechterungerechtigkeit existiert in Deutschland, sie hat verschiedene Gesichter. Es gibt auch einen gewissen Rollback, alte Geschlechterrollen leben wieder verstärkt auf. Das macht es schwer, dagegen zu schwimmen. Als Frau, die in der Öffentlichkeit steht und auch mal das Wort an sich nimmt, erlebe ich Gegenrede – das ist völlig ok und richtig. Ich erlebe aber auch, dass mir eine Fähigkeit wie Durchsetzungssstärke mitunter als schlechte Charaktereigenschaften ausgelegt wird, etwas, das bei Männern gelobt werden würde. Der Charakter einer Frau hat für viele immer noch lieb, brav und leise zu sein. Es ist manchmal schwer, das zu ertragen.

Raluca Nagy: Wir können von Diskriminierung sprechen. An allen Ecken und Enden – mir ist bewusst, dass ich diese Aussage aus der Position einer Privilegierten tätige. Aber man kann zu einer Minderheit nicht nur aufgrund des Geschlechts, sondern auch aufgrund des nationalen Ursprungs, der Rasse, der sozialen Herkunft, der Sprache, die man spricht, usw., gehören.
Als rumänische Autorin, die in rumänischer Sprache schreibt, fühle ich mich derzeit diskriminiert, das ist so. Ich denke dazu trägt auch bei, dass mehr Bücher aus anderen Sprachen ins Rumänische übersetzt als rumänische Autor:innen veröffentlicht werden. Das Einzige, wovon ein Autor/eine Autorin aus der rumänischen Gegenwartsliteratur träumen darf, ist, dass sein/ihr Buch zwei, dreitausend Leser erreicht. Auch muss ich eingestehen, dass mich die Leichtigkeit, fast die Freude, mit der viele Rumänen die rumänischen Produkte und Erzeugnisse, inklusive Bücher verachten, wundert.
Die Tatsache, dass in einer so überschaubaren Literaturszene so viele Formen von Diskriminierung anzutreffen sind, ist sehr traurig.

Welche Bedeutung wird den Literaturpreisen eingeräumt?

Nora Bossong: Eine sehr unterschiedliche Bedeutung: Der deutsche Buchpreis, auch der Preis der Leipziger Buchmesse haben eine große Wirkung nach außen, machen auf ein Buch in großem Rahmen aufmerksam. Andere Literaturpreise, die einen ähnlichen Rang haben, vielleicht sogar einen höheren, was literarische Qualität angeht, schaffen das nicht. Hier ist eine ungute Verteilung der Aufmerksamkeit zu beobachten. Das ist bedauerlich, denn so entscheiden zwei Jurys weitreichend über das Gelingen oder auch Scheitern von literarischen Karrieren.

Raluca Nagy: Ich denke, sie führen zu Sichtbarkeit, aber leider schließen sie auch aus. Ich weiß nicht, ob es möglich wäre, eine umfassende Liste mit Nominierungen zu erstellen, ohne unbedingt einen oder ein:e Gewinner:in zu designieren. Aber selbst eine Liste mit drei, fünf oder zehn Titeln schließt andere aus. Aus meiner Sicht ist ein Wettbewerb im Bereich der Literatur nicht gerechtfertigt; es gibt, es sollte zumindest für alle Platz geben.
Vielleicht wäre zukunftsorientiert eine systematische Unterstützung der Schriftsteller und Schriftstellerinnen eine bessere Strategie. Gut bezahlte Aufenhaltsstipendien, Stipendien zur Förderung eines Buches in Arbeit, eine Grundversorgung – Sachen die in anderen Ländern, die ich mir näher angeschaut habe, vorhanden sind; kurz gesagt: Das Schreiben als etwas Professionelles wahrnehmen und behandeln. Und vielleicht das gesunde Einkürzen der Monopolstellung einiger großer Verlage.

Welches sind die Stärken der deutschen / rumänischen Gegenwartsliteratur? Welche Möglichkeiten hat man zur Verfügung, um das Interesse an der eigenen Literatur zu steigern und gute Beziehungen auf literarischer Ebene zu pflegen?

Nora Bossong: Eine Stärke im Austausch sehe ich darin, dass die literarische Übersetzung hier sehr vielfältig ist. Mit wachem Blick über die eigene Nationalgrenze, aber auch Sprachgrenze hinauszusehen, ist glaube ich eine gute Grundlage, um gute literarische Beziehungen zu pflegen.

Raluca Nagy: Eine der Stärken der rumänischen Gegenwartsliteratur wäre das Ausschöpfen des Potentials, außerhalb der Mode, der Normen und des Kanons zu schreiben. Das passiert manchmal, weil einige Autor:innen es nicht schaffen, so viel zu lesen, wie sie es wollten (und sollten). Solange das Schreiben in der rumänischen Gegenwartsliteratur als Hobby gesehen/ behandelt wird, weil man nur am Wochenende und im Urlaub Zeit dazu hat, bleibt alles so wie es immer war.
So wie ich die vorherige Frage bereits beantwortet habe, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern, können auf literarischer Ebene, nur dann auf Augenhöhe gebracht werden und authentisch verlaufen und nicht nur nach dem ungleichen erschöpften Klischee „etabliert“ vs. „exotisch“, wenn sich aus dem Schreiben ein ernsthafter wertgeschätzter Beruf entwickelt.

Gibt es eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller aus Rumänien / Deutschland, mit dem Sie sich verbunden fühlen?

Nora Bossong: Herta Müller ist eine Autorin, die ich sehr bewundere. Mit einer besipiellosen Klarheit und Härte beschreibt sie das Leben der Menschen unter den Bedingungen von Diktatur. Sie hatte auch schon vor Monaten einen sehr klaren Blick auf Putin, leider haben zu wenige auf sie gehört. Aus der rumänischsprachigen Literatur waren Mircea Eliade, Mircea Dinescu und Mircea Cartarescu wichtige Impulse für mich. Ich freue mich auf weitere Entdeckungen.

Raluca Nagy: Diese Antwort passt auch zu der ersten Frage, erst jetzt fällt mir ein, dass die passendste Form Schriftstellerx wäre. Harrie Tosch, non-binäre Identität, habe ich mich Nahe gefühlt. Ich warte schon lange auf sein Debüt, das ansteht, ich schätze sein Talent sehr, seinen Mut und seine Freundschaft.

Sie haben die Grenzen der Literatur, des klassischen Schreibens an sich, durchbrochen und haben neue Formen ausprobiert. Auf welche Ressource haben Sie zurückgegriffen? Welches Ihrer Bücher hat am meisten zu Ihrer persönlichen Entwicklung und der Ihres literarischen Werdegangs beigetragen? 

Nora Bossong: Meine wichtigste Ressource ist vermutlich Neugier. Ich möchte Zusammenhänge besser begreifen, ich möchte mich in Lebensrealitäten von anderen Menschen hineinversetzen, ich gehe politischen Fragen nach. Am wichtigsten war bislang mein letzter Roman Schutzzone über eine UN-Mitarbeiterin, die an der immer wieder scheiternden Hoffnung auf Frieden verzweifelt. Eine Verzweiflung, die wir gerade heute wohl alle nachfühlen.

Raluca Nagy: Vielleicht war es bei mir ein wenig anders: Ursprünglich komme ich aus einem anderen Fachbereich – der Anthropologie – und habe mich dann der Literatur genähert. Viele der Bücher, die ich beruflich gelesen habe, haben einen nachhaltigen Einfluss auf mein literarisches Schreiben. Aber damit nicht genug. Architektur, zum Beispiel, oder besser gesagt, Schriften der Architekten waren von entscheidender Bedeutung in der Konstruktion meiner beiden Romane. Genauso war es auch mit vielen medizinischen Abhandlungen und Artikeln.
Beide meiner veröffentlichten Bücher haben wesentlich zu meiner literarischen Entwicklung beigetragen, zu der Art und Weise, wie ich arbeite und auf die Außenwelt reagiere. Das wünscht sich, meines Empfindens nach, jeder, der schreibt und ohne Schreiben nicht leben kann.

Nora Bossong: https://en.wikipedia.org/wiki/Nora_Bossong

Raluca Nagy: https://www.euprizeliterature.eu/author/raluca-nagy

Übersetzt von Manuela Klenke

Andra Rotaru
Andra Rotaru
Andra Rotaru (n. 1980) a realizat proiecte la intersecția dintre arte: performance-ul de dans Lemur, prezentat de coregraful Robert Tyree în America și în Europa; documentarul All Together, realizat în cadrul rezidenței The International Writing Program (Universitatea din Iowa, 2014); Photo-letter pairing (fotografie, proiect realizat în colaborare cu numeroși artiști și cu comunitatea din Iowa). Volume publicate: Într-un pat, sub cearșaful alb (2005), Ținuturile sudului (2010); Lemur (2012); Tribar (2018). Lemur a primit premiul „Tânărul poet al anului”, în cadrul Galei Tinerilor Scriitori (2013). Volumul de debut a fost tradus in spaniolă (En una cama bajo la sábana blanca, editura Bassarai, 2008). În 2018, Lemur a apărut la editura americană Action Books (traducere de Florin Bican). Volumul Tribar urmează să apară în Germania, la ELIF VERLAG, în traducerea lui Alexandru Bulucz.

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