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© Annette Hauschild-Ostkreuz.

Iris Wolff: Ein dritter Raum

Lesereise in Rumänien/Auszug
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Iris Wolf, geboren 1977 in Hermannstadt, aufgewachsen im Banat und in Siebenbürgen. 1985 Emigration nach Deutschland. Studium der Germanistik, Religionswissenschaft und Grafik & Malerei in Marburg an der Lahn. Langjährige Mitarbeiterin des Deutschen Literaturarchivs Marbach und Dozentin für Kunst- und Kulturvermittlung. Bis März 2018 Koordinatorin des Netzwerks Kulturelle Bildung am Kulturamt in Freiburg. Mitglied im Internationalen Exil-PEN. Lebt als freie Autorin in Freiburg im Breisgau. Veröffentlichungen: Halber Stein (2012), Leuchtende Schatten (2015), So tun, als ob es regnet (2017), Die Unschärfe der Welt (2020).


 

Sehnsuchtswort

Der Schneemann an der Tankstelle ist größer als ich. Er hat ein verschmitztes Gesicht, Steinaugen, eine Knopfleiste zieht sich über seinen runden Bauch. Ich bewundere die schicken Schuhe der Bukaresterinnen und frage mich, wie sie es schaffen, diese sauber zu halten. Die Trottoirs sind nicht geräumt, der Schneematsch ist knöchelhoch. Die erste Überraschung der Reise: In Rumänien ist es Winter. Die zweite: Studentinnen und Studenten des Fremdsprachen- Instituts der Bukarester Universität haben Textpassagen aus „So tun, als ob es regnet“ ins Rumänische übersetzt. Ich erkenne, dass es die „Geheime Gesellschaft der Schlaflosen“ ist, sowie die Szene, in der Vicco auf seinem Motorrad fast verunglückt. Einzelheiten bleiben vage, da ich die Sprache, die ich als Kind beherrschte, fast ganz verloren habe. Im Goethe-Institut werden dreißig Stühle aufgestellt, zuletzt sind es doppelt so viele. Die Chefredakteurin der Deutschen Sendungen des TVR – ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender, der auch Formate in ungarischer und deutscher Sprache überträgt – moderiert die Veranstaltung. Ein Student fragt, warum Jacob sterben musste. Ich hoffe, er glaubt der Autorin, dass sie von seinem Tod ebenso überrascht wurde wie er. Ich bekomme ein mărţişor (Märzchen) geschenkt, eine Tulpe (auf rumänisch klangvoll lalele) mit der typischen rot-weißen Schnur. Weiß für den Schnee, Rot für die Sonne; ein Frühlings- und Freundschaftsbote. Jede Frau, die ich treffe, trägt eines. Anschließend gehen wir ins Restaurant La  Vatra,  was soviel wie „heimatlicher Ofen“ bedeutet. Wurden die Soldaten früher aus dem Kriegsdienst entlassen, war dies das Sehnsuchtswort.

Wir besichtigen den Palast des Parlaments und begegnen der Hybris eines Diktators, flanieren durch den Stadtteil Lipscani, mit seinen versteckten Hinterhöfen, Cafés und Kneipen. Mircea Cărtărescu, Lavinia Braniște, Filip Florian, Gabriela Adameșteanu, – bei allen ist Bukarest nicht nur Ort, vielmehr Protagonistin ihrer Geschichten. Es muss eine Liebe zwischen Faszination, Abweisung, Enttäuschung, Bewunderung und Hoffnung sein.

In sechsstündiger Zugfahrt geht es von Bukarest nach Hermannstadt. Die Strecke führt über die Südkarpaten, das Skigebiet im Bucegi-Gebirge, Sinaia, mit dem Schloss Peleş, und Kronstadt mit seinem Hausberg, der Zinne, die sich für einen Augenblick zeigt. Endlose Wälder und Eiszapfen-Girlanden an den Häusern. Eine Dreiviertelstunde vor unserem Ziel wird die Landschaft vertrauter. Der Zug hält in Talmesch. Ich trete ans Fenster und sehe, wie das Dorf sich zwischen die Hügel bettet, geborgen, schläfrig; die Kirche, den Alt, die schneebedeckten Fogarascher Berge (irgendwo der Rote-Turm-Pass). Ein merkwürdiges Gefühl, einem Ort zu begegnen, den man in seiner Phantasie oft betreten, sich anhand von Bildern und Karten vergegenwärtigt hat. Der Ort, an dem Henriette aufwächst, den sie liebt und doch verlassen wird, an dem ihr eine fremde Frau eines Tages einen Ring übergibt: „Es gibt etwas jenseits dieses Dorfes, du wirst es kennenlernen, denn diese Welt wird vergehen, die dir jetzt die Mitte deines Lebens ist.“ Der Zug setzt sich in Bewegung, und es bleibt das Gefühl, dort beheimatet zu sein, auf eine nicht näher zu begründende Weise.

Gegenläufige Grenzüberschreitungen

Wenn sich eine Geschichte in dem Land meiner Herkunft ansiedelt, bin ich mir bewusst, dass dadurch eine Art dritter Raum entsteht, ein imaginäres, halb wirkliches Territorium. Literatur ist keine heimatkundliche Vermessung, keine Autobiographie, kein Geschichtsunterricht. Siebenbürgen soll und darf zu einer Welt werden, die Leserinnen und Leser in ihrer Phantasie, aber dennoch buchstäblich mit dem eigenen Körper betreten. Vage Vorstellung dürfen in differenzierte Bilder und Erfahrungen übergehen. Literatur sollte dem Leser seine eigene Wahrnehmung lassen, nicht im Dienst einer Agenda, einer Belehrung, einer Ideologie stehen. Das heißt nicht, dass dieser Landstrich zu einer Projektionsfläche werden oder in eine gefällige Exotisierung abdriften darf. Was leicht wäre – Transsylvanien, das Land hinter den Wäldern, ist für viele Leserinnen und Leser, trotz Bezugspunkten wie Herta Müller, Oskar Pastior, Hans Bergel, Eginald Schlattner, Horst Samson und vielen mehr, ein unbestimmter Raum zwischen Orient und Okzident, der für das westliche Europa immer etwas Anziehendes hatte und gleichzeitig etwas geblieben ist, von dem die meisten keine allzu genaue Vorstellung haben.

Auf der Reise begegnen wir Österreichern und Deutschen, die für eine gewisse Zeit in Rumänien arbeiten, die ausgewandert sind oder überlegen, auszuwandern; Siebenbürgern, die wieder in ihre alte Heimat zurückgekommen sind; Rumänen, die in Deutschland waren oder nach Deutschland wollen. Es sind gegenläufige Sehnsuchtsbilder.

Jede Grenzüberschreitung ist eine Geschichte. Ich würde sie mir gern von jedem einzelnen erzählen lassen. Da ist eine Rumänin, die lange in Jerusalem lebte und wieder nach Hermannstadt zurückgekommen ist. Die Stadt habe sich verändert, mache es ihr nicht leicht, sich wieder einzufinden. Da ist eine Siebenbürgerin, die sagt: „Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, zu bleiben“ – ein Satz, der mich nicht loslässt, weil er zeigt, wie schwer es ist, nach dem Exodus (den ein Professor in Klausenburg später als „kollektive Massenpsychose“ bezeichnen wird) einen Platz zu finden, an dem man sich wieder zuhause fühlt. Da ist ein deutsches Ehepaar, das ein 160 Jahre altes Pfarrhaus in Deutsch-Tekes gekauft hat und Urlaube in Siebenbürgen organisiert. Und ein Forstwirt aus Bayern, der in Deutsch-Weißkirch lebt, dem Dorf, das durch Prinz Charles bekannt geworden ist, und seine Frau, die von ihrer Mutter (porträtiert in dem Buch „Mit der Sonne steh ich auf“) das Amt der Burgwächterin übernommen hat. Was zieht all diese Menschen nach Rumänien? Ist es die Suche nach Entschleunigung, Sinnhaftigkeit jenseits des materiellen Wohlstands? „Anders rinnt hier die Zeit“, heißt es in der „Siebenbürgischen Elegie“ von Adolf Meschendörfer. Es scheint, als läge in diesem Landstrich ein Versprechen, das einzulösen der Westen verpasst hat.

•••

Dank: Die Lesereise der Autorin wurde finanziert durch das Österreichische Kulturforum in Bukarest. Sechs Lesungen an fünf Orten in zehn Tagen – von Bukarest über Hermannstadt/Sibiu, Fogarasch/Făgăraş, Klausenburg/Cluj-Napoca nach Temesburg/Timişoara.

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Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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Daniela Chana, 1985 in Wien geboren, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihre Kurzgeschichten und Gedichte wurden bereits in zahlreichen Literaturzeitschriften (Lichtungen, kolik, entwürfe, etcetera, Am Erker, …). Ihr Lyrikdebüt „Sagt die Dame“ (Limbus Verlag, 2018) wurde unter die „Lyrik-Empfehlungen 2019“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. Am 15. Februar 2021 erschien ihr Erzählband „Neun seltsame Frauen“ im Limbus Verlag.