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„Jeder Schriftsteller schreibt, um geliebt zu werden.“ – Mircea Cărtărescu im Dialog mit 15 jungen rumänischen Schriftsteller*innen

Es wurden verschiedene Fragen von folgenden Personen gestellt. Die Reihenfolge der Namen entspricht aber nicht unbedingt der Reihenfolge der gestellten Fragen - Augustin Cupșa, Lavinia Braniște, V. Leac, Tatiana Țîbuleac, Radu Vancu, Florina Pârjol, Bogdan Răileanu, Alina Purcaru, Mihai Iovănel, Corina Sabău, Andrei Gamarț, Cristina Ispas, Vlad Drăgoi, Diana Geacăr und Vlad Moldovan. (Ich danke ihnen.)
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Was bereuen Sie (wenn Sie überhaupt etwas bereuen), geschrieben zu haben (und was bereuen Sie NICHT geschrieben zu haben)?
 
Mircea Cărtărescu: Es wäre sehr seltsam, eine Mutter mit sieben Kindern zu fragen, welches Kind von allen sie bereut, selbst wenn eines das Down-Syndrom hat und das andere vergisst, sich beim Betreten des Hauses die Füße abzuwischen. Beim Schreiben kann man von bereuen nicht sprechen, denn ein schlechtes Buch ist kein Fehler: das ist alles, was du in dem Moment schaffen konntest. Auch an das schlechteste Buch, das je geschrieben wurde, glaubt mindestens ein Mensch: sein Autor. Ich lese meine Bücher nicht noch mal durch und habe nur einen vagen Überblick von ihnen. Aber es scheint mir nicht, dass auch das schwächste von ihnen ein Problem sei: worin bestände das Problem? Du kannst mit einem Vers, mit einem Gedicht oder einer Seite unvergesslich sein, selbst wenn alles andere Abfall ist. Aus der Sicht des Autors gibt es in seinem Schreiben nichts zu bereuen, obgleich es seinen Kritikern völlig bedauernswert erscheint. Ich kann also nicht die Antwort geben: schau mal, ich bedauere, dass ich “Travestie” (Travesti) oder “Warum wir die Frauen lieben” (De ce iubim femeile) oder “schreie nie nach Hilfe” (nu striga niciodată ajutor) geschrieben habe. Sie sind dort, im Hintergrund. Einige Aktienkurven werden im Wert steigen, andere werden fallen. Kafka hielt “Die Metamorphose” für einen Misserfolg und “Der Heizer” für sein bestes Werk. Heute sehen die Dinge anders aus.
 
Was ich bis jetzt schreiben wollte, aber nicht gemacht habe, wären ein paar Bücher: “Die Odyssee”, “Die Göttliche Komödie”, “Aufzeichnungen aus dem Kellerloch”, “Duineser Elegien”, “Cantos” und tausend andere (setzt hier die lächelnden Emoticons). Nicht die Tatsache, dass sie andere vor mir geschrieben haben, hinderte mich daran, sie zu schreiben, sondern meine eigene Unfähigkeit (so wie man weiß, hat Pierre Menard es geschafft, zumindest teilweise, “Don Quijote” zu schreiben). Zurück zu der banalen Metapher mit der Mutter, zu dieser Frage hätte sie vielleicht die folgende Antwort: “Ich hätte gern Jesus, Marie Curie oder Newton geboren, aber…es war mir nicht in die Wiege gelegt. Ich bin aber auch mit meinen Kleinen hier glücklich.” In der Tat, hat die Frage “Was bereust du?” keinen Sinn im ästhetischen Bereich, es ist eher eine ethische Frage. Man kann nur moralisch falsche Entscheidungen bereuen. Ich glaube, dass es kaum einen Autor (oder einfach einen Menschen) gibt, der nichts zu bereuen hat, außer natürlich Edith Piaf. Ja, aus dieser Sicht habe ich auch einiges zu bereuen. In “Spätzünder” meinte Thomas Pynchon, er bedauere in seinen früheren Texten einige “bescheuerte” Seiten, die politische Ungenauigkeiten enthielten. Cioran verwendete den selben Begriff “bescheuert”, um die Seiten aus “Die Verklärung Rumäniens” zu beschreiben, die er in späteren Ausgaben nicht mehr veröffentlichen wollte. Ich hätte es vorgezogen, ein paar Seiten, die in meinen älteren Büchern verstreut sind, nicht veröffentlicht zu haben, da sie manche Menschen, Individuen und Gruppen, traurig machen könnten. Nahe Verwandte und Freunde haben mir Vorwürfe über das eine oder andere, was ich über sie geschrieben habe gemacht, was mich vor allem darum erschütterte, da es mir beim Schreiben gar nicht so vorgekommen ist, dass diese Seiten potentiell beleidigend wirken könnten. Zu meiner Erleichterung gab es nichts Schlimmes, weswegen ich nachts nicht schlafen kann. Das Bereuen bleibt aber.
 
Wenn Sie sich die zeitgenössische Literatur ansehen, die jetzt weltweit geschrieben wird, welche wären für Sie Gründe für Begeisterung und gegenüber welchen hätten Sie Vorbehalte?
 
Es wäre eine große Übertreibung zu behaupten, dass ich mir bewusst bin, was jetzt in der Welt geschrieben wird. Eigentlich habe ich in den letzten zehn Jahren mehr wiedergelesen als gelesen. Dieses Spiel mit “auf dem Laufenden zu bleiben” wird nach einer Weile sehr langweilig. Jetzt bist du auf dem Laufenden, dann merkst du ein Jahr später, dass es nicht mehr so ist. Ich bin nicht der Meinung, dass es so was gibt wie “Literatur, die gerade geschrieben wird” wie im Sinne einer Kohärenz und Konsistenz mancher literarischen Formeln. Das Problem mit der zeitgenössischen Literatur ist: Welche Bücher schaffen es, an die Oberfläche zu kommen? Für jedes großartige Buch, für jeden großartigen Autor gibt es hundert ebenfalls großartige Bücher und Autoren, die niemals in aller Munde sein werden. Oft, wie im Fall von Bolaño oder David Foster Wallace, werden die Autoren lange nach dem Tod berühmt. Die Schreibweisen, die heute sofort sichtbar sind (ich beziehe mich jetzt auf Prosa, weil Lyrik wirklich nicht nachvollziehbar ist: Wie viele wussten von Louise Gluck?) sind diametral entgegengesetzt, und ich würde sagen, dass sie eher als Überlebenstaktiken zu verstehen sind: der “tschechowische” Minimalismus von amerikanischen Autoren, die sich nach Cheever und Richard Ford richten, und der monströse, absolute, post-pynchonischen Roman von Wallace oder Whitehead. Ich glaube, beide stammen letztendlich aus dem berühmten Ausdruck von Pynchon: Wir leben heute in einem post-ironischen Zeitalter. Ich habe gesagt, dass romanhafte Beschäftigungen eher Überlebensmechanismen sind, denn, machen wir uns nichts vor, “Qualitätsliteratur” ist heutzutage vom Aussterben bedroht, wie alles, was Qualität heißt. Die Konkurrenz, der sie heute (nicht) standhält, kommt aus verschiedenen Bereichen und ist überwältigend: kommerzielle Literatur, Sachbücher, ethische Bücher, Filme, Videospiele und die Medienbranche im Allgemeinen. Der Semi-Alphabetisierungszustand der heutigen Gesellschaften. Vor allem aber das politische und ideologische Feld, das alles verzerrt. “Wahre” Literatur blüht heutzutage nicht, sondern überlebt und ihre Zukunft (wie auch unsere) ist düster.
Umso mehr schätze ich diejenigen, die als Künstler keinen Pakt schließen und sich keiner Armee anschließen, sondern ihrem Glauben und der westlichen Tradition, in der sie aufgewachsen sind, treu bleiben. Man kann nur aus künstlerischer Überzeugung schreiben, alles, was man als Aktivist schreibt, klingt unecht. Die Ideologie kann man in Artikeln und Posts auf den sozialen Netzwerken zum Ausdruck bringen. Ich glaube an die Notwendigkeit, den Künstler/die Künstlerin in Weltfragen mit einzubeziehen, und auf meine ungeschickte und naive Weise war ich auch immer involviert. Aber Poesie und Prosa sollten frei von Zwängen bleiben.
 
Was ist das Wertvollste, was Ihnen der Erfolg gebracht/gestohlen hat?
 
Erstens – Erfolg ist relativ und verführerisch. Du kannst in deiner Familie, in deinem Kreis, in deiner Nachbarschaft, in deinem Land, auf deinem winzigen Planeten erfolgreich sein. In Laniakea. Um welchen Erfolg geht es? Die meisten Bücher zu verkaufen? Vom Erfolg der Pressestimmen und Rezensionen? Oder, der der Auszeichnungen, der Legende? Der Erfolg von gestern? Der Erfolg von heute? Ich sage es ganz ehrlich: Für mich selbst hat dieses Wort keine Bedeutung. Es ist eine Wetterfahne, mit der man gelobt oder verflucht werden kann. Eugen Simion, der mich überhaupt nicht liebt, nennt mich immer “einen erfolgreichen Autor”, was bedeutet, dass ich kommerziellen Erfolg habe, aber keinen Wert. Tatsächlich verbinden viele Anonymität und Misserfolg mit der Legende großer Schriftsteller. Für viele ist es unmöglich, zugleich ein sehr bekannter und ein sehr guter Autor zu sein. Wenn man im Verkauf erfolgreich ist, ist es unmöglich, wertvoll zu sein, denn der Erfolg wird von der Masse entschieden, die die Bücher kauft, nicht von den wenigen Kennern. Im Lateinischen bedeutet Altus sowohl hoch als auch tief. Sacer bedeutet sowohl heilig als auch verflucht. Erfolg, würde ich behaupten, ist auch Teil dieser Wortfamilie, die aus Begriffen gebildet ist, die diametral entgegensetzte Bedeutungen haben können. Wenn du erfolgreich bist, bist du sacer, heiliger und verfluchter. In der rumänischen Literatur sind die “erfolglosen” Schriftsteller legendär. Sie sind diejenigen, um die verschiedene Mythen gewebt und Kreise von esoterischen Schmeichler geformt werden: Eminescu selbst, Bacovia, Mateiu Caragiale, M. Blecher, Gellu Naum, Leonid Dimov, Virgil Mazilescu, Cristian Popescu. Während jemand, der als “zu erfolgreich” empfunden wurde, wie Sadoveanu, Minulescu, Arghezi, Sorescu, oder sogar Nichita Stănescu, immer auch Kritiker hatte. In Wirklichkeit sind diese beiden Linien, was den Wert anbelangt, ineinander gemischt und haben keine Relevanz. Der Erfolg selbst oder sein Mangel hat keine ästhetische, sondern nur eine soziologische Relevanz. Es zeigt die Vorlieben einer Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt, genau wie die Mode. Goethe war erfolgreich, Kleist nicht. Kafka war nicht erfolgreich, Faulkner schon. Márquez war ein großer Erfolg, José Lezama Lima nicht. Na und?
Während der 40 Jahre, in denen ich in der Schwefelsäure unserer literarischen Szene schwamm, hatte die Idee des Erfolgs für mich auch nicht die geringste Relevanz. Ich war glücklich, als ich meine Bücher veröffentlichte, ich litt wahnsinnig, als sie fälschlicherweise (oder zu Recht) attackiert wurden, aber ich habe nie nachgesehen, ob die Leute auf der Straße ihren Kopf nach mir drehen. Wenn man sichtbar ist, wird man zum Boxsack aller. Niemand ist daran interessiert, einen zufälligen Typ aus den 3.000 offiziell registrierten Schriftstellern, die es bei uns gibt, dumm zu nennen. Es gibt fast keine negativen Bewertungen in unseren Magazinen. Aber wenn man von einem bekannten Autor schreibt, dass er dumm sei, macht man daraus eine Geschichte, die Leute lesen, du, der Kritiker, fällt auf. Nicht die Wahrheit, sondern das Paradoxon erregt die Menschen.
Bekanntheit bringt Feinde mit sich, weckt literarischen Neid und Eifersucht. Wer das noch nicht kennt, dem wünsche ich auch, dass er es nie erfahren wird. Wie in der Geschichte von Joseph Conrad (großartig unter dem Namen “The Duelists” von Ridley Scott inszeniert) werde auch ich seit Jahrzehnten von Menschen verfolgt, die mich ständig verletzen, obwohl ich einige von ihnen nicht einmal kenne und anderen habe ich nur Gutes getan. Es ist unglaublich, wie viel Hass ich geweckt habe, ohne einen einzigen Finger zu bewegen, einfach am Schreibtisch sitzend und schreibend. Wenn mir der “Erfolg” etwas gebracht hat, dann das.
 
(Warum) Organisieren Sie keinen literarischen Kreis mehr?
 
Vielleicht würde ich daran Spaß haben, aber ich bin 64 Jahre alt. Ich bin ganz erschrocken beim Schreiben dieser Zahl, ich kann es selbst kaum glauben. Gestern war ich noch ein vielversprechender junger Autor. Mein jetziges Alter hat nichts damit zu tun, wie ich mich innerlich fühle, aber es beeinflusst die Wahrnehmung der anderen, sowie ihre Beziehung zu mir. Nach einem gewissen Alter hat man das Gefühl, langsam an den Rand gedrängt zu werden, nicht unbedingt darum, weil man sich wertmäßig und konzeptuell der neueren Welt und der jüngere Generation nicht mehr anpassen kann, oder weil “man den Kontakt zur Realität der letzten Jahre verloren hat”, sondern einfach weil die Leute dich, dein Gesicht, deine Bücher satt haben, weil du seit je und eh da gewesen bist. Die literarische Welt in unserem Land hat Cărtărescu satt, und, ehrlich gesagt, hätte ich ihn auch satt gehabt, an ihrer Stelle. Einmal hast du die Zukunft repräsentiert, jetzt aber repräsentierst du die Vergangenheit, was auch immer du tust, was auch immer du schreibst, eben weil du ihre Vergangenheit aufgebaut hast, auf der sie jetzt stehen, die unter ihren Füßen ist: Wer betrachtet den Boden unter den Füßen? Als Sadoveanu “Der goldene Ast” (Creanga de aur) veröffentlichte, hatte er praktisch keine Pressestimmen: ein anderes Buch von Sadoveanu, da gibt es nichts mehr zu sagen. Bach wurde von den Jüngeren “eine alte Perücke” genannt. In diesem Jahr hatte ich auch zum ersten Mal das Gefühl, ohne Bach oder Sadoveanu zu sein, in ein anderes Zeitalter einzutreten. Einige fühlen es mit 40, andere mit 50. Es wäre mir lieber, dies nie zu fühlen, unsterblich zu sein, wie Șora oder Nora Iuga. Aber ich bin leider nicht aus demselben Holz wie sie gemacht.
Ich denke, dass man keinen literarischen Kreis bilden kann, wenn die Leute dich nicht als Artverwandte, als Gleichgestellter, als Familienmitglied wahrnehmen. Ich war nur 15 Jahre älter als die, mit denen ich vor zwei Jahrzehnten im literarischen Kreis mit den Literaturstudenten gearbeitet habe. Es gab dabei kein Problem. Wir waren eine Gruppe, ich war nicht der Leiter oder die wichtigste Person. Wir haben immer die Stühle in einen Kreis gestellt, damit es keinen privilegierten Platz gab. So fühlte ich mich wohl. Ich empfand es als großes Privileg, akzeptiert zu werden und bei meinem Vornamen genannt zu werden. Jetzt kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie mich die, die 30 oder 40 Jahren jünger sind, wahrnehmen würden. Ich ärgere mich über die Ehrerbietung, mit der ich behandelt werde, die Höflichkeitsformen, die dich umbringen, die Ungeschicklichkeit der Beziehungen zu jemandem in einem anderen Alter. Es mag für eine Weile schön sein, aber wozu? Auf der anderen Seite wird es in einer Arbeitsgruppe immer 2-3 geben, die sich von dir nicht geschätzt und verletzt fühlen werden und die dich dann ein Leben lang verfluchen werden. Es ist schwer zu sagen, wie sehr mich zwei oder drei der Teilnehmer aus der Literaturfakultät verletzt haben, wobei ich 6 Jahre lang, ohne Bezahlung, eine Nacht pro Woche verloren habe, um ihnen zu helfen, Schriftsteller zu werden. Ich akzeptiere das nicht mehr und erlaube mir auch keine neuen Kritiker: Die Sitze sind schon besetzt, man muss sogar stehen.
 
Was ist Ihr guilty pleasure wenn es um rumänische Dichtung geht?
 
Ich denke, wir haben alle einige gemeinsame guilty pleasures, weil es unter den Dichtern der Vergangenheit eine Art fast obligatorische Flugbahn eines zukünftigen Dichters gibt. Zum Beispiel, Bolintineanu. ein akademischer und starrer Dichter, aber auch üppig in seiner Oriental-Lyrik, von einer fröhlichen, unfreiwilligen Ausdruckskraft. Wenn der Barde mitten in einem Heldengedicht sagt “Die Kapitäne ziehen ihre Schwerter aus der Scheide”, sterbe ich vor Freude. Es gab einige Versuche, ihn aus dem Müll der Dichtungsgeschichte herauszuholen, aber sie waren, zu meiner Zufriedenheit, nicht ganz erfolgreich: Ich bleibe also einer seiner wenigen Verehrer. Dann Topîrceanu. Er ist kein großer Dichter, aber wer hat seine Reise durch die Poesie nicht mit ihm begonnen? Ich kenne ihn auswendig, seit ich zehn Jahre alt war. Der Zug ist abgefahren. (A trecut Acceleratul). Cri-Cri-Cri, grauer Herbst. (Cri-Cri-Cri, toamnă gri). Die Fee der Palmen. (Zâna melopeelor). Das erste Gedicht, über das ich jemals gestolpert bin, begann so: „Schön bist du, mein Wald, / Wenn der Schatten noch unsichtbar ist…“. Unweigerlich folgt dann, im Alter von 16 Jahren, Blaga mit seinen Nietzsche-Gimmicks, die sich in diesem Alter verdammt poetisch und tief erweisen: Woher hat das Paradies sein Licht? Die Hölle erleuchtet es mit ihren Flammen… Und das Mädchen mit den schwarzen Augen, aus denen die Nacht fließt. Und die Eiche, aus der dein Sarg besteht. Wahre Freuden, schwer zu bekennen, wurden mir von den Dichtern aus Manolescus Anthologie „Moderne rumänische Poesie“ gebracht, die jetzt vergessen sind: Camil Baltazar, N. Crevedia, was weiß ich, Adrian Maniu, Dan Botta… Ich hatte sie mit Vergnügen gelesen und einige Gedichte verdienten es wirklich: “Elegie, Alkohol in Rost gefeiert, / Feuer in vergänglichem Licht geschüttelt”, “O blaue Bäuerin / entzückt dich wie eine Frau”. Und heute lese ich sehr gerne, ohne guilty pleasures zu sein, einige Dichter, die von Zeitgenossen “nicht genehmigt” wurden und zu Unrecht in einer Art Klasse von Außenstehenden zurückgelassen wurden, wie Bogdan O. Popescu oder Marius Chivu aus “Vîntureasa”.
 
Woher beschaffen Sie sich und wie bewahren Sie das Vertrauen in das Schreiben?
 
Ich sagte einmal, dass ich unter so vielen Schriftstellern nur ein Mann bin, der schreibt. Hier gibt es keine falsche Bescheidenheit oder falsche Selbstverkleinerung. Meine Bücher haben wenig damit zu tun, was echte Roman- oder Kurzgeschichten-Autoren schreiben. Aber es sind auch keine Gedichte, wie es so oft gesagt wurde und wie ich es selbst auch zu oft gesagt habe. Ich habe keine Ahnung, was sie eigentlich sind. Überall, wo man sie zu interpretieren versucht hat, war von Träumen, Fantasien, unterirdischen Welten die Rede, also von dem, was einer typologischen Lesart übrig bleibt, nicht einer echten. Alles klar, es gibt an der Oberfläche auch diesen sofort erkennbaren Charakter, den “neoromantischen”. Trotzdem finde ich drinnen auch genug Realismus, Humor, Ironie, einen gesellschaftspolitischen Aspekt. Jedes Mal, wenn ich versucht habe, da rauszukommen, wie in “Die Flügel”, empörte sich die Kritik: Bleib bei deinen Träumen und deinen Kindern! Lass andere über Kommunismus, Sicherheitsdienst und Revolution schreiben! Dieselben Kritiker regen sich dann auf, dass alle meine Bücher gleich sind. Ich will nicht damit meinen, dass sie es aus Bosheit tun, weil sie etwas gegen mich haben würden. Eigentlich wachen sie über meine Reinheit, wie die korsischen Brüder über die Jungfräulichkeit ihrer Schwester. Irgendwie kann man den “geweihten” Schriftsteller in der Literaturwelt mit dem Priester im Dorf vergleichen: Jeder darf sündigen, aber nicht er. Alle rühmen sich der Heiligkeit des Priesters, die ihrerseits das ganze Dorf heiligt. Und wehe ihm, wenn er beim Brechen eines Gebots erwischt wird. Nur wenige Menschen wissen, was es bedeutet, ein Leben mit einem schwebenden Schwert über dem Kopf zu führen: Beim ersten Buch, das schwächer erscheint als die anderen, oder das einfach anders ist, dann gibt es Ärger: wie, du, unser Sternenautor, sollst uns eine solche Schande verursachen? In einer normalen literarischen Welt darf ein Schriftsteller, der fünf gute Bücher geschrieben hat, auch ein schlechtes schreiben, ohne seinen Ruf vollständig und dauerhaft zu verlieren, wie es in den wilden Welten der Fall ist. Salinger schrieb gegen Ende seiner Karriere seltsamere Bücher, ich zumindest aber liebe ihn umso mehr dafür, denn ich denke, sie waren nötig und Teil seiner Arbeit, genau wie die Meisterwerke am Anfang. Unsere Kritik als Ganzes (mit brillanten Ausnahmen) ist hysterisch, erschwerend, ohne Gedächtnis. Sie beurteilt jedes Buch für sich selbst, als ob das, was ein Autor schreibt, ein Stapel Bücher wäre, und nicht ein System, das eine kollektive ungula leonis trägt. Hätte ich mich auf unsere kritische Meinung verlassen, wäre ich als Autor längst verdorben worden.
Ich habe kein wirkliches Vertrauen an das Schreiben. Tatsächlich weiß ich nicht, ob ich jemals etwas anderes getan habe. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich ohne Schreiben leben soll: Selbst in Zeiten, in denen ich nicht schreiben kann, schreibe ich immer noch täglich (in mein Tagebuch). So habe ich gelebt. Mein Schwiegervater ist 80 Jahre alt und sät immer noch den ganzen Sommer, obwohl er das nicht mehr tun muss. Das war sein Leben. Er hat kein Vertrauen an das Säen, er ist nur ein Mann, der sät. Wenn er jetzt mit 80 aufhören würde, würde er wahrscheinlich an einem gebrochenen Herzen sterben.
 
Was hätten Sie vorgezogen, dass über Mircea Cărtărescu nicht gesagt worden wäre, aber trotzdem gesagt wurde?
 
Unwahrheiten. Aber dem entgeht niemand. Ich will auch hier nicht zu viel sagen. Ich möchte nur hoffen, dass einige von denen, die Lügen über mich geschrieben und verbreitet haben, es jetzt bereuen. Ich beziehe mich nicht auf politische Gegner und ihren Schmach, den werde ich nie loswerden, sondern auf Schriftsteller, die ich respektiere und die mich mit einer Seite überrascht haben, die von so einer faktischen und psychologischen Unwahrheit waren, dass ich mich selbst beschäme. Ich träume von dem Moment, in dem einer von ihnen mir eine Nachricht schicken wird, in der nur das folgende steht: Es tut mir leid. Aber ich glaube nicht, dass ich das jemals erleben werde.
 
Ansonsten weiß ich nicht, was noch über mich gesagt / geschrieben wird, und neugierig bin ich auch nicht. Ich denke, es ist übrigens nicht so vieles. Mein Zustand unter rumänischen Schriftstellern ist die Einsamkeit, ich habe mich damit abgefunden. Und nicht seit gestern, vorgestern, sondern schon immer, seit ich im Cenaclul de Luni ( Der Literarische Montagskreis) las. Ich habe immer versucht, defensiv und präventiv zu sein, um nicht versehentlich jemanden zu beleidigen. Ich schrieb so gut ich konnte über diejenigen, die ich lieb habe und die ich bewundere. Ich unterrichte sie alle seit 30 Jahren an der Universität. Jedes Mal, wenn ich sie getroffen habe, war ich freundlich und offen. Es hat mir nichts gebracht. Ich blieb immer ihr natürlicher Gegner. Umso mehr schätzte ich die wenigen, die im Laufe der Zeit bei mir geblieben sind. Sie sind in letzter Zeit auch etwas weniger geworden, als hätten sie endlich herausgefunden, mit wem sie es zu tun haben. Jeder Schriftsteller schreibt, um geliebt zu werden. Wenn du von allen gehasst wirst, weil du schreibst, ist es sehr schlimm, etwas stimmt nicht und du hast ein schlechtes Gewissen in jedem Moment.
 
 
Auferlegte physische Distanz vs. Selbstabgeschiedenheit. Hilft in irgendeiner Weise die soziale Distanzierung (als Norm) dem Schreiben? Inwiefern? Und dem Lesen?
 
Wenn es um die Pandemie geht, hat sich in meinem Leben nicht viel geändert, außer der Tatsache, dass sie mich fast umgebracht hat. Ansonsten ging ich seltener mit Freunden auf ein Bier und schaute mir “Netflix” öfters an. Aber ich denke nicht, dass es in dieser Frage nur um die Pandemie geht, sondern um die Bedingungen für das Schreiben. Was braucht man, um schreiben zu können und was hindert am Schreiben? In “A Room Of Her Own” (Ein eigenes Zimmer) zeigte Virginia Woolf, wie wichtig es für die Würde, Unabhängigkeit und innere Entwicklung einer Frau ist, einen eigenen Raum zu haben, in dem sie keine soziale Maske anhaben muss, die von den Vorurteilen der Zeiten auferlegt wird, sondern in dem sie ihr eigenes Selbst sein kann. Ein solcher Raum ist auch dem Künstler notwendig. Ein Raum, in dem man allein sein kann. Es ist mit deinem Schädel zu vergleichen, indem du auch mit dir alleine bist. Und da Raum letztendlich auch Raum-Zeit ist, braucht man auch einen eigenen Zeitraum, in dem man auch allein ist. Es war schon immer ein Privileg für mich, meine eigene Raum-Zeit zu haben, und ich bin denjenigen unendlich dankbar, die sie mir angeboten haben und die manchmal dafür ihre eigene Raum-Zeit geopfert haben. Ich hatte mein eigenes Zimmer bei meinen Eltern, bei denen ich ungefähr bis zu meinem 30. Lebensjahr blieb. Dann habe ich mit meiner eigenen Familien gelebt, auf verschiedenen Etagen in Wohnblöcken der Arbeiterklasse, wo ich, wenn ich kein eigenes Zimmer hatte, jahrelang in der Küche schrieb. Aber im Allgemeinen hatte ich einen Raum, in dem ich eine Tür hinter mir zu ziehen konnte, und mir war immer ein wenig überschüssiger Raum vorbehalten, mit Verständnis und Solidarität. Erst mit 52, hatte ich ein Haus auf der Erde. Seitdem ist die Frage der Schreibbedingungen kein Thema mehr. In diesem Haus hatten Ioana und ich zum ersten Mal ein “room of my own”. Wenn man in seinem eigenen Zimmer schreibt, mit der eigenen Zeit und der eigenen Kaffeetasse auf dem Schreibtisch und mit der zugeschlagenen Tür vor der riesigen Welt, kann man behaupten, dass man Faulkner, der lange Zeit nachts im Keller einer Fabrik auf einer umgestürzten Schubkarre schrieb, einen Schritt voraus sei. Es ist nur so, dass dieser Schritt, der Würde verleiht, kein Talent und keine Inspiration gibt, vor allem auch kein Genie.
Ich meine, all die Abgeschiedenheit in der Welt und alle Bedingungen für das Schreiben sind gut und wichtig, aber sie machen dich nicht zum Schriftsteller. Manchmal geht es beim Schreiben um Heldentum, um Kampf gegen Schwierigkeiten, um kleine Kinder, um Alkoholismus, um Arbeitslosigkeit, um Krankheiten, um Verlage, die deine Arbeit verachten. Wenn du älter wirst, ist der Kampf immer mehr mit dir selbst, mit dem, der du vor 20, 30 oder 40 Jahren gewesen bist, der deine Welt gestohlen und deine Bücher geschrieben hat und dein Talent und deine Stärke bis zum letzten Tropfen zusammengedrückt hat, so dass du jetzt nichts mehr zu schreiben hast, und kannst auch keine moralischen Ressourcen mehr finden, um zu schreiben, trotz des Wohlstands, um den dich so viele beneiden. Genau wie Joyce meine Chance gestohlen hat, “Ulysses” zu schreiben, hat der Autor von “Nostalgie” vor 30 Jahren meine Chance gestohlen, “Nostalgie” jetzt zu schreiben. Dafür möchte ich ihn erwürgen.
 
 
Was ist das Hobby des Schriftstellers Mircea Cărtărescu? Erzählen Sie uns von einem ungewöhnlichen Ereignis hinter diesem Interesse.
 
Na, das hier ist eine echt indiskrete Frage. Ich habe viele Interessen, die über das Schreiben hinausgehen, auf verschiedenen Ebenen des Engagements, aber es gibt tatsächlich eines, das allmählich in mein gesamtes existenzielles Feld eingedrungen ist und nicht mehr nur als ein Hobby oder ein brennendes Interesse zu betrachten ist, sondern als eine Art Rechtfertigung meines Lebens, tiefer als die Literatur, die ich schreibe. Ungefähr so wie Vedanta in seinen letzten Jahrzehnten zu Salingers Besessenheit und Erlösung geworden war. Diese minutiöse und detektivische Leidenschaft wurde mir auch in meinem Schreiben angedeutet, so dass ich mein Tagebuch in zwei teilte und die Hälfte genau dafür reservieren musste. Also schreibe ich jetzt in zwei parallelen Tagebücher, von denen nur einer zur Veröffentlichung bestimmt ist. Ich verbringe jeden Tag Stunden mit dieser Leidenschaft, schaue Videos auf YouTube und lese am Computer alles, was ich über dieses Enigma finden kann, das mich verschlingt.
Es ist mir unmöglich hier zu sagen, worum es geht, und nicht nur, weil ich es selbst nicht sehr gut verstehe. Ich ziehe es vor, noch ein paar wahre und unschuldige Hobbys, guilty pleasures, um euren Begriff zu benutzen, hinzuzufügen. Ich kann daher gestehen, dass ich viel am Computer spiele, ich habe einen Mac mit einem 27-Zoll-Bildschirm, perfekt dafür. Diesen Sommer habe ich, glaube ich, dreimal sowohl “Borderlands 2” auch als “Borderlands 3” beendet. Jetzt versuche ich ein Überlebensspiel, “Soma” (ich empfehle es nicht). Ich spiele auch oft Fluchtspiele, besonders abends, wenn ich nichts anderes machen kann. Aber wo sind die Spiele von gestern, mit denen ich in den 90ern und 2000ern meine Nächte verloren habe, “Heroes of Might and Magic”, “Warcraft”, “Doom”, “Heretic”, “Hexen”?… Cooler als alles, was man heutzutage macht, trotz der primitiven und pixeligen Grafik der damaligen Zeiten… Es gibt jedoch auch heute Bemühungen, wie zum Beispiel „Machinarium“. Genial und außerordentlich lohnend war für mich die Serie “Myst”. Vor ungefähr zehn Jahren schmolz ich jedes Mal dahin vor Vergnügen, wenn etwas mit einem Klick geöffnet wurde.
Da wären noch die Bücher, die der Popularisierung der Wissenschaft dienen, aus denen ich endlos lesen könnte. Ich denke, im Moment besteht ungefähr 70 Prozent meiner Lektüre aus Büchern über Mathematik, Quantenphysik, Embryologie, Kosmologie, Technologie aller Art, Biologie und Genetik. Darin besteht einen Unterschied zwischen mir und den meisten Schriftstellern, die ich hier kenne. Sie lesen nur Literatur oder höchstens Literatur und “humanistische” Werke. Für mich ist es viel wichtiger, die Welt zu verstehen, als Bücher zu schreiben. Eigentlich schreibe ich ja Bücher, auch um die Welt zu verstehen. Solange du nur in der literarischen Welt steckenbleibst, scheinen dir Poesie und Prosa der Höhepunkt der Schöpfung zu sein. Wenn du ein wenig herauskommst, um frische Luft einzuatmen, so begreifst du, ”there are more things in heaven and earth…”.
 
Ich vermisse Mendebil so sehr – wie geht es ihm noch?
 
Ich auch! Leider ist Mendebil vor drei Jahren in Arad gestorben. Das habe ich leider von einem anderen Charakter aus derselben Geschichte gelernt, Lucian (Luciosu), mit dem ich mich zum ersten Mal seit 45 Jahren getroffen habe. Das Kind mit dem Spitznamen Mendebil hieß eigentlich Adrian. Seine Geschichte findet 1970 statt, während der Weltmeisterschaft in Mexiko, als die rumänische Mannschaft in Guadalajara in der “Löwengrube” spielte. Ein Jahr zuvor, in den Vorrunden, war Rumänien in einem Spiel von einem spanischen Schiedsrichter namens José Maria Ortiz de Mendebil gepfiffen worden, der plötzlich für seine Exzentrizität berühmt geworden war (als ein Spieler seine Pfeife nicht hörte, nahm er sie aus seinem Mund und warf sie gegen seinen Kopf). Der Name des Schiedsrichters, Mendebil, wurde im Rumänischen gleichbedeutend mit “verrückt”, “wahnsinnig” (auf Katalanisch bedeutet es eigentlich “das Haus auf dem Hügel”). So wurde dem verrückten Adrian der Spitzname “Mendebilul” gegeben. Als ich die Geschichte schrieb, wusste ich das alles nicht, ich dachte, es sei eine Verzerrung oder Abkürzung von “geistig behindert” (rum. “debil mintal”).
Vor zwei Jahren sah ich in Guadalajara das berühmte Jalisco-Stadion, wo 1970 Neagu, Dumitrache, Lucescu, Sătmăreanu, Dinu, Dembrovschi usw. (leider nicht Dobrin!), ganz Brasilien auf die Folter gespannt haben.
 
Wie denken Sie über den Tod?
 
In keinerlei Hinsicht. Es ist nicht eine meiner Obsessionen. Es ist wahr, dass mein letztes Buch “schreie nie nach Hilfe” ziemlich morbid ist, aber es ist eigentlich nicht von mir geschrieben, sondern nur veröffentlicht. Ich meine, es ist das Produkt einer Trance, mit der ich selbst nicht verbunden war. Veröffentlicht habe ich es nur als Akt der Ehrfurcht und Demut, aus Dankbarkeit gegenüber den Gedichten in diesem Buch, die in diesem Sommer mein Leben gerettet haben.
Vor ein paar Tagen wurde ich unter Vollnarkose operiert. Ich hatte keine Angst vor der Operation, sondern vor der Anästhesie. Ich hatte es noch nie erlebt. Also würde ich zwei Stunden lang sterben, tatsächlich sterben, weil ich mein Bewusstsein bin, nicht mein Herzschlag. Ich wusste nicht, wie es sein würde. Auf dem Operationstisch sagte mir der Anästhesist: “Denken Sie jetzt an etwas Schönes.” Ich dachte an Ioana und lächelte breit. Ich sah wahrscheinlich albern aus, nackt bis zur Taille, mit einer Nadel in der Vene, lächelnd. Dann gab es überhaupt nichts: Als ich wieder aufwachte, bei klarem Verstand, war ich in einem anderen Raum, die Operation war schon vorbei. Wo war der schreckliche Tod des Bewusstseins, selbst für zwei Stunden? Nirgends. Dort, wo wir alle waren, bevor wir geboren wurden. Ich habe Angst vor dem Leiden, aber nicht vor dem Tod.
 
Sie sprechen immer hervorragend über Ihren Verlag und Ihre Lektoren und Sie sind selbst ohne Zweifel eines ihrer Leuchtfeuer. Ich bin neugierig, ob der Verlag versucht, Ihnen in irgendeiner Weise einen Rhythmus der Erscheinungen aufzuzwingen, und ob Sie beim Schreiben eines Buches einen Dialog mit dem Verlag über den Inhalt, das voraussichtliche Datum der Fertigstellung des Manuskripts oder solche weitere Verwaltung führen. Und noch etwas: Traut sich der Herausgeber, in irgendeiner Weise in Ihre Texte einzugreifen?
 
Leider haben zwei meiner ausländischen Redakteure meine Texte verstümmelt, ohne meine Zustimmung einzuholen, ohne es mir auch nur zu sagen. Deshalb habe ich mich von ihnen getrennt, obwohl es große Namen waren. Ich möchte jetzt nicht sagen, wer genau diese sind, zumal es altes Zeug ist. Im Allgemeinen sind die Verleger jedoch meine Freunde, manchmal sehr nahe sogar. Es fällt mir sehr schwer, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der nichts zu sagen hat und mich nicht einmal kennenlernen will. Ich habe auch solche Situationen. Wie sie wissen, arbeite ich in Rumänien seit fast 27 Jahren bei Humanitas. Und mit Herr Liiceanu, sowie mit Lidia Bodea hat sich eine aufrichtige Freundschaft entwickelt. Es gibt nichts, was sie mir jemals auferlegt haben, weder im Rhythmus noch im Inhalt der Bücher. Ich schaue mir auch nicht die Verträge an, wenn ich sie unterschreibe (ich habe nie mit jemandem über den in den Verträgen angegebenen Betrag verhandelt, ich habe Bücher ins Ausland für 25.000 Euro, für 250 Euro und kostenlos gegeben). Die Redakteure, mit denen ich bei Humanitas zusammengearbeitet habe (in letzter Zeit arbeite ich fast ausschließlich mit Lidia), nehmen nur geringfügige Korrekturen, vergessene Buchstaben, kleine Ungenauigkeiten usw. vor, weil sie wissen, dass ich ihnen die Manuskripte bereits gründlich bearbeitet gebe. Ich bin ein fleißiger Mensch, ich hätte ein guter Redakteur oder Korrektor sein können. Aber natürlich übersehe ich einige Dinge und vier Augen sehen immer besser als zwei. Ich habe auch irgendwo erzählt, wie ich mit einem Korrektor gekämpft habe, der mir bei drei aufeinanderfolgenden Korrekturen in einem höchst philosophischen Kontext „Kalb“ (rum. vițeluș) anstelle von „vitelus“ schrieb, und „Kalb“ wäre auch geblieben, wenn ich nicht eine letzte Korrektur vorgenommen hätte, genau bevor das Buch in die Druckerei geschickt wurde…
 
Inwieweit stimuliert / hemmt Sie die Tatsache, dass Sie als der wichtigste zeitgenössische rumänische Schriftsteller betrachtet werden?
 
Ich habe diesen Satz über mich weder gelesen noch gehört. Vielleicht schwebt es irgendwo in der Luft, oder es wird von einigen Schullehrern gesagt. Aber wenn sie es trotzdem gibt, auch nur impliziert, ist diese Idee reines Gift. Nichts auf der Welt könnte einen Autor mehr verletzen. Nur dieser Satz und es reicht aus, um jeden der 3.000 Schriftsteller, über die wir gerade gesprochen haben, zu einem Feind zu machen. Sobald man als “der meist so und so” angesehen wird, gibt es keinen Ausweg mehr. In meinem Fall ist nicht einmal dieser Satz nötig. Früher hatte sich jemand darüber empört, dass zu viel über meine Prosabücher geredet wurde: “Heute gibt es bei uns mindestens 30 bessere Prosaschreiber als Cărtărescu.” Und er hat dann alle 30 aufgelistet. Dieser Typ hat nicht einmal gedacht, dass er mir wirklich eine Ehre macht: Es ist wunderbar, in der aktuellen rumänischen Literaturwelt auf Platz 31 von etwa 2000 Prosaschreibern zu stehen. Es bedeutet immer noch, dass Sie zur Elite gehören. Sie gelten immer noch als besser als fast jeder andere. Besides, die Aussage ist natürlich dumm und primitiv. Wehe der Kultur, in der einer am wichtigsten ist. “Wenn Ranglisten in der Literatur möglich wären”, sagte Nichita Stănescu, “wäre Dinamo Bukarest der größte rumänische Schriftsteller”. Und so ist es. Möge Gott mich davon abhalten, der wichtigste rumänische oder ruandische oder amerikanische Schriftsteller oder Weltschriftsteller zu sein. Oder so “betrachtet” zu werden. Ich vergleiche mich mit niemandem, ich hänge von keiner Meinung ab, ich bin ein einsamer und verletzlicher Mann außerhalb einer Gruppe jeglicher Art, aber bisher habe ich es geschafft zu überleben. Wenn also jemand von mir den Titel “der wichtigste zeitgenössische rumänische Schriftsteller” will, dann vergebe ich ihn gerne kostenlos, denn für mich hat das keine Bedeutung.
 
Fühlen Sie sich wohl?
 
Allgemein ja, mir geht es gut. Vielen Dank auch an euch, für eure Freundlichkeit, mir diese Fragen zu schicken. Ihre Aufmerksamkeit erfrischte mich plötzlich. Ich danke Bogdan Coșa für die Initiative. Wir leben weder in guten Zeiten für Literatur noch in guten Zeiten, um jung zu sein. Umso mehr freue ich mich, dass ihr schreibt und dass ihr jung seid. Macht jetzt all eure wahnsinnigen Dinge. Später wird es zu spät sein.
 
Es ist eine Frage, die Sie schon beantwortet haben, ich weiß das, aber ich denke, die Antwort könnte sich verändert haben, da wir in völlig andere Zeiten leben (und ich meine jetzt nicht nur die Pandemie). Denken Sie, dass die Entscheidung, die Sie an einem Punkt (oder vielleicht mehrmals) getroffen haben, in Rumänien zu bleiben, aus persönlicher, beruflicher Sicht die richtige war? Was könnten heute die Vor- und Nachteile gewesen sein, wenn Sie anders gewählt hätten?
 
Im Dezember 1990, am Ende meines Stipendiums in Amerika, war ich im JFK-Flughafen in New York und bewachte meine zwei riesigen, unerschütterlichen Koffer (zu dieser Zeit waren die Koffer nicht auf Rädern, man musste nach Karren suchen, um sie zu transportieren). Ich hatte eine Stunde Zeit, bis ich ins Flugzeug steigen sollte. So viel Unentschlossenheit schmerzte mich. Amerika war das Paradies gewesen. Ich hatte dort Freunde und die Möglichkeit eines Jobs. Es war überhaupt kein Problem zu bleiben und dann auch meine Familie mit zu bringen. Vielleicht hätte ich meiner Reife und Urteilsvermögen vertrauen sollen, aber ich tat es nicht. Ich zog ein Quarter aus meiner Tasche, schaute ihn mir eine Weile an und entschied: Was auch immer, ich werde, was dieser abgenutzte, fast glanzlose Penny sagt, tun, mit George Washingtons Profil auf der einen Seite und dem Adler auf der anderen Seite. Der Kopf bedeutet, ich bleibe, dachte ich, der Adler – ich gehe nach Hause. Ich warf ihn auf einmal in die Luft, wo er sich eine Weile drehte, dann fiel er auf die Steinplatten, wo er sich weiter drehte. Als er still stand, sah ich das Bild eines stumpfen Adlers und mein Herz sank. In einer Stunde war ich im Flugzeug. Ich bin also für den größten Fehler meines Lebens nicht verantwortlich. Dies ist auch ein Trost. Danach waren die Dinge nicht mehr so ​​dramatisch, ich habe weitere Auslandserfahrungen gemacht, mit langen Stipendien oder Universitätsjobs in Berlin, Wien, Budapest, Amsterdam, Stuttgart, Graz, Bellagio. Ich kümmerte mich immer weniger darum, wo ich wohnte, weil ich immer mehr in meinen Fiktionen lebte. Heute ist es mir egal, ob ich in Bukarest, San Francisco oder Bogota lebe. Ich habe die Welt gesehen, ich habe jeden neuen Ort enorm genossen (Südamerika, in den letzten Jahren, eine fantastische Entdeckung für mich), und ich hoffe, dass sie und ich die Chance haben werden, wieder zu reisen, weil, wenigstens mir, nichts besser für Verstand und Herz erscheint. Die Tatsache, dass ich all die Jahre in Rumänien geblieben bin, war ein großes Hindernis für “meine internationale Karriere”. Aber heute interessiert mich die Karriere überhaupt nicht mehr.
Übersetzung: Maria Tudosescu

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Bogdan Coșa
Bogdan Coșa
Bogdan Coșa este scriitor. Vezi „Cât de aproape sunt ploile reci” (Editura Trei, 2020).

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