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Joachim Umlauf: „Wenn es mehr finanzielle Mittel gäbe, gäbe es auch eine allgemeine Ruhe“

Anlässlich des fünften Jahrestages des DLITE-Literaturblogs wurde in diesem Jahr mit Unterstützung des Goethe-Instituts Bukarest das Bursa de creație DLITE ins Leben gerufen. Die Jury vergab zwei Preise an Mihai Radu und Corina Sabău. Wir sprachen mit Joachim Umlauf, dem Leiter des Goethe-Instituts Bukarest, über die Bedeutung der Förderung des Kreativsektors, über das kulturelle Bukarest, über öffentliche Fördermittel, aber auch über neue Perspektiven und literarische Mischungen:

Das Bursa de creație DLITE ist eine der wenigen Initiativen in Rumänien, die darauf abzielt, Autor*innen, die ein in Arbeit befindliches Buch fertigstellen wollen, finanziell zu unterstützen. Welche Bedeutung hat dieses Stipendium für Sie? Wird es eine zweite Vergabe geben?
Es ist ein wenig außergewöhnlich für das Goethe-Institut in Bukarest, ein solches Projekt mit DLITE zu entwickeln und einen solchen Zuschuss zu gewähren. Andererseits glaube ich, dass die Pandemie uns gelehrt hat, dass es sehr wichtig ist, den Kultursektor zu fördern und zu unterstützen. Jede*r war besorgt, jede*r musste in der Isolation bleiben, die normalen sozialen Beziehungen unterbrechen, daher war dieses Stipendium für uns umso wichtiger, weil es junge Autor*innen zum Schreiben motiviert und auch eine zusätzliche Chance für Bücher bietet, bekannter zu werden. Und ja, ich hoffe, es wird eine zweite Vergabe des Stipendiums geben.

Mihai Radu und Corina Sabău sind die Gewinner dieses Stipendiums. Könnte dieses Stipendium die Rezeption dieser Autoren auf dem deutschen Markt verändern, wenn ihre Romane übersetzt werden?
Wenn ihre Romane übersetzt werden, erhalten sie natürlich Aufmerksamkeit. Es gibt viele Bücher, die in Deutschland veröffentlicht werden, aber das deutsche Publikum ist an ausländischen Autor*innen interessiert, und wir können hoffen, dass diese beiden Autor*innen dank unserer Unterstützung ihre ersten Schritte in der deutschen Verlagswelt machen können.

In seinem Roman schreibt Mihai Radu über einen 50-jährigen Mann, der seinen Vater aus einem Pflegeheim nach Hause holen muss. Corina Sabău beschreibt das turbulente Leben einer jungen Frau, die beschließt, auszuwandern. Gibt es Themen, die in Deutschland von besonderem Interesse sind?
Beide Themen sind sehr interessant. Manchmal gibt es diese Klischees, die die Literatur in Deutschland in den “harten” Bereichen verorten; in gewisser Weise haben sie recht, wenn man an den kürzlich mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman der Autorin Antje Rávik Strubel, denkt, der von Vergewaltigung handelt.

Welche Faktoren tragen dazu bei, dass ein osteuropäisches Buch auf dem deutschen Buchmarkt übersetzt werden kann?
Ich denke, dass zu den wichtigsten Faktoren die Möglichkeit gehört, dass das Buch eine Finanzierung für die Übersetzung erhält. Denn, wie wir alle wissen, sind Übersetzungen teuer. Und viele der osteuropäischen Bücher sind sehr umfangreich und teilweise illustriert. Und dann ist da noch der nächste Punkt: Ein Teil Deutschlands war 40 Jahre lang kommunistisch besetzt, und da ist es natürlich interessant zu sehen, wie andere Länder, die kommunistisch besetzt waren, das Thema in der Literatur behandeln.

Im deutschsprachigen Raum gibt es zahlreiche Stipendien, Preise und Residenzen, die Schriftsteller*innen finanziell unterstützen und ihnen ein angenehmes Umfeld bieten. Woher kommen diese Initiativen? Glauben Sie, dass Rumänien diese Standards auch nur annähernd erreichen kann?
Das hat alles mit der deutschen Geschichte zu tun. Im 19. Jahrhundert wurde Deutschland durch die Einigung zu einem Nationalstaat, und jede Stadt, jede kleine Region entwickelte ihre eigenen Auszeichnungen, ihre eigene kulturelle Identität. Heute können viele Schriftsteller*innen, die vom Verkauf von Büchern nicht leben können, dank dieser Stipendien, Preise, literarischen Residenzen und öffentlichen Lesungen ein angenehmes Leben führen.

Wenn ein Verlag Sie bitten würde, eine*n deutschen Schriftsteller*in zu empfehlen, der noch nicht ins Rumänische übersetzt wurde, wer würde Ihnen als erstes einfallen?
Zwei meiner Lieblingsautoren sind Wolfgang Herrndorf und Christian Kracht, der aus der Schweiz stammt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie ins Rumänische übersetzt wurden oder nicht.

Welche Pläne gibt es am Goethe-Institut Bukarest, um deutsche Schriftsteller*innen sichtbarer zu machen?
In der Pandemie ist es schwieriger, aber wir haben ein laufendes Projekt mit der Übersetzerin Manuela Klenke: eine Anthologie zeitgenössischer deutscher Lyrik. Der Band wird im Jahr 2022 im Max Blecher Verlag erscheinen. Es ist eine hervorragende Initiative, um zeitgenössische deutsche Schriftsteller*innen bekannt zu machen.

Was sind die großen kleinen Freuden des Lebens in einer europäischen Hauptstadt?
Im Laufe meines Lebens hatte ich die Gelegenheit, in vielen Hauptstädten und vielen wunderbaren Städten dieser Welt zu leben. Ich habe in Venedig, Paris, Amsterdam und Prag gelebt. Bukarest ist sicherlich nicht eine der schönsten Städte, aber das hat mit der Architektur zu tun. Andererseits lebe ich gerne in dieser Hauptstadt. Manchmal erinnert es mich an Berlin in den 90er Jahren. Es ist ein bisschen chaotisch, laut, aber es gibt eine lebendige Kulturszene. Und was mich motiviert, ist, dass ich das Gefühl habe, dass Bukarest mich und meine kulturellen Erfahrungen braucht. Wenn man zum Beispiel in Paris lebt, muss man sich einen kleinen Platz in der Kulturszene erkämpfen und dort jemand werden. Hier ist das anders. Hier gibt es wenig finanzielle Mittel, man muss die Gemeinschaften miteinander verbinden und Möglichkeiten für Interaktion und Unterstützung schaffen. DLITE und andere Projekte unterstützen die deutsche Kultur und Kultur aus Rumänien.

Welchen Eindruck hat das kulturelle Bukarest bei Ihnen hinterlassen? Mit wem würden Sie in Zukunft gerne mehr zusammenarbeiten?
Ich würde sagen, dass Bukarest durch seinen eklektischen Stil gekennzeichnet ist. Ich kann nicht eine einzige Institution nennen. Natürlich kenne ich mich in der Literaturszene besser aus als in der Opernszene. Ich denke, das Wichtigste ist, gute Partner*innen zu finden, mit denen man zusammenarbeiten kann, Menschen zu finden, mit denen man kulturelle Strategien entwickeln kann. Ein kritischer Punkt ist die Tatsache, dass es in Rumänien nicht viele öffentliche Mittel gibt, was zu einem harten Wettbewerb führt, und daraus entstehen andere Dinge wie Neid und Hass. Wenn mehr Mittel zur Verfügung stünden, würde eine allgemeine Ruhe einkehren. Dieser Eindruck ist bei mir hängen geblieben.

Übersetzt von Yannick Warkus

Andra Rotaru
Andra Rotaru
Andra Rotaru (n. 1980) a realizat proiecte la intersecția dintre arte: performance-ul de dans Lemur, prezentat de coregraful Robert Tyree în America și în Europa; documentarul All Together, realizat în cadrul rezidenței The International Writing Program (Universitatea din Iowa, 2014); Photo-letter pairing (fotografie, proiect realizat în colaborare cu numeroși artiști și cu comunitatea din Iowa). Volume publicate: Într-un pat, sub cearșaful alb (2005), Ținuturile sudului (2010); Lemur (2012); Tribar (2018). Lemur a primit premiul „Tânărul poet al anului”, în cadrul Galei Tinerilor Scriitori (2013). Volumul de debut a fost tradus in spaniolă (En una cama bajo la sábana blanca, editura Bassarai, 2008). În 2018, Lemur a apărut la editura americană Action Books (traducere de Florin Bican). Volumul Tribar a apărut în Germania, la ELIF VERLAG, în traducerea lui Alexandru Bulucz (2022). De asemenea, a apărut în SUA, la Saturnalia Books, traducere de Anca Roncea (2022).

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