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Julia Grinberg – zwei Gedichte

Julia Grinberg, geboren 1970 in der UdSSR, aufgewachsen in der ehemaligen DDR und später in der Ukraine. Seit 2000 lebt sie in Deutschland bei Wiesbaden. Nach dem Chemiestundium arbeitete sie in Pharmabereich, später absolvierte sie verschiedene Ausbildungen und ist in der Weinbranche tätig. Auf Deutsch sind ihre Gedichte bei Fixpoetry und Signaturen erschienen sowie in Mosaik, Außer.Dem und in den Anthologien Versnetz_zwölf, „all over heimat“ und „Seitenstechen“, Homunculus Verlag. Ihr Debütband „kill-you-darlinge“ erschien im Herbst 2019 bei Gutleut-Verlag.

hilfsmaßnahme

 

als was fühle ich mich?

als zwischenbemerkung eines zustandes.

eine fortlaufende zweckentfremdung eines daseins:

war dieses, bin jenes, auch etwas anderes,

ein hochstapler zwischen

singdrosseln und turteltauben,

suche, erkenne, dass ich

nach mir suche, verdoppele den elan,

vergeblich. ich – nicht-ich. pseudo-ich,

das übrige vom fasan am straßenrand.

mein keim hat kein einziges auge.

 

laufe auf spitzenschuhen,

um besser voran zu kommen.

 

 

kann sein

 

mein tod ist ein verspieltes kind,

ich glaube, es ist ein mädchen.

mal begleitet es mich an die mosel

im gestalt eines motorradfahrers:

schlank, laut, schwarz, bunt behelmt;

mal neckt es mich als eine smaragdfliege,

dabei zeichnet und schreibt sie

mit ihrer flugbahn – karten sind offen,

schau rein; mal verwandelt

es sich in ein mohnfeld, roter signal

„bin_da“ ist nicht zu übersehen.

 

keine sorge, mein mädchen,

ich denke immer an dich. heute

standest du als ein straßenarbeiter

hinter der leitplanke. es war heiß, der nackte

muskulöse oberkörper stand dir gut.

mal warst du ein spinnennetz, hieltest dich

bloß mit einem finger am tor fest,

schaukeltest in der luft, küßtest mich

auf die wange. tautropfen

beschwerten dich in der frühen stunde,

wenn die sonne sie austupfte, warst du flügge.

 

neulich, war lustig, du hast dich versteckt

hinterm zischen des spiegeleis. als ich dich

entdeckte, zwinkerten wir einander. nur

wenn du als der hund mit schwarzem

fell – hier und da grauweiße zotteln –

mir hinterher trottelst, diesen scherz

finde ich nicht so gelungen. unser täglich spiel

geht weiter. du weißt, ich habe keine eile.

abends, wenn wir nach hause kommen,

sitzt du rechts von mir, in einer armlänge,

wir trinken tee und hören die amsel singen.

Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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