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Karen Nölle: Ollis Fest, Eine Tiergeschichte (Auszug)

Karen Nölle gestaltet seit zehn Jahren zusammen mit Silke Weniger und Kirsten Gleinig das Programm der edition fünf. Im Hauptberuf ist sie Literaturübersetzerin und freie Lektorin. Zu den von ihr übersetzten Autorinnen gehören Annie Dillard, Janet Frame, Ursula K. Le Guin, Doris Lessing, Alice Munro, Eudora Welty u. a. m. Geschrieben hat sie bisher Reisebücher, Literaturwissenschaftliches sowie unzählige Nach- und Vorworte. »Ollis Fest« ist ihr erstes erzählendes Buch.
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Bald

Olli liegt in einer Mulde und schläft. Um sie herum säuselt der Wind durch die Dünen, er legt das lange Gras in Wellen und raschelt in den Runzelrosen. Nur in der Mulde ist es still. Friedlich geht Ollis Atem ein und aus, ein und aus, mit einem leisen Schnaufen bei aus. Und manchmal, wenn sie im Traum ein besonders saftiges Kraut findet, schmatzt sie ein bisschen im Schlaf. Denn Olli ist ein Schaf, sie ist kein kleines Lamm mehr, sondern ein beinahe ausgewachsenes Schaf. Ostern ist sie ein Jahr alt geworden.

Die Nacht ist finster, aber Olli ist nicht allein. Ganz in ihrer Nähe liegen Elvira und Gabi. Jede für sich in den Sand gekuschelt, schnurcheln sie um die Wette. Und weiter weg sind die anderen aus ihrer Herde. Überall, wo kein Wind ankommt, ruhen Schafe in den Dünen. Aber die drei Freundinnen Olli, Gabi und Elvira haben es besonders schön, finden sie. Ihre Kuhle ist die gemütlichste. Dort schlafen sie tief und zufrieden.

Es ist noch sehr früh, am Himmel mischt sich gerade mal eine Ahnung von Grau ins Schwarz, da wird Ollis Schlaf unruhig. Erst zuckt ihr linkes Ohr, dann das rechte. Die Nase zieht sich kraus, ihre Beine wollen sich strecken. Sie macht ein Auge auf, seufzt, klappt es wieder zu.

Immer noch Nacht, meldet sich ihr Kopf. Wie schaa-ade!

Nun ist das ganze Schaf quietschwach. Wenn doch schon Morgen wäre!

Hans kommt immer erst, wenn die Sonne da ist. Und das dauert noch eine Weile. Deshalb ruckelt sich Olli wieder zurecht, kneift die Augen zu und versucht regelmäßig zu atmen, bis tief in den Bauch hinein. Ein. Aus. Ein – nein, es geht nicht, sie kann keinen Schlaf mehr finden. Sie will, dass es endlich so weit ist!

Wenn es nachher nämlich Tag wird, dann kommt etwas, auf das sie sich schon lange freut. Hans hat viel davon erzählt, und sie kann es kaum erwarten. Heute werden die Schafe nicht in den Dünen bleiben, von Morgen bis Abend wie sonst immer. Wobei, das Grasen hier, das hat auch was. Denn da kann sie mit ihren beiden liebsten Freundinnen ein Stück von den anderen weglaufen, und sie können ein bisschen für sich sein. Ohne die ganze Herde.

Die mit ihrem Geschubse und Geblöke, denkt Olli. Bloß weil jedes Schaf Angst hat, die anderen könnten ihm die leckersten Happen wegschnappen. Tolpatschig sind sie und laut und kein bisschen elegant. Sie spaziert lieber mit Gabi und Elvira gemächlich um die Rosenhecken. Dort recken sie die Hälse und verputzen nur zarte Blattspitzen und duftende Blüten. Deshalb riechen sie auch so viel besser als der Rest. Die drei Grazien nennt Hans sie immer. Bestimmt weil sie die Schönsten sind.

Aber heute gibt es etwas Besonderes, deswegen ist sie so aufgeregt. Heute haben die Schafe ihr großes Grünfest. Auf der Wiese im Dorf. Wenn Hans nachher kommt, dürfen alle Schafe mit zur Straße. Da steht dann der Laster mit der großen Ladefläche. Mit dem fahren sie dahin, wo die Menschen wohnen, zu dem Berg mit der Kirche. Die hat einen spitzen Turm und obendrauf einen Hahn, der stocksteif dasteht, sagt Hans, und sich nur manchmal dreht.

Den hat Olli noch nicht gesehen. Sie war erst einmal bei einem Grünfest dabei. Sie ist ja noch ein junges Schaf, und ins Dorf geht es jedes Jahr nur für einen Tag. Sonst müssen sie zu Hause bleiben, in den Dünen, wo sie hingehören.

Hans gehört auch in die Dünen. Er ist einer von ihnen, oder jedenfalls beinahe. Wenn er kein Mensch wäre, sondern ein Schaf, würde er ganz zu ihnen gehören. Aber weil er ein Mensch ist, fährt er öfter ins Dorf. Er hat dann da zu tun, sagt er. In letzter Zeit ist das ganz schön oft. Meistens abends. Und er erzählt auch viel vom Dorf. Aber sonst ist er immer bei ihnen und zieht mit ihnen zusammen über die Dünen.

Hans ist unser Hirte, denkt Olli. Und ein Hirte ist ein Aufpasser. Aber bei Hans merkt man das eigentlich gar nicht. Wir brauchen auch überhaupt keinen Aufpasser, wir finden doch alles selber. Unser Fressen, unsere Kuhlen zum Schlafen, den hohen Dünenberg mit dem dichten Gras, die Runzelrosen. Aber schön ist es trotzdem, dass Hans bei uns ist. Er gefällt mir sehr.

Die Zeit vergeht mit Denken und Träumen. Als Olli diesmal die Augen aufmacht, hat sich der Himmel 11 am unteren Rand rötlich gefärbt, als ob irgendwo weit weg ein Feuer glüht. Nach oben hin verschwindet das Rot. Aber richtig dunkel ist der Himmel nirgends mehr, und um sie herum beginnt die Landschaft aus der Nacht aufzutauchen. Der Dünenrand ist schon deutlich zu sehen. Olli streckt die Glieder. Endlich! Sie stößt Elvira und Gabi mit der Schnauze an.

»Aufwachen! Los, kommt mit, wir laufen hoch, gleich kommt die Sonne!«

Elvira schnaubt und dreht den Kopf auf die andere Seite. Sie lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Aber Gabi steht im Nu auf den Füßen, schüttelt sich und trippelt auf ihren dünnen Beinchen los.

»Lass doch«, sagt sie zu Olli. »Pass auf, sie kommt bestimmt hinterher, wenn sie merkt, dass wir weg sind.«

Also lässt Olli Elvira liegen und eilt mit Gabi durch den Sand bergan. Sie will auf jeden Fall rechtzeitig da sein. Oben auf dem Dünenkamm drehen sie sich nach Osten, dahin, wo es am hellsten ist. Ihr Blick ist weit. Bis zum Horizont geht er, ganz bis zum Rand der Welt. Und der Himmel ist klar, über ihnen noch frühmorgengrau und so durchsichtig, als wäre er verschwunden. Im Nichts aufgehängt blinzeln ein paar letzte Sterne.

Aber unten geht es los. Dort werden ein paar hauchdünne Wölkchen mit Ollis und Gabis Lieblingsfarbe bemalt. Rosa, ganz duftig und zart. Ein Band aus so einer Wolke hätte Olli gern mal in ihren Löckchen über der Stirn. Das würde gut zu meinen Augen passen, denkt sie, und zu meinem Fell.

Um die Wolken wächst die Helligkeit, und unten am langen Strich zwischen Himmel und Erde wird eine Stelle immer leuchtender. Strahlen schießen auf. Plötzlich ist es so weit. Die Sonne geht auf! Zuerst erscheint ein feuriger Punkt. Schnell wird er breiter und größer, dann immer runder, und bald können die beiden Schafe gar nicht mehr richtig hingucken, weil die goldene Kugel so blendet. Mit einem Schlag wird die Welt hell. Gabi und Olli trifft der erste Sonnenstrahl, und über ihnen wird alles blau.

Sie sind die Ersten, während unter ihnen alles noch im Schatten liegt. Dafür sind sie auf den höchsten Punkt geklettert. Die Sonne bescheint nur sie, ganz alleine auf der Welt. Vor ihren Augen tanzen runde Punkte, weil sie so lange ins Licht geguckt haben.

Unter ihnen rutscht Sand. Sie hören Schnaufen. Mit weit vorgerecktem Kopf kommt Elvira auf den Dünenkamm geklettert.

»Wa-arum habt ihr mich nicht geweckt?«, meckert sie. »Wa-arum habt ihr nicht auf mich gewa-a-artet? Ihr seid gemein.«

Die beiden antworten nicht. Sie drehen der Sonne die lange Seite zu und genießen die Wärme. Dabei sehen sie sich stumm an. Gabi verdreht die Augen. Das weiß doch jeder, denkt Olli, die Sonne wartet nicht auf Langschläfer. Wir waren früh da, wir haben uns in Ruhe sattgesehen.

Als Elvira oben ankommt, murmelt sie enttäuscht: »Oh, so hoch ist sie schon.« Doch dann wendet auch sie der Sonne die Seite zu und lässt sich den Pelz wärmen. Und das Licht wandert weiter, in die Dünentäler hinein. Der Tag ist da. Endlich.

© 2019 edition fünf

Das Buch kann hier bestellt werden.

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