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| ©Marius Weber

„[wir] verdienen einen (erhöhten) Mindestaufwand pro Normseite und den gleichen Respekt bei offiziellen Nennungen und Publikationen”

Ab dem 30. September 2022, dem Internationalen Tag des Übersetzens veröffentlicht dlite unter dem Motto „Becoming Visible“ eine Reihe virtueller Gespräche zwischen Übersetzer:innen; dabei geht es uns vornehmlich um Herausforderungen, Vorgehensweisen und die berufliche Erfahrung der Held:innen, die uns fremdsprachige Bücher näherbringen.
  1. Was ist das Besondere an Literaturübersetzer:innen? Vor welchen Herausforderungen stehen Übersetzer:innen?

Jana Grohnert: Die schwierigste Frage zuerst! Ich glaube, das Besondere an Literaturübersetzer:innen ist, dass sie sich der Verbreitung und größeren Anerkennung der Literatur eines anderen Menschen widmen. Das ist ein ziemlich großer Dienst. Und wir tun das meistens aus Liebe zur Sprache, zum Text, zum/r Autor:in, nicht weil wir besonders gut davon leben können.

Michael Pietrucha: Literaturübersetzer:innen sind Charaktere, Haudegen, Künstler:innen, Geeks und Nerds, die sich real und künstlerisch zwischen mehrsprachigen Welten bewegen und Ideen aus der einen der anderen (Sprach-)Welt klarmachen. Manchmal existieren Bücher, gleich wie erfolgreich und beachtet sind oder nicht, nur aus der hartnäckigen Initiative von Übersetzer:innen. Wenn sie Bücher werden, empfinde ich sie als Geschenke, die besonders aufmerksam gelesen und behandelt werden sollte. Zuletzt ist das noch die Sache mit dem schnöden Mammon. Wir müssen versuchen, sichtbarer zu werden, weil die Arbeit an jedem Buch langwierig und strapaziös ist, um es für uns, deren „Surrogateltern“ vorzeigbar, und die Verlage verkäuflich zu machen Wir werden alle stärker von der Inflation erwischt, aber verdienen einen (erhöhten) Mindestaufwand pro Normseite und den gleichen Respekt bei offiziellen Nennungen und Publikationen.

 

  1. Hat dich jemand zu oder in deiner Arbeit inspiriert?

Jana Grohnert: Mein Doktorvater Dr. Marco Sonzogni, der selbst auch Lyriker und Übersetzer ist. Er hat mich ermutigt, nach meinem Masterstudium mit dem literarischen Übersetzen weiterzumachen, mich um ein Stipendium zu bewerben und zu promovieren. Damals wusste ich noch nicht, dass meine Übersetzungsrichtung eigentlich die Falsche ist. Als ich dann herausfand, dass man am besten nur in die Muttersprache übersetzt, hat mich das gereizt. So nach dem Motto: Mutter, Mutter, wie weit darf ich gehen?

Michael Pietrucha: Es gab nicht die eine einzige Person in den knapp 3 Jahren meiner immer ernster werdenden Tätigkeit. Aber interessante Orientieungspunkte (um das unsägliche Vorbilder zu vermeide), sind Uljana Wolf als Lyrikerin und Lyrikübersetzerin, Siarhei Matyrka, der Karabat, Erwin Moser und The Great Gatsby ins Belarussische übertrug, und nicht zuletzt Lydia Nagel, die für mich für die LCB Werstatt 2022 als Mentorin ausgewählt wurde, v.a. als Theaterübersetzerin aus u.a. Ukrainisch, Belarussisch, Slowakisch und Polnisch tätig ist und mir bei meinem ukrainischen Gedichtband, aber auch durch ihre lockere zwischenmenschliche Art geholfen hat. Sich zu finden war umständlich, aber es hat „gefunkt“, sodass ich weitest möglich in die Theaterübersetzung gehen möchte. (Auf diese Liste gehören noch einige.)

 

  1. Welches der Bücher, die du übersetzt hast, gefällt dir am meisten und warum? Gibt es ein Projekt, bei dem du sehr gerne mitgearbeitet hast?

Jana Grohnert: Im Moment arbeite ich noch an meiner Dissertation. In meinem Projekt geht es zum einen um die Frage der Übersetzung in die Nicht-Muttersprache und zum anderen um die Frage, wie man eigentlich eine:n Autor:in übersetzt, der/die sich selbst übersetzt, wo es also sozusagen „zwei Originale“ gibt. Als Fallbeispiel habe ich Anne Weber gewählt. Ich übersetze einige Passagen aus ihren ersten drei oder vier Büchern vom Deutschen und Französischen ins Englische. Ich mag die Bücher sehr. Ich mag den Ton, den Humor, die Wortspiele und die Art und Weise, wie mit und an der Sprache gearbeitet wird.

Michael Pietrucha: Die Hälfte der von mir bisher übersetzten und publiziert Bücher sind Auftragsarbeiten, die andere Initiativprojekte. Die Auftragsarbeiten „Der Staatsanwalt und der Richter“ über den jüngst mit 103 Jahren Benjamin Ferencz und Richter Antonio Cassesse, und „Der Kampf um Rückkehr“ behandeln Fragen und Geschichte des Völkerrechts von der Stunde Null an. Sie sind wertvolle, nicht zu unterschätzende Erklärungen für die Leute in unseren Landen, die beispielsweise den Westen nun für seine Machtlosigkeit in den Kriegen der letzten Jahre an den Pranger stellen. Bildet euch und macht dann den Mund auf. Ich sehe meine Arbeit hier als Dienst an der guten Sache, gleichwohl die Reichweite solcher Publikationen gering bleibt. Die Lyrikbände, die ich übersetzt habe, zuletzt „Sarmatia“ aus dem Belarussischen und „Chopins Herz“ von Jacek Dehnel, dessen Publikation für den Spätsommer 2023 geplant sind, sind mir persönlich wichtig, weil die Arbeit an ihnen schon 2019 begann, aber die Details dafür sollen an dieser Stelle erspart bleiben. Und natürlich freue ich mich sehr, mit Lesyk Panasjuk seit einem Jahr zusammenzuarbeiten und die deutschen Übertragungen seiner ukrainischen Gedichte hierzulande unter die Zuhörerschaft zu bringen.

 

  1. Gibt es ein Wort oder eine Wendung, die dir schlaflose Nächte bereitet hat?

Jana Grohnert: Schlaflose Nächte bereitet mir eher die wissenschaftliche Arbeit. Was mir aber sehr oft passiert, ist, dass ich mich beim Lesen nicht konzentrieren kann, weil mein Unterbewusstsein nach einer passenden Lösung für etwas sucht, was in meiner Übersetzung noch nicht ganz ausgereift ist. Dann lese ich und denke, oh, dieser Ausdruck könnte vielleicht hier oder dort passen, und schon sitze ich wieder am Computer und arbeite weiter an der Übersetzung… Manchmal möchte ich auch einfach nur lesen oder abschalten und nicht ständig in die Sprache schauen!

 Michael Pietrucha: Das Langgedicht „Sarmatia“ besteht aus dreißig in Briefform verfassten kurzen Gedichten. Ich musste oft bei v.a. Siarhei und der Dichterin Maryja Mastysievic über die Bedeutungen der Wörter und Zusammenhänge konsultieren. In einem Gedicht spielt die historische und kulturelle Bedeutung von Vilnius eine wortspielerische Rolle. Ohne die Redewendung auszuschreiben, wissen die Belarussen, dass es um „Rabi pilna, budze Vilnja“ geht (Sei fleißig, dann schaffst du auch ein Vilnius zustande zu bringen). So knackig die Wendung schon ist, die Dichterin spielte mit dem lautlichen Unterschied zwischen „pilna“(fleißig, dringend) und „pylna“ (staubig). Während die Übersetzer:innen ins Polnische, Russische und Ukrainische recht leichtes Spiel hatten, entschied ich mich letztlich für eine Ergänzung des allbekannten „Vilnja (ergo Rom) wurde auch nicht an einem Tag erbaut, wenn doch auch aus Staub“.

 

  1. Gibt es einen Autor oder eine Autorin, den oder die du gerne übersetzen würdest?

Jana Grohnert: Im Moment konzentriere ich mich ganz auf Anne Weber. Ich hoffe, dass sich nach dem Studium ein englischsprachiger Verlag findet, der eines der Bücher veröffentlicht, an denen ich zumindest teilweise arbeite. Ansonsten… bin ich für alles offen. Nach dem Studium möchte ich mich auch mehr mit neuseeländischer Literatur beschäftigen und etwas ins Deutsche übersetzen.

Michael Pietrucha: Kurz gesagt, nicht wirklich. Ich möchte gerne mal einen Polnischen Klassiker übersetzen (Jarosław Iwaszkiewicz wäre derzeit mein Favorit, oder Leopold Staff, der polnische Rilke), oder einen schwedischen wie „Der Zwerg“ von Pär Lagerkvist, aber ich bin erst Mal für jedes Angebot dankbar

 

  1. Becoming Visible. Was verstehst du unter diesem Motto?

Jana Grohnert: Darunter verstehe ich vor allem das Sichtbarwerden von Literaturübersetzer:innen, die nicht oder nicht ausschließlich in ihre Muttersprache übersetzen. Das ist nach wie vor ein sehr großes Tabu und ich glaube, es ist an der Zeit, diese Vorurteile mal genauer unter die Lupe zu nehmen und zu fragen, was ist hier Fakt, und was ist Erbe der Romantik und des Nationalismus. Sprachbiographien und Selbstidentifikationen mit Sprache(n) können aus verschiedenen Gründen sehr unterschiedlich aussehen. Die Literatur ist da offensichtlich schon um einiges weiter als die Übersetzung.

Michael Pietrucha: Wir Übersetzer:innen sind Stimmen von Menschen und Ideen, die alle nur eine naturgegeben begrenzte Reichweite haben. Ich will uns und eben diese Menschen und Ideen sichtbar gemacht sehen, denn wir arbeiten für Brosamen. Wir verdienen mehr Achtung und eine würdige Entlohnung für uns und unsere Familien.

 

Jana Isabel Grohnert wurde 1988 in Wesel geboren. Sieebt seit 2012 in Neuseeland. Zuletzt hat sie das Buch der neuseeländischen Kinderbuchautorin Emily Joe ins Deutsche übersetzt.

Michael Pietrucha ist Übersetzer aus dem Polnischen, Ukrainischen, Belarussischen, Englischen. Er wurde 1983 in Siemianowice Śl. in Polen geboren und ist im Kindergartenalter nach Deutschland übergesiedelt

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Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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