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© Suhrkamp Verlag

Zoë Beck: Auszug aus „Paradise City“

Zoë Beck zählt zu den wichtigsten deutschen Krimiautor*innen und wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis, dem Radio-Bremen-Krimipreis ausgezeichnet. Für Paradise City bekam sie 2020 den Deutschen Krimipreis und 2021 den Politkrimipreis der Heinrich-Böll-Stiftung.
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Liina wacht mitten in der Nacht auf und fühlt sich wie gerädert. Sie hat länger geschlafen, als sie wollte. KOS zeigt keine Auffälligkeiten an. Zur Sicherheit piekt sie sich in den Finger, damit das Smartcase ihr Blut analysieren kann. Während die Auswertung läuft, steht sie auf und geht leise in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. Ihre Eltern haben Fenster und Balkontüren offen gelassen, aber es hat kaum abgekühlt. Liina stellt sich auf den Balkon, sieht in den sternklaren Nachthimmel, sieht über die ruhige, dunkle Stadt, sieht auf die Lahn, die träge an den Häusern vorbeifließt, auf den See dahinter, der ruhig und still das Mondlicht auffängt.

Sie denkt an Yassin, an die Schläuche und Maschinen, die dafür sorgen, dass er am Leben bleibt, falls er am Leben bleibt. Die Aufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie er vor den Zug stürzt, sind wieder in ihrem Kopf, als hätte sie sie gerade erst gesehen. Und dann sieht sie den schlaff herabhängenden Arm von Kaya Erden vor sich. Beide wurden am selben Tag zur selben Zeit attackiert. Eine ist tot, einer so gut wie. Was sie verbindet, ist die Arbeit an derselben Story, von der niemand weiß, worum es ging. Niemand außer den Leuten, die die beiden tot sehen wollen. Wie haben sie davon erfahren? Liina sieht auf die Uhr: noch nicht Mitternacht. Sie geht zurück in die Küche, stellt ihr Glas ab, holt Bodybag und Smartcase aus ihrem Zimmer und verlässt leise die Wohnung.

Ethan und Özlem sind in der Agentur, und sie sind nicht die Einzigen. Was mit Yassin geschehen ist, mit Kaya Erden, lässt niemanden schlafen. Alle arbeiten an ihren aktuellen Beiträgen, der Rest der Zeit gehört der Spurensuche.

»Mir hätte ja ruhig mal jemand was sagen können«, sagt Liina beleidigt.

»Özlem hat gesagt, du sollst dich schonen!«, verteidigt sich Ethan. Özlem weicht schlecht gelaunt ihrem Blick aus.

»Habt ihr schon irgendeine Idee?«

»Wir haben immerhin Zugang zu seiner Cloud, jedenfalls zu Teilen davon«, sagt Ethan. Er sitzt an Özlems Schreibtisch, sie neben ihm. »Einige Bereiche sind extra verschlüsselt. Wir haben ein Bewegungsprofil, nicht ganz vollständig, aber immerhin. Von Kaya haben wir gar nichts, da sitzen zwei Leute dran und versuchen, irgendwie Zugang zu ihren Daten zu bekommen. Kann noch dauern.«

»Jemand wie sie weiß, was die Polizei kann, was wir können, was die Geheimdienste können. Sie weiß es besser als Yassin und wir alle zusammen.« Özlem steht auf, stellt sich hinter Ethan, als wollte sie überflüssigerweise betonen: Sie ist die Chefin. Er führt nur aus.

Die Tür des Büros steht offen, aber heute Nacht bleiben alle Türen geöffnet. So kennt Liina die Agenturräume nicht. Normalerweise wird vermieden, dass etwas nach außen dringt. Oder dass die falschen Dinge hereinwehen. Es arbeiten hier noch etwa zwanzig weitere Personen, und sie glaubt, dass jetzt alle da sind. Zwanzig der verschwiegensten Menschen im Land, von denen ihre Familien, ihre Liebsten denken, sie würden etwas ganz anderes arbeiten.

»Was kann ich tun?«, fragt Liina.

Ethan dreht sich um, tauscht mit Özlem einen Blick. Özlem nickt. Er wendet sich wieder an Liina. »Vielleicht noch mal mit frischem Blick das Bewegungsprofil ansehen?«

Sie geht um den Schreibtisch herum und stellt sich neben ihre Chefin. Auf dem Bildschirm ist der Tag vor seinem Unfall (sie nennt es Unfall) zu sehen. Sein Smartcase-Signal bewegt sich von seinem Wohnort in Frankfurt-Wiesbaden zur Agentur am Theaterplatz und wieder zurück. Es gibt noch eine kleinere Schlaufe in Wiesbaden. Seine Laufstrecke, vermutet Liina. Wer Sport treibt, bekommt Zusatzpunkte für die Krankenversorgung und darf schöner wohnen.

»Leg mal die letzte Woche komplett übereinander.«

Ethan tut es und offenbart eine bestürzende Monotonie. Die einzelnen Tage unterscheiden sich nur gering, was die zurückgelegten Strecken und die Uhrzeiten angeht. Auch die Laufstrecke ist nahezu identisch. Es gibt kleinere Abweichungen, aber das Prinzip bleibt gleich.

»Noch eine Woche.«

Keine Überraschungen. Das Leben eines strukturierten, disziplinierten, langweiligen Menschen.

»Hat er das programmiert? Wenn er das programmiert hat, fehlt ihm wirklich jede Fantasie«, sagt Ethan und fügt eine dritte Woche hinzu.

»Oder auch nicht. Es sind Details, die jeden Tag anders machen«, sagt Özlem.

»Okay. Aber er verarscht uns doch. Das sind nicht seine echten Daten.«

»Er verarscht nicht uns.«

»Du weißt, was ich meine.« Er macht sich an die Arbeit.

Liina gelingt es schließlich, Özlems Blick einzufangen, aber nicht lange. Es ist Özlem deutlich unangenehm, mit ihr in einem Raum zu sein.

»Liina, wir versuchen weiter, an sein echtes Profil und die wirklich relevanten Daten in seiner Cloud zu kommen. Schau dir bitte die Meldungen rund um das Gesundheitsministerium an. Olga hat schon angefangen.«

»Olga ist hier?«

»Seit heute Morgen.«

Liina kann nicht glauben, dass Olga morgens angekommen ist. Morgens schläft sie normalerweise, weil sie die Nächte durcharbeitet. Wahrscheinlich war sie die ganze Nacht unterwegs, hat Hallo gesagt und sich dann erst mal schlafen gelegt. »Wo sitzt sie?«

»In Yassins Büro.«

Sie nickt und geht rüber.

Noch bevor sie den Raum erreicht, schießt ihr durch den Kopf, wie sie mit Yassin schläft, mit ihm redet, mit ihm streitet. So wie vorgestern. Ist es wirklich erst zwei Tage her?

Jetzt bleibt sie im Türrahmen stehen, sieht Olga, die auf einen Bildschirm starrt und sie nicht bemerkt oder gerade ihre Konzentration nicht unterbrechen will. Liina betrachtet sie einen Moment. Olgas Haar ist grauer geworden, sie trägt es auf der rechten Seite kurzrasiert, auf der anderen hat sie lange Dreadlocks. Die kurzen Haare lassen die Tätowierungen durchscheinen, ein stilisiertes Rentier, ein Schneekristall. Das rechte Ohr ist mit dreizehn Ringen durchstochen. Sie hat ein kurzes schwarzes Leinenkleid an, die nackten Füße stecken in schwarzen Leinensneakern, an denen sie die Schnürsenkel gelöst hat. Olga, Mitte vierzig, Datenjournalistin, Hackerin, Mustererkennungsprofi. Und manchmal Dokumentarfilmerin.

»Extra heute Nacht angereist, höre ich?«, fragt Liina.

Olga hebt kurz eine Hand, muss noch etwas beenden, schaut dann auf. »Ah!« Sie strahlt, steht auf und umarmt Liina. »Natürlich, Ehrensache.«

»Habt ihr schon nasse Füße?«

An der Nordsee ist Anfang des Jahres die Küste zwischen Oldenburg und Bremen komplett evakuiert worden, weil die Winterstürme, die seit Jahren bereits im Herbst beginnen, mit ihren schweren Sturmfluten riesige Landteile zerstört haben und sich die Schäden schon lange nicht mehr beheben lassen.

»So schnell geht Rostock nicht unter. An der Ostsee ist es vergleichsweise harmlos. Besuch mich doch mal endlich!«

»Klar!« Beide wissen, dass sie lügt. Sie lächeln trotzdem.

»Setz dich zu mir«, sagt Olga. »Du kannst mir helfen.«

»Deshalb bin ich hier.«

Olga fasst zusammen, was sie bisher getan hat. »Ich habe die Social-Media-Aktivitäten sämtlicher Personen, die für das Gesundheitsministerium arbeiten, ausgewertet. Sowohl deren private Accounts als auch die offiziellen. Außerdem alle PR-Meldungen und andere Mitteilungen des Ministeriums sowie in einer dritten Gruppe die Themenbereiche der Lobbygruppen. Da kommen lustige Sachen raus – den Trend beim Thema Fahrrad im April und Mai kann man beispielsweise auf Treffen mit diesen Lobbyistinnen zurückführen.« Sie zeigt Liina im Eiltempo ein paar Fotos. »Und lustigerweise ist bei der Auswertung der privaten Aktivitäten der Mitarbeiterschaft nicht zu erkennen, dass dort jemand verstärkt Fahrrad fährt, oder überhaupt Fahrrad fährt.« Sie lacht. »Aber das ist nicht unser Thema. Oder doch?«

»Mach weiter«, sagt Liina und versucht vergeblich, die Datensätze, durch die Olga rast, zu verstehen.

»Okay, die aktuellen Themen sind: eine Überarbeitung des Punktesystems. Blutalkoholtests dreimal am Tag, Urintests jeden Morgen, und du kannst, wenn alles fein ist, deine Punkte ins Unendliche steigern. Einzelzimmer für alle!« Wieder lacht sie. »Im Ernst, da sind ein paar krasse Einschränkungen drin. Die Ernährungsweise wird dann auch total kontrolliert, indem die Einkäufe mit KOS abgeglichen werden.«

»Mich wundert eher, dass das nicht längst gemacht wird.«

»Na ja, es dauert, das zu programmieren, damit es perfekt funktioniert. Dann gibt es noch diesen Schwerpunkt: Erstellen einer genetischen Datenbank. Das ginge dann weit über die Blut- und Gewebsdatenbanken hinaus.«

Liina nickt. »Alles Themen, die eher stoisch hingenommen werden.«

»Was der eigentliche Skandal ist. Ich sehe da keinen Angriffspunkt. Selbst wenn Yassin irgendetwas herausgefunden hätte, beispielsweise Datenweitergabe an andere Länder, Datenverkauf an internationale Pharmakonzerne – es hätte dem Ministerium egal sein können, weil es gut zwei Dritteln der Bevölkerung vollkommen egal ist.«

Liina nickt. »Also, was wäre den Leuten nicht egal?«

Olga zuckt die Schultern und lehnt sich in Yassins Sessel zurück. »Wir haben doch alles. Uns kann wirklich das meiste egal sein.«

Eine Sekunde lang glaubt Liina ihr fast. Dann muss sie lachen. Sie merkt, dass sie zu lange nicht mehr so befreit gelacht hat. Und wie sehr ihr Olga gefehlt hat. »Jetzt sag schon.«

»Der Kinderwunsch bleibt ein sensibles Thema.« Dass Abtreibungen ein legaler Eingriff sind und problemlos durchgeführt werden, hat sich nur durchsetzen können, weil mit einer Ein-Kind-Politik gedroht wurde. Die Bevölkerungszahl in Europa war zwar durch Masernpandemien und Antibiotikaresistenzen um fast vierzig Prozent gesunken, aber um das Ökosystem stabil zu halten, durften jetzt, da man wirksame Antibiotika entwickelt und mit einer radikalen Impfpflicht die Masern ausgerottet hatte, die Geburtenraten nicht allzu sehr in die Höhe schießen. »Die allermeisten Menschen sind nach wie vor daran interessiert, sich freiwillig Nachwuchs ans Bein zu binden und ihre persönliche Freiheit noch weiter einzuschränken.« Olga merkt nicht, dass Liina diesmal nicht mitlacht. »Dann wäre da noch das Klonen. Das löst weiterhin riesige Ängste aus. Geklonte Menschen sind eine Horrorvorstellung, der die Wissenschaft so leicht nichts Beruhigendes entgegenzusetzen hat. Was noch? Genmanipulation bei der künstlichen Befruchtung, das ist emotional so besetzt wie das Klonen, einerseits, und andererseits immer beliebter.«

»Und gibt es da irgendwas, worauf Yassin gestoßen sein könnte?«

»Keine Ahnung. Ich habe noch nichts Konkretes entdeckt.«

»Nichts Konkretes, aber …?«

»Ich brauch was zu essen.« Olga steht auf, sieht Liina erwartungsvoll an. »Kommst du mit?

Textauszug aus: Zoë Beck , Paradise City. Roman. © Suhrkamp Verlag 2020

Zoë Beck geboren 1975 in Ehringshausen. Schule und Studium in Deutschland und England. Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Amanda Lee Koe und James Grady), Verlegerin (CulturBooks), Synchronregisseurin für Film und Fernsehen. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Zoë Beck zählt zu den wichtigsten deutschen Krimiautor*innen und wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis, dem Radio-Bremen-Krimipreis ausgezeichnet. Für Paradise City bekam sie 2020 den Deutschen Krimipreis und 2021 den Politkrimipreis der Heinrich-Böll-Stiftung.

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Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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Ann Cotten wurde 1982 in Iowa geboren und wuchs in Wien auf. All Ihre literarische Arbeit wird nicht nur in der Literaturszene, sondern auch in den Bereichen der Bildenden Kunst und der Theorie geschätzt und wurde zuletzt mit dem Klopstock-Preis und dem Hugo-Ball-Preis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie den Internationalen Literaturpreis und 2021 den Gert-Jonke-Preis. Ann Cotten lebt in Wien und Berlin.

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Marcel Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter 2008 den Joseph-Breitbach-Preis und 2016 den Georg-Büchner-Preis. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig.

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