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Zur Übersetzung und zum Inhalt des Romans „Metzgerei Kennedy“ von Radu Țuculescu, ins Deutsche von Peter Groth

Radu Țuculescu bietet in dem Roman Metzgerei Kennedy ein Festmahl an fleischhaltigen Köstlichkeiten, garniert mit ironischen Einschüben und satirischen Darlegungen. Dabei geht es hier um einen bekömmlichen Roman, geeignet für LeserInnen, die auf Humor nicht allergisch reagieren.
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Geplant war ein Artikel, in dem die Resonanz zu dem Roman Metzgerei Kennedy in Rumänien, seinem Heimatland, mit derjenigen des Gastlandes Deutschland verglichen wird. In Rumänien erschien der Roman Măcelăria Kennedy im Jahr 2017 in dem angesehenen Verlag Polirom. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und gut aufgenommen. Es gab Buchbesprechungen, Lesungen und Publikumsreaktionen. Die deutsche Übersetzung, von Peter Groth angefertigt, erschien Mitte letzten Jahres im Mitteldeutscher Verlag. Im Netz sind zwei Rezensionen erschienen, von der Fachkundigen für osteuropäische Literatur, Annika Grützner, und der Romanistin Anke Pfeifer. Allerdings kann man in Anbetracht der letzten Ereignisse und Entwicklungen in Deutschland nicht von einer weitgehenden Wahrnehmung des Romans, sondern höchstens von einer individuellen Leseerfahrung sprechen. Die Leipziger Buchmesse und andere Lesungen, die die Aufmerksamkeit des deutschen Lesers auf dieses Buch hätten lenken können, sind ausgefallen, wodurch sein Weg zu der deutschen Leserschaft nicht gerade geebnet wurde.

Worum geht es nun in dem Roman? Auf die LeserInnen kommt auf den 240 Seiten des Buches eine Reihe irrer Ereignisse, belegt mit schrägen, jedoch lustigen AkteurInnen zu. Die Hauptperson, der Metzger Flavius Kassian, ist ein großer Fan des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Kennedy, weshalb er sich dazu entschließt, seine Metzgerei nach diesem zu benennen. Das Geschäft soll am Montagmorgen eröffnet werden, sodass wir auf den fleißigen Fachmann, der sich als Künstler auf seinem Gebiet sieht, mitten in den Vorbereitungen stoßen. In seiner Begeisterung träumt der Mann selbst nachts von tanzenden Ausbeinmessern, die Pirouetten drehen, hüpfenden Fleischwölfen und von Bäumen, die statt Obst Bries, Hoden, dicke und zarte Würstchen, geräucherte Hühnerschenkel, gegrillte Wachteln, Kaltabosch, Rinderspieße, Gänsegrieben, Entenschlegel und Entrecôte vom Widder abwerfen. An dieser Stelle sowie auch dann, wenn der Metzger seine Gerichte erstellt, sprich Blutwurstpastete, Presswürste oder geflochtene Markzöpfe, musste der Übersetzer eine Recherchephase zu traditionellen rumänischen Gerichten einlegen und kreativ werden, um die annähernd entsprechenden Leckereien der deutschen Küche einsetzen zu können. In einer Fußnote oder vielleicht sogar einem Glossar am Ende des Buches hätte man die in Deutschland nicht geläufigen Begrifflichkeiten oder Namen erläutern können.

Um die ganzen Vorbereitungen für die Eröffnung der Metzgerei herum werden der Reihe nach andere Bewohner der Kleinstadt vorgestellt, in kurzen Szenen, die wie in einem Puzzle am Ende ein Bild der Untermond-Gemeinde ergeben. Man hat das Gefühl, über die drei Tage hinweg, denn die Handlung des Romans geht von Freitag bis Sonntagabend, ein Gast in Untermond zu sein, wo man von Țuculescu eine Führung bekommt, bei der man nicht nur wichtige Anhaltspunkte der Ortschaft kennenlernt, sondern auch die Menschen, die darin leben.

Die Frau des Metzgers, Matilda, schläft das ganze Buch über „mit offensichtlicher Gleichgültigkeit gegenüber der Unruhe des Gatten und gegenüber den Problemen der Menschheit“. Bei seinem Vorhaben  wird der Metzger unter anderem von seinem Gehilfen Epaminonda Tiliu, einem vegetarischen Dichter, und dem ehemaligen Hauptschullehrer Avram, ebenfalls ein Künstler, der das Schild der Metzgerei mit Buchstaben bestehend aus Würstchen, Rippchen und Bries erschaffen soll, unterstützt. Später lernt man die fünfundachtzigjährigen Zwillinge Roberta und Rosalia kennen, die von der Dorfgemeinschaft unbeachtet auf die skurrile Idee kommen, ihr eigenes Begräbnis und den Leichenschmaus zu proben. Dann trifft man da noch auf die bloggende Ärztin Otilia oder den Bürgermeister Anton Vitan, der von Geburt an einen Tick, ein leichtes Pfeifen beim Sprechen, aufweist. An ihn wendet sich der Metzger mit der Bitte, den Straßennamen Friedhofsgasse, an der sich die Metzgerei befindet, zu ändern.

Untermond, die Ortschaft, in der die Handlung stattfindet, existiert tatsächlich in der Nähe der Großstadt Cluj-Napoca/Klausenburg. Eine Debatte zur Transferleistung könnte an diesem Punkt weitergehen: War die wortwörtliche Übersetzung des Namens Untermond die richtige Wahl? Da sich über die Zeit hinweg abwechselnd Deutsche und Ungarn in diesem ehemaligen Dorf niederließen, würde die Minderheit aus Siebenbürgen die Gemeinde Kenderloch nennen, während die ungarische Minderheit dazu Kendilóna sagen würde. Um den Stil des Autors wiederzugeben und den Leser an einen Ort zu versetzen, an dem man mit allem rechnen kann, erscheint mir jedoch die von dem Übersetzer gewählte Variante die beste Wahl, und zwar weil Țuculescu nicht auf die geographische oder historische Bedeutung des Namens setzt, sondern auf die humorvolle Wirkung, die die belustigenden Assoziationen einfädeln. Er bringt ironisch pointierte Namen ein, wie zum Beispiel den der Rockband Fliegentod, die am gleichen Wochenende im Amphitheater des Quadratischen Waldes von Untermond spielt, oder den des Vortrags Reden im Nebel, der auf derselben Bühne von dem Großen Petric vorgetragen wird. Mit einem Anflug von Patriotismus überzeugt der von einer Fliegenaura umkreiste Redner die Zuhörer davon, dass ihre Sprache die Grundlage der wichtigsten Weltsprachen und ihr Land so schön wie ein Paradies ist. Dabei „gärte der Teig des Stolzes in den Herzen der Untermondler und Untermondlerinnen, ging auf wie ein Hefezopf.“ Das Publikum, bis auf die kleine Tochter des Bürgermeisters, ist begeistert und kauft dem charismatischen Sprecher alles ab, selbst dass die Schneeflocken in Rumänien die gleiche Struktur wie die in Indien aufweisen.

Vor der Eröffnung der Metzgerei am Montagmorgen steht den ulkigen Untermondlern noch ein anderes bedeutungsvolles Ereignis bevor: die Sonnenfinsternis am Sonntag, für dessen Beobachtung Brillen zu Verfügung gestellt werden, von Sami Goldberg, dem letzten Juden vor Ort, der geblieben ist, um sich um den Friedhof zu kümmern. Zu den Kneipen Untermonds zählt auch die Café-Bar Haus des Hutmachers; eine Lokalität, in der man sich zu seinem Getränk auch einen Hut bestellen und während des Besuchs ausleihen kann. Hüte mit großer Krempe, Glockenhüte, Kappen, eine Strickmütze, einen Sombrero, Federhüte, einen Cocktailhut mit breiter Krempe, Perlen und Schmuck aus Plastik, eine Jagdmütze und einen Zylinder.

Metzgerei Kennedy ist ein für Deutschland eher untypischer Roman, auch wenn die burleske Komik, hervorgerufen durch die Eigenartigkeit der Charaktere, mich an Frank Schulz’ Onno Viets erinnert. Man könnte sagen, Țuculescu hat sich in diesem Roman vorgenommen, um jeden Preis gute Laune zu verbreiten. Nach dem Motto: Meine Damen und Herren, Schmunzeln und Lachen ist serviert!

Ins Grübeln kommt man bei der Erwähnung der Störche, die ihre Nester auf Strommasten gebaut haben und sich um ihr Überleben, sowie auch um das ihrer Kleinen sorgen. Dabei überlegen sie loszufliegen, „bevor uns die Hitze erwischt“. Stichwort Klimawandel. Immer wieder tauchen die Störche im Laufe des Romans auf. Da sie Schwierigkeiten haben, ihre Küken zu versorgen, kommen sie auf die Idee, in ein Land zu ziehen, in dem es Frösche regnet. Stichwort Auswanderung. Die abschließende Szene (Spoileralarm) bringt den Metzger in eine ansatzweise ähnliche Situation, wie die seines Helden, der amerikanische Präsident John F. Kennedy. Ohne zu wollen, gerät er zwischen die Fronten und wird von der Kugel eines Jagdgewehrs getroffen.

Țuculescu gelingt es durch diesen Roman Eigenarten der heutigen rumänischen Gesellschaft wiederzugeben, auf eine kritisch-humorvolle Weise, die einem weder lehrhaft noch boshaft vorkommt. Selbst wenn ab und zu Wiederholungen aufkommen, machen die Ironie und die tragikomische Sprache, der sich der Autor bedient, die Lektüre schmackhaft und eröffnen den Appetit, mehr von diesem Autor zu lesen.

In dieser Zeit des Rückzugs, in der wir in eine virtuelle Realität flüchten, um somit das Miteinander zu erleben, würde ich mir für Bücher, Verlage und Buchhandlungen vermehrte Aufmerksamkeit wünschen, zum Beispiel durch Online-Lesungen, bei denen die Honorare nicht ausfallen. Fahrt-, Übernachtungs- und Verpflegungskosten müssten bei solchen Lesungen nicht gezahlt werden. Wieso also einem solchen Autor, wie Radu Țuculescu, der einer der wichtigsten Autoren der achtziger Generation Rumäniens ist, und seinem Übersetzer nicht in einer Online-Veranstaltung zuhören? Über dieses Buch gäbe es viel mehr zu sagen, was ein Gespräch mit dem Autor und dem Übersetzer umso spannender machen würde.

Radu Țuculescu: Metzgerei Kennedy (Zarte Nebenwirkungen der globalen Erwärmung) Aus dem Rumänischen von Peter Groth, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2019, 237 Seiten, 18,00 EUR, kann hier bestellt werden.


Manuela Klenke, geb. 1984 in Klausenburg, lebt zurzeit in Osnabrück. Sie studierte Angewandte Fremdsprachen an der Babeş-Bolyai Universität und an der Universität Osnabrück. Von 2010-2019 war sie als Dozentin für Deutsch als Zweitsprache tätig. Im Jahr 2017 erhielt sie für die Übersetzung des Romans Null Komma Irgendwas (Interior zero, geschrieben von Lavinia Braniște) ein Arbeitsstipendium des DÜF. Zurzeit kuratiert sie die monatliche Kolumne Deutsche Ecke auf DLITE, dem Literaturblog des Goethe Instituts Bukarest. Übersetzungen von ihr erschienen in Literaturzeitschriften, wie Signaturen-Magazin, Fixpoetry, mosaik, Salz, außer.dem, Steaua und Poesis international. Sonstige veröffentlichte Bücher: On Textproduction: The Integral Relationship to Translation (Ko-Autorin Alina Preda) und Die grünen Brüste (Übersetzung des Kurzprosabands Sȋnii verzi, geschrieben von Florin Iaru).

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Manuela Klenke
Manuela Klenke
Übersetzerin. Veröffentlichte Übersetztungen: die Romane von Lavinia Braniște "Null Komma Irgendwas" und "Sonia meldet sich" (mikrotext) sowie der Kurzprosaband "Die grünen Brüste" (danube books) von Florin Iaru. Zurzeit arbeitet sie an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik, die im Frühjahr 2022 im Verlag Casa de Editură Max Blecher erscheinen wird.

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